Wie Mittelständler langfristig erfolgreich wachsen

Für ein nachhaltiges Wachstum benötigen Firmen nicht nur Alleinstellungsmerkmale bei ihren Produkten und Dienstleistungen. Auch bestimmte interne Strukturen spielen bei der erfolgreichen Unternehmensexpansion eine entscheidende Rolle.
(Foto: © alphaspirit – stock.adobe.com)
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Ein langfristiges Unternehmenswachstum streben alle Unternehmer an, so auch die europäischen, die von KPMG beim europäischen Family Business Barometer 2016 befragt wurden. Über die Hälfte der deutschen (57 Prozent) und europäischen Firmen (61 Prozent) will vor allem ihre Profitabilität steigern. Zum Vergleich: Ihren Umsatz wollen dagegen nur 34 Prozent der deutschen Unternehmer und 34 Prozent ihrer europäischen Konkurrenten erhöhen. Es gibt laut eines Thesenpapiers der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young (EY) sieben Faktoren, die das Wachstum eines Unternehmens entscheidend beschleunigen können und auf die sich stark wachsende Unternehmen konzentrieren, darunter u.a. der Einsatz IT-basierter Technologien wie Big Data und Cloud-Services in ihrem Kerngeschäft. Rund 60 Prozent der rund 142 von KPMG befragten deutschen Betriebe sind davon überzeugt, die Herausforderung rund um die digitale Transformation ohne externe Hilfe stemmen zu können. Allerdings gehen nur zwölf Prozent der von KPMG-Befragten davon aus, dass sich die Wertschöpfungskette durch die digitale Transformation entscheidend verändern wird.

Organisches und anorganisches Wachstum


Organisches Wachstum sorgt laut der Experten von EY selten für besonders hohe Umsatzsprünge. Kooperationen, Fusionen, Übernahmen und andere Transaktionen würden eher dafür sorgen, dass der Umsatz steige. Dies gelte insbesondere auch für mittelständische Firmen, die ein nachhaltiges Wachstum anstreben. Mareike Awe und Marc Reinbach, Gründer des Düsseldorfer Start-ups „intueat“ und Teilnehmer der TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“, haben sich bewusst anders entschieden: „Wir streben generell eher ein organisches Wachstum an und sind seither komplett eigenfinanziert. Wir merken, dass uns diese Art des Wachstums die Möglichkeit gibt, unser Produkt ständig zu optimieren und unsere Kundenzufriedenheit über 90 Prozent zu halten.“ Bei einem anorganischen Wachstum wäre es schwierig, „innovativ zu bleiben und individuell auf unsere Teilnehmer einzugehen, die Kundenzufriedenheit muss stets hoch sein, denn nur so bietet man wirklich einen Mehrwert und kann sich langfristig durchsetzen“, begründen Awe und Reinbach ihre Entscheidung. Auch die Experten von EY sehen die Kundenzufriedenheit als entscheidend an. Die Kunden der wachstumsstärksten Unternehmen der Welt seien zufriedener und treuer als die anderer Unternehmen, weil jene deren Wünsche genau kennen und auch erfüllen, heißt es vonseiten Ernst & Youngs.

Herausforderung steigende Löhne


Doch Unternehmer sollten auch auf die Wünsche ihres Personals eingehen. „Wachstum geht ja in der Regel auch mit einem zusätzlichen Mitarbeiterbedarf einher. Daher müssen Firmen angesichts des ohnehin engen Marktes für Fachkräfte auch als Arbeitgeber attraktiv sein“, sagt Heiko Gradehandt, Bereichsleiter bei Willis Towers Watson. Wer als wachsender Mittelständler Fachkräfte aus anderen Unternehmen werben wolle, komme deshalb auch an einer guten betrieblichen Altersvorsorge (bAV) nicht vorbei. Außerdem würden die eigenen Fachkräfte mit dem zunehmenden Erfolg des Unternehmens auch interessanter auf dem Arbeitsmarkt. Hier könne sich der Mittelständler unter anderem auch die Bindungswirkung der bAV zunutze machen, sagt Gradehandt. Über ein Drittel von 2.000 befragten Arbeitnehmern nannte in einer aktuellen Willis-Towers-Watson-Umfrage die bestehende Betriebsrente als Grund, beim aktuellen Arbeitgeber zu bleiben. „Eine beitragsorientierte, risikoarme Gestaltung mit ausreichender Flexibilität sei ein wichtiger Eckpfeiler einer bAV-Strategie für wachsende Mittelständler“, sagt Gradehandt. Die Umsetzung hat allerdings ihre Tücken. Über die Hälfte der deutschen Familienunternehmer (57 Prozent) und damit 13 Prozent mehr als im Vorjahr sieht laut KPMG in diesem Jahr die steigenden Lohnnebenkosten als ihre größte Herausforderung an.
Es sei wichtig, eine straffe Flexibilität in den eigenen Strukturen und in den bAV-Systemen zu erhalten. Die bAV müsse auch im Wachstum planbar und verkraftbar bleiben, sonst drohe der Arbeitgeber aufgrund des Wachstums an ihr zu ersticken, warnt Mittelstandsexperte Gradehandt. Stabiles Wachstum braucht auch immer eine zur Unternehmensstrategie passende Art der Finanzierung. Awe und Reinbach, Gründer des Ernährungsprogramms „intueat“, haben aus diesem Grund das Beteiligungsangebot eines Investors aus der TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“ abgelehnt: „Das Angebot lag mit einer Unternehmensbeteiligung ein Drittel weit über dem, was wir abgeben können. Wir betreiben unser Unternehmen leidenschaftlich und haben eine große Vision – da würde uns ein eher passiver Investor, der nicht für intueat brennt und eine zu hohe Beteiligung hat, eher bremsen.“ Finanzierungspartner finden Unternehmer aber nicht nur in der „Höhle der Löwen“. Es gibt u.a. einige Förderprogramme wie die der NRW.Bank, die sich an Unternehmer richten oder auch Angebote der Bürgschaftsbanken. Die Industrie- und Handelskammer bietet zu diesem Thema auch regelmäßige Sprechtage zu Finanzierungsfragen von Unternehmern an, wie zuletzt die IHK Nord Westfalen in Münster am 26. Oktober 2016 oder in Bocholt am 16. November.

„Den Business Case kritisch hinterfragen lassen“



Häufig würden Unternehmer die sogenannten „Schmerzen des Wachstums“ unterschätzen, sagt Edmund Cramer, Partner der Unternehmensberatung Cramer Müller & Partner und im KMU-Beraterverband engagiert. „Die Erlöse werden oft über- und die Kosten unterschätzt. Hier können Unternehmer leicht Abhilfe schaffen, indem sie beispielsweise einen befreundeten Unternehmer bitten, den Business Case kritisch zu hinterfragen“, rät Cramer. „Unternehmer sollten zudem beim Unternehmenswachstum immer eine sogenannte Fall-back-Option haben, sich gedanklich also nicht nur auf den Best Case, sondern auch auf den Worst Case einstellen, um vorbereitet zu sein, falls der geplante Wachstumsschub nicht eintritt.“ Trotz vielfältiger Herausforderungen, verbunden mit ihrem Wachstum und politischer Unsicherheiten wie dem „Brexit“, blicken zwei Drittel der deutschen Familienunternehmer (69 Prozent) im europäischen Family Business Barometer 2016 von KPMG mit Zuversicht in die Zukunft – fast so zuversichtlich wie ihre europäischen Wettbewerber mit 72 Prozent.

Barbara Bocks | redaktion@rhein-wupper-manager.de
Ausgabe 09/2016