Kolumne: Vom Übereifer

Julia Dombrowski weiß: Nach übertrieben umgesetzten Ratschlägen sehen Redner oft aus wie Orang-Utans mit eingeklemmtem Ischias.
Julia Dombrowski
Julia Dombrowski

Vielleicht haben Sie schon mal einen Vortragenden gesehen, dessen Körperhaltung in Ihnen Irritation auslöste. Ob er Bauchkrämpfe hat? Oder hat er gestern „Hulk“ im Heimkino gesehen und identifiziert sich gedanklich noch immer voll mit dem grünen Muskelmann, während ihn die böse Bandscheibe in die Knie zwingt? Ich weiß nicht mehr, wie oft ich in den letzten Jahren eine Verwirrung gespürt habe, wenn sich bei Vorträgen die Person vorne aufgebaut hat wie ein Bodybuilder mit Ischias-Problemen: Beine gespreizt und die Arme seitlich leicht vom Körper abgewinkelt, als wolle sie gleich mit den Flügeln schlagen. Das sieht aus wie eine Schonhaltung, weil irgendwo was wehtut. Oder als sei die dringend benötigte Toilette nicht in Reichweite. Kürzlich erzählte mir eine Kollegin, dass es eine Mode beim Coaching für Vortragende und Seminarleiter sei, zu einer eindrucksvollen Körperhaltung zu raten. Wer die Arme eng an die Seite presse und insgesamt wenig Raum einnehme, wirke schüchtern. Man kennt das aus dem Tierreich: Selbstbewusstsein strahlt nun mal jenes Vogelmännchen aus, das sein Gefieder möglichst raumgreifend aufplustert. Deshalb der Coaching-Tipp: Arme weg vom Körper, Beine breit machen, das sähe dann so aus, als könne einen nichts so schnell umhauen.Nun ist es so: Ich habe wirklich nichts gegen Coaches. Zu meinen besten Freunden zählen Coaches. Und ich bin sicher, dass die guten unter ihnen nicht zu zwecklosem Tinnef raten. Bloß sieht die Realität allzu oft nach Hexenschuss im Schneepflug aus. Ich schätze, die Wurzel des Übels liegt in einer unbeabsichtigten Übertreibung eines Ratschlags, der im Grunde gut war. Leider ist es für ein Publikum (zu dem ich gehöre) unmöglich, sich nicht von Oberflächlichkeiten ablenken zu lassen, wenn man erst mal die (eigentlich ziemlich lustige) Ursache für die bescheuerte Körperhaltung kennt. Ich gebe mir wirklich Mühe, klugen Worten in Vorträgen zu folgen, aber wenn ich wieder mal auf ein Coaching-Opfer treffe, sehe ich leider nur noch den Chef-Orang-Utan mit O-Beinen. Es tut mir leid! (Selbst schnarchlangweilige Veranstaltungen haben dadurch allerdings wieder einen Reiz für mich.) Ich bin auch ganz sicher, dass es mal gute Gründe gab, aus denen man Teilnehmern in Verkaufscoachings geraten hat, den Kunden immer wieder mit seinem Namen anzusprechen. Bestimmt hat man herausgefunden, dass so eine Namensnennung Vertrautheit und Nähe herstellt. Aber doch nicht nach jedem Satz! „Ich habe da ein Angebot, Frau Dombrowski, wollen wir uns darüber mal unterhalten, Frau Dombrowski, wie geht es Ihnen eigentlich, Frau Dombrowski?“ Ach, halt doch einfach die Klappe! (Oder mögen Sie das?) Irgendjemand berät Unternehmen auch eifrig hinsichtlich ihrer Social-Media-Aktivitäten. Wenn es dort heißt, dass die meisten Postings bei Facebook oder Twitter im Schnitt nur von 10 Prozent der Fans und Follower gesehen werden – na, dann veröffentlichen wir dieselbe Nachricht doch einfach 10 Mal am Stück! Problem? Gelöst! Doch wie immer gilt: Es gibt keinen Rat, den man nicht so falsch auslegen könnte, dass er das Gegenteil von seinem ursprünglichen Zweck bewirkt. (Das ist eine nicht ganz kalenderspruchtaugliche Abwandlung von „Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert“.) Möchte nicht mal jemand ein Coaching entwickeln, mit dem man lernt, Spätfolgen von Coachings zu bewältigen?

Julia Dombrowski | redaktion@revier-manager.de

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Ausgabe 07/2016