Serie – Internationalisierung für Mittelständler: Vom Import zur Tochtergesellschaft

Wie und wen Sie brauchen, um international durchzustarten.
(Foto: Wort & Lichtbild)
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Von der YO­LO-Popkultur über Just-in-time-Produktion bis hin zum virtuellen Arbeitsplatz – die digitale Revolution und der technologische Fortschritt lassen die Welt mit ihren Menschen und Warenströmen zusammenwachsen. Das Welthandelsvolumen und die Verflechtung von nationalen Volkswirtschaften schaffen ein globales Wirtschaftsdorf und die Internationalisierung bietet dem Mittelstand neue Chancen. In unserer vierteiligen Serie zum Thema Internationalisierung im Mittelstand möchten wir Ihnen einen kleinen Ausblick auf die Möglichkeiten und die Fallstricke für Ihr Unternehmen geben und werden uns im zweiten Teil der Serie mit den personellen Entscheidungen zugunsten eines internationalen Geschäfts beschäftigen. Auch werden wir uns mit den verschiedenen Formen der Auslands -Aktivitäten vertraut machen. Denn oft reicht es für ein Unternehmen aus, wenn sich dieses auf einen ausländischen Zielmarkt konzentriert, um erfolgreich an der Globalisierung zu partizipieren.

Erfolgreicher und leistungs-fähiger dank aktivem Außenhandel

In einer Analyse des Statistischen Bundesamtes von 2016 beschreibt Dr. René Söllner, dass KMU einen geringeren Internationalisierungsgrad als Großunternehmen aufweisen. „Nur etwa ein Viertel aller mittelständischen Unternehmen in Deutschland ist überhaupt im Außenhandel aktiv und die Importe und Exporte dieser Unternehmen beschränken sich zumeist auf ein einziges Partnerland“, so Dr. Söllner. Der Volkswirt leitet seit Februar 2016 das Referat „Struktur der Industrie“ des Statistischen Bundesamtes und befasste sich zuvor u.a. mit Fragen zum Thema Mittelstand und ökonomische Globalisierung. „Eine weitere wesentliche Erkenntnis ist, dass die im Außenhandel aktiven KMU zwischen 2010 und 2013 hinsichtlich ihrer Beschäftigungsentwicklung erfolgreicher waren als KMU ohne Außenhandelsaktivität.“ Eine dritte und höchst interessante Erkenntnis der Analyse ist, dass vergleichsweise viele KMU aus dem europäischen Ausland kontrolliert werden und dass diese im Vergleich zu den inländisch geführten KMU eine größere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit aufweisen.

Erfolgreicher und leistungsfähiger dank aktivem Außenhandel – so liest sich die Quintessenz der Analyse und so kann man auch in der Praxis beobachten, dass Unternehmen mit internationalem Bezug, sei es durch Beteiligungen, Partnerschaften, Import oder Export,weit innovativer und weltoffener sind. Das zeigt sich auch in der Mitarbeiterstruktur.

Wie Sie Ihren Mitarbeiterstamm für das internationale Geschäft finden

Um hier im Rennen um Fachkräfte sein eigenes Employer Branding zu stärken, kann man mehrere Wege gehen. Ein beliebter Weg ist dabei die Anwerbung von ausländischen Fachkräften oder von Mitarbeitern anderer Unternehmen, die bereits als Expats im Ausland tätig waren. Ein anderer Weg ist die gezielte Anwerbung ausländischer Studenten, die an unseren Hochschulen in den verschiedensten Fachbereichen studieren. Allein im Wintersemester 2015/16 hatten wir über 86.000 ausländische Studierende in NRW – so viele wie nie zuvor. Hier lohnt es sich auch für den klassischen Mittelstand, den Kontakt zu Hochschulen zu suchen und dort z.B. Praktika oder Abschlussarbeiten von der Bachelorthesis bis zur Doktorarbeit anzubieten.

Doch unsere Universitäten und Hochschulen können noch mehr leisten. So findet man dort immer internationaler ausgerichtete Studiengänge oder Programme wie z.B. den Masterstudiengang Internationales Management Asien an der Hochschule Konstanz oder das Zertifikat Wirtschafts- und Unternehmenspraxis für Anglisten, Asienwissenschaftler oder Romanisten an der Universität Bonn. Eine Regionalexpertise mit wirtschaftlicher Fachkompetenz verschafft Ihnen einen studierten und vielseitig einsetzbaren Mitarbeiter für das internationale Geschäft.

