Parallelwelten: Gefühlte Wahrheiten

Julia Dombrowski fragt sich, warum Menschen sehenden Auges auf gefühlte Wahrheiten hereinfallen.
Julia Dombrowski
Julia Dombrowski

Noch nie in der Menschheitsgeschichte war es so einfach, sich mit Fakten einzudecken und Wahres von Aberglauben zu unterscheiden wie heute. Jetzt haben Wissenschaftler sogar einen Algorithmus entwickelt, der Lügen in E-Mails automatisch entdecken kann. Die Erfolgsquote ist noch nicht überwältigend, aber Schwindel-Nachrichten lassen sich mit ihrer Hilfe bereits in statistisch signifikanter Häufigkeit von ehrlichen Mitteilungen unterscheiden. Allerdings stellt sich in diesen Tagen lauter und drängender denn je die Frage: Wofür eigentlich die ganze Mühe mit der Wahrheitssuche? In den USA hat es ein Mann, dem während seiner Wahlkampfreden der Unsinn im Minutentakt nachgewiesen werden konnte, bis ins Amt des Präsidenten geschafft. Fakten-Checks haben seiner Glaubwürdigkeit keinen Abbruch getan. Wurden seine Anhänger mit seinen Falschbehauptungen konfrontiert, antworteten sie unbeirrt: „Wenigstens sagt er, wie die Dinge wirklich laufen.“ Das ergibt keinen Sinn, aber eine gewonnene Wahl. Für die Paradoxie dieser Wahrnehmung gibt es einen Namen: Es heißt, wir leben heute im postfaktischen Zeitalter. Wenn Behauptungen zu ihrer Gefühlswelt passen, gefallen sie vielen Menschen einfach deutlich besser als die schnöde Realität. Das Marketing kann nur müde darüber lächeln, dass dieses Phänomen als neu gilt. Beim Verkaufen wird nämlich schon immer mit Manipulation gespielt. Zum Beispiel ist längst nachgewiesen, dass ein halbes Pfund Melkfett für den Preis von einem Euro fuffzich dieselbe pflegende Wirkung hat wie parfümierte Lotionen mit elegantem französischem Namen, die das Zehnfache kosten. Lustigerweise macht auch niemand ein Geheimnis daraus. Aber es fühlt sich eben edler an, das Vertrauen in die goldgeprägte Verpackung zu stecken, als das Gesicht mit einer Rezeptur einzureiben, die auch Kuheuter geschmeidig hält. Und das hat nicht mal Donald Trump erfunden, das funktioniert so bereits seit Jahrzehnten. Ist Ihnen mal aufgefallen, wie häufig Menschen in weißen Kitteln Fernsehwerbung für Hygieneartikel oder Nahrungsmittelzusätze machen? Die allermeisten Zuschauer dürften genug Medienkompetenz haben, um Schauspieler von Menschen mit medizinischem Doktortitel zu unterscheiden. Aber der weiße Kittel wirkt trotzdem. Was kompetent aussieht, fühlt sich irgendwie richtig an. Auch die Preisgestaltung von Konsumgütern setzt unser menschliches Hochleistungsgehirn regelmäßig schachmatt. Ein Produkt, das gezielt abverkauft werden soll, bekommt häufig zwei Gesellen an die Seite gestellt: ein teureres und ein billigeres. Akademische Abschlüsse helfen uns so wenig wie Lebenserfahrung – ein so simpler Trick genügt, damit wir Preis und Leistung nicht mehr sinnvoll miteinander vergleichen, sobald wir uns für eine goldene Mitte entscheiden können. Das Teuerste wollen wir nicht, das Günstigste ist uns zu billig. Es fühlt sich rational an, genau dazwischen zuzugreifen. Und gefühlte Richtigkeit zählt. Das ist alles nichts Neues, herausfinden kann das jeder. Fakten ändern aber Gefühle nicht. Und deshalb werden die Algorithmen, die als Lügendetektoren für E-Mails funktionieren, nicht zu einem ehrlicheren Schriftverkehr führen. Sie werden eher ein Lehrmeister sein, wie man erfundene Wahrheiten künftig noch cleverer verkaufen kann. Julia Dombrowski I redaktion@regiomanager.de

Ausgabe 01/2017