Kälte- und Klimatechnik: Kühle Brise im Dauerlauf

„Ohne Kältetechnik funktioniert kein Rechenzentrum, kein Hochleistungsserver, noch nicht einmal das Mobilfunknetz. Modernes Leben ist ohne die Kälte- und Klimatechnik nicht mehr denkbar.“
Foto: ©Africa Studio – stock.adobe.com
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Die Temperaturrekorde purzelten mit den Jahren: Die vergangene Dekade sei die wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen, bilanziert die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) in ihrem Klima-Statusreport. Abkühlung ist dennoch kein Hexenwerk mehr: In vielen Büros und auch schon in vielen Wohnungen funktioniert die kühle Brise sogar bequem auf Knopfdruck. In den USA findet man kein Haus und keine Wohnung ohne Klimaanlage. In Spanien und anderen mediterranen Ländern sieht es ähnlich aus. In Deutschland fehlt noch eine flächendeckende Nachfrage. Aber auch hier laufen bereits etwa zwei Millionen Klimageräte, zwei Drittel davon kühlen in Bürogebäuden mittlerweile eine Fläche von etwa 40 Millionen Quadratmetern. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass bis 2050 rund zwei Drittel aller Haushalte weltweit mit Klimaanlagen ausgestattet sein könnten.
Mehr als persönliches Wohlbefinden
Die Kältebranche bilanziert stolze Entwicklungen, verdeutlicht aber, dass es längst nicht nur um persönliches Wohlbefinden geht. „Ohne Kältetechnik funktioniert kein Rechenzentrum, kein Hochleistungsserver, noch nicht einmal das Mobilfunknetz. Unser modernes Leben ist ohne die Kälte- und Klimatechnik gar nicht mehr denkbar“, sind der Verband Deutscher Kälte-Klima-Fachbetriebe (VDKF), der Zentralverband Kälte Klima Wärmepumpen (ZVKKW) und der Bundesinnungsverband des Deutschen Kälteanlagenbauerhandwerks (BIV) überzeugt. Dabei gehe es auch nicht nur um Lebensmittelversorgung, Frischwaren und Tiefkühlkost, sondern auch um das Gesundheitswesen, um Pharmazie und Krankenhäuser. Auch industrielle Prozesse und Rechenzentren für eine funktionierende Infrastruktur wie Verkehrsleitsysteme sowie die Klimatechnik in Bürogebäuden oder Versammlungsstätten bis hin zu speziellen Anwendungen in der Medizin seien ohne Klimatechnik nicht zu verwirklichen.
„In 48 Stunden würde Deutschland am Boden liegen“
BIV-Vorsitzender Heribert Baumeister verdeutlicht die Relevanz der Branche an einem fiktiven Szenario: ein Hochsommer, in dem alle Kälteanlagen ausfallen. „In 48 Stunden würde Deutschland am Boden liegen“, ist der Kälteanlagenbauermeister und Bundesinnungsmeister überzeugt. „Bäcker, Metzger, Landwirte und Gastronomen versorgen uns mit frischen Lebensmitteln. Klimatisierte Rechenzentren sorgen für einen reibungslosen Datenverkehr für Mobilfunk, Verkehrslenkung oder den Geldverkehr. Die Klimaanlage im Büro sorgt für eine angenehme Arbeitsatmosphäre. In fast jedem Pkw arbeiten heute serienmäßig Klimaanlagen, auch Busse und Schienenfahrzeuge sind klimatisiert, und man merkt es erst, wenn die Technik einmal ausfällt“, beschreiben die Berufsverbände die Situation und verweisen auf die 3.000 Kälte-Klima-Fachbetriebe mit etwa 300.000 Mitarbeitern: „Sie sorgen dafür, dass das moderne Leben so reibungslos funktioniert.“ Klimaanlagen und andere Kühlaggregate sind gefragt, der Kältebranche geht es gut – so lautet das Fazit der jüngsten Umfrage vom Verband Deutscher Kälte-Klima-Fachbetriebe. Über 95 Prozent der Betriebe bewerten ihre aktuelle Geschäftslage als gut. Aus der Prognose für 2020 lässt sich ablesen, dass über 90 Prozent der Unternehmen weiterhin eine gute Geschäftslage erwarten.
Bier: eisgekühlt

„Der Bedarf an Kühlung ist ungebrochen“, heißt das Fazit, die Gründe hierfür seien vielfältig. Die umfassende Änderung des Lebensstils bringe einen steigenden Bedarf nach Klimaanlagen und anderen Kühlmitteln mit sich. Deutlich werde, dass in vielen westlichen Industrienationen Klimaanlagen mittlerweile zum Standard in Wohneinheiten zählen. Das war nicht immer so: Für ein kühles Bier floss einst im tiefsten Winter der Schweiß: „Eismänner“ sorgten schon vor 200 Jahren dafür, dass auch im Sommer noch ein kühