Frauenmangel in der Chefetage

Frauen sind in Führungspositionen deutlich unterrepräsentiert. Dennoch gibt es einige wenige Managerinnen, die zeigen, wie man erfolgreich ein Unternehmen führt – auch im Revier.
Foto: © Pathfinder – stock.adobe.com
Foto: © Pathfinder – stock.adobe.com

 

 

Es ist noch nicht allzu lange her, da waren verheiratete Frauen in Deutschland gesetzlich zur „Führung des Haushalts verpflichtet“; bis 1977 durften sie nur arbeiten, wenn ihr Ehemann seine Erlaubnis gab. Obwohl diese Rollenvorstellungen heute antiquiert wirken und Studien belegt haben, dass geschlechtergemischte Teams in der Berufswelt erfolgreicher arbeiten, sind Frauen im Jahr 2016 in deutschen Chefetagen noch immer deutlich unterrepräsentiert. Das belegt das „Managerinnen-Barometer 2016“ des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW): Die Untersuchung hat gezeigt, dass der Frauenanteil in den Vorständen der 200 umsatzstärksten Unternehmen Ende des Jahres 2015 bei rund sechs Prozent lag. Im Vorjahr waren es gut fünf Prozent. Die Gründe für diesen sehr langsamen Anstieg sind vielfältig. „Wir sind auf einem guten Weg, aber was mehrere Tausend Jahre gültig war, kann nicht in kurzer Zeit vorbei sein“, gibt Dr. Patricia Aden, Vorsitzende des FrauenRates NRW, zu bedenken. „Man muss sich bewusst machen, dass Frauen erst seit 1918 wählen und offiziell in der Öffentlichkeit vertreten sein dürfen.“ Das Bewusstsein, dass Frauen dasselbe leisten können wie Männer, habe langsam wachsen müssen und sei in manchen Berufsfeldern noch immer nicht erkannt worden. „Darüber hinaus müssen Frauen auch die Möglichkeit haben, ihren Job auszuüben. Allerdings stellt die Familie oftmals einen Hinderungsgrund dar“, sagt die Medizinerin, die ebenfalls Vorsitzende des Deutschen Akademikerinnenbundes ist. „Dass dieses Thema beide Geschlechter gleichermaßen betrifft, ist noch nicht überall angekommen.“ Bei der Familiengründung würden in der Regel die Mütter mit beruflichen Einschränkungen leben. „In den vergangenen zehn Jahren hat sich in der Familienpolitik bereits viel geändert – z.B. durch neue Konzepte im Bereich der Kinderbetreuung. Dennoch trauen sich die meisten Frauen noch nicht, darauf auch wirklich voll aufzubauen.“