Vom Import bis zur Tochtergesellschaft

Haben Sie Ihr Team aus erfahrenen und international geschulten Mitarbeitern zusammen, dann stellt sich die Frage, in welcher Form Ihr Unternehmen international tätig sein möchte. Bei der Bearbeitung ausländischer Märkte gibt es viele Möglichkeiten, vorzugehen. Eine ausführliche Beschreibung der einzelnen Formen, auf die auch häufig in der wissenschaftlichen Literatur hingewiesen wird und welche die IHK Bochum in ihrer Untersuchung „Internationalisierungsstrategien des Mittelstands“ genutzt hat, ist das genetische Modell oder auch Stufenmodell der Autoren Meissner und Gerber von 1980. In diesem Modell wird die internationale Unternehmertätigkeit in Abhängigkeit der Ressourcenbindung im Ausland untersucht. Mit steigender Ressourcenbindung wächst in der Regel auch der Internationalisierungsgrad
eines Unternehmens.

Das Modell unterscheidet weiter die Außenhandelsgeschäfte, kooperative Marktbearbeitungsformen und Marktbearbeitungsformen mit Kapitalbeteiligung. Wie einer Treppe folgend, steigt der Grad des Involvements dabei mit jeder Stufe und verlangt nach einem höheren Einsatz von Ressourcen.

Seinen Start nimmt das Ganze beim Import. Dieser geschieht meist auf Basis eines günstigen Wirtschaftsgutes, das man im Ausland erstanden hat, und verlangt nach wenig bürokratischem Aufwand – allenfalls der Beschaffung einer EORI-Nummer bei der Generalzolldirektion in Dresden. Import ist für Unternehmen die niedrigste Stufe des Internationalisierungsgrades. Zu der einfachsten Form, wie man als Unternehmen selbst ins Ausland gehen kann, gehört der Export. Hier unterscheidet man zwischen einem direkten und indirekten Export. Bei Letzterem werden Waren über inländische Mittler exportiert, wohingegen beim direkten Export kein Zwischenhändler im Inland eingeschaltet ist und die Ware direkt an ausländische Abnehmer geht. Hierdurch kann das Unternehmen sowohl seinen Umsatz besser steuern als auch schneller eingreifen.

Die nächste Stufe bei den Formen der Markteintrittsstrategie im Ausland stellen kooperative Marktbearbeitungsformen, wie Lizenzen, Franchising oder Vertragsfertigung, dar. Diese Formen bedingen aber einen weit größeren Ressourceneinsatz und eine gründliche Recherche vor Ort. Denn schließlich bringt man als deutsches Unternehmen oft mit seinem guten Namen in einen ausländischen Markt ein. Joint Venture ist eine Sonderform der dauerhaften Kooperation und vereint zusätzlich Elemente der Kapitalbeteiligung in sich. Sie bietet KMU neben den Handelsgeschäften eine weitere Möglichkeit, in einem ausländischen Markt Fuß zu fassen, wobei sich die Partner eines Joint Venture die Geschäftsführung sowie das Risiko vertraglich teilen.

Finale und höchste Stufe der Internationalisierung eines Unternehmens bilden die Auslandsniederlassung oder Gründung einer Tochtergesellschaft. Sie eignen sich für Unternehmen, die bereits Auslandserfahrungen gesammelt haben, jedoch nicht für solche, die erst in einen ausländischen Markt einsteigen wollen. Marktbearbeitungsformen mit Kapitalbeteiligung sind mit hohen Personal- und Finanzinvestitionen verbunden und verlangen oft nach interkulturellem Fingerspitzengefühl, insbesondere bei der Personalpolitik. Kombinieren Sie daher Ihre Personalpolitik geschickt mit dem Grad Ihrer Internationalisierung und vergessen Sie dabei nicht: Andere Länder haben andere Sitten. Und mit diesen – sprich: den rechtlichen und kulturellen Besonderheiten des internationalen Geschäfts – beschäftigen wir uns im nächsten Teil unserer
Serie. André Sarin | redaktion@regio-manager.de

INFO

Unterschiede in der Leistungsfähigkeit bei KMU

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Ausgabe 09/2017