Familie und Beruf vereinbaren

Deshalb gehe es heute in starkem Maße um die Frage, wie Familie und Arbeit miteinander vereinbart werden können. „Sinnvoll wäre es, verschiedene Konzepte nebeneinander zu installieren. Firmen könnten beispielsweise Müttern nach der Elternzeit die Rückkehr in den Beruf zu guten Bedingungen ermöglichen. Eine Frau, die zehn Jahre lang eine Familie geführt hat, verdummt nicht, sondern erlernt sehr viele Kompetenzen, die gerade im Management extrem wichtig sind.“ Ideal wäre es, wenn Frauen in Elternzeit durch jährliche Fortbildungen oder Einladungen zu betrieblichen Veranstaltungen weiterhin vom Unternehmen begleitet werden. „Unsere Lebenszeit verlängert sich schließlich; es muss nicht alles im Alter zwischen 30 und 40 Jahren passieren.“ Aber auch die Frauen selbst müssten umdenken: Viele würden dazu neigen, ihr Wissen zu unterschätzen, und darauf verzichten, sich in wichtigen Situationen lautstark zu Wort zu melden. „Frauen werden oft dazu erzogen, zu gefallen, anstatt zu lernen, wie man Dinge durchsetzt.“ Insbesondere wenn es um das Verhandeln von Gehältern geht, fehlt es den Damen nicht selten an Durchsetzungskraft. Studien haben schließlich gezeigt, dass Männer in vergleichbaren Positionen oft deutlich mehr Geld verdienen. „In dieser Situation muss man sich nicht grundsätzlich als Opfer sehen, sondern sich fragen, ob man seinen Standpunkt richtig vertreten hat.“ Einen Hinweis darauf, dass in den Chefetagen der Unternehmen im Ruhrgebiet Frauen ebenfalls unterrepräsentiert sind, gibt das Ranking „Die 100 mächtigsten Manager im Revier“, das im Oktober im REVIER MANAGER veröffentlicht wurde: Unter den 100 gelisteten Managern waren lediglich neun Frauen zu finden. Eine von ihnen ist Ulrike Warnecke. Die geschäftsführende Direktorin der PCC SE mit Sitz in Duisburg überrascht diese Zahl nicht: „Ich glaube, dass es für eine Frau tatsächlich schwieriger ist, eine Führungsposition zu erreichen. Mehrfach habe ich die Erfahrung gemacht, dass eine Frau immer besser sein muss als ein Mann, um die gleiche Position zu erreichen.“ Sie selbst hat sich davon nicht beeinflussen lassen: „Ich wollte einfach nur gute Arbeit leisten.“ Nach dem Abitur absolvierte sie eine Ausbildung zur Industriekauffrau im Mannesmann-Konzern und arbeitete dort anschließend als Junior-Key-Account-Manager. Parallel machte sie eine Ausbildung zur Fachkauffrau für Marketing. Fünf Jahre später wechselte Warnecke als Key-Account-Manager zur Rütgers Group und zeichnete dort verantwortlich für die Beschaffung von Rohstoffen aus Osteuropa. Ihr damaliger Abteilungsleiter machte sich 1993 mit PCC selbstständig und nahm Warnecke mit ins neu gegründete Unternehmen. Dort besetzte sie von Anfang an Führungspositionen und stieg 2004 in den Vorstand ein. Obwohl ihr erster Chef ihr bescheinigte, eine Karrierefrau zu sein, dachte Ulrike Warnecke anfangs nicht daran, eine Führungsposition zu bekleiden. „Als es dann so weit war, habe ich aber schnell Spaß daran gefunden, Verantwortung zu übernehmen.“ Einen Grund dafür, dass nur wenige Frauen in Deutschland den gleichen Weg gehen, sieht sie ebenfalls in der mangelnden Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Als Chef hat man bei der Besetzung einer Position immer im Hinterkopf, dass eine Frau in Elternzeit gehen könnte und die Position bald wieder vakant ist. Letztendlich stellen wir selbst immer wieder fest, dass die Aufgaben des Familienmanagements eher von den Müttern als von den Vätern übernommen werden.“ Dabei sei sie nicht sicher, ob es überhaupt eine geeignete Lösung gibt. „Familie ist schließlich etwas Schönes, für das man sich Zeit nehmen sollte. Allerdings bin ich mir sicher, dass ich nie in der heutigen Position wäre, wenn ich selbst Kinder gehabt hätte.“ Zu den mächtigen Managerinnen zählt auch Bettina am Orde, Erste Direktorin der Deutschen Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See. Nach dem Abitur absolvierte sie ein Studium der Sozialwissenschaften in Bochum. Kurze Zeit war sie am Lehrstuhl für öffentliche Wirtschaft und Sozialpolitik tätig. Ihren ersten richtigen Job bekleidete sie – übrigens als erste Frau – in der Stabsstelle Verbandspolitische Planung beim AOK-Bundesverband. Anschließend wurde sie Referatsleiterin beim DGB, arbeitete beim IKK-Bundesverband, der Landesverwaltung NRW und nun bei der Knappschaft-Bahn-See in Bochum.

Besser sein als Männer

Auch am Orde machte die Erfahrung, dass es für Frauen schwieriger war und ist, Führungspositionen zu erlangen. Das liege zum einen an „inneren Hemmnissen“, zum anderen aber auch daran, dass sie nach wie vor besser sein müssen als Männer: „Sie müssen begründen, wie sie es schaffen, Kinder und Job zu vereinbaren – eine Frage, die in den seltensten Fällen Männern gestellt wird. Mit ‚inneren Hemmnissen‘ meine ich, dass Frauen sehr viel mehr ihre Fähigkeiten infrage stellen.“ Vorbilder als Führungspersonen, die nicht zu weit weg sind, würden fehlen. „Frauen brauchen mehr Bestätigung, dass sie es schaffen können, wenn sie es wollen.“ Ihre Wünsche müssen sie aktiv formulieren und für diese streiten. Bei ihr sei das Thema bis heute stets präsent gewesen. „Relevant war vor allem mein Selbstverständnis auch als Mutter: Meine beiden Söhne sollten nicht unter der Berufstätigkeit ihrer Mutter leiden, das Rabenmuttersyndrom fiel bei mir auf fruchtbaren Boden. Die Folge: Nirgendwo war ich durchgängig so richtig zufrieden, das schlechte Gewissen, weder zu Hause noch im Job 100 Prozent zu geben, kam immer wieder.“ Hilfreich seien hier gute Freundinnen gewesen, die das Wohlbefinden ihrer Kinder und ihre berufliche Leistung in den angemessenen Kontext setzten. Wichtig war auch systematisches Coaching. „Ich glaube, es ist niemand davor gefeit, dass er versucht, sich bei der Besetzung von Posten auf die zu beziehen, die ihm im Kopf sind. Hier einen Break zu machen setzt Reflexion und bewusstes Handeln voraus, wofür manchmal auch die Zeit fehlt. Im Kopf sind die, mit denen man zusammengearbeitet hat – bei Männern vor allem Männer –, so unterstützt man sich gegenseitig und verhilft sich zu interessanten Jobs. Damit ist nicht Kungelei gemeint, sondern ich denke, so funktionieren viele Menschen.“ Politische Entscheidungen auf der strukturellen Ebene können ebenfalls helfen. „Von Ausnahmen abgesehen werden Frauen nur mit dem klaren politischen Bekenntnis zur Frauenquote in allen gesellschaftlichen Bereichen die gläserne Decke durchstoßen können.“

Jessica Hellmann | redaktion@regiomanager.de

Ausgabe 09/2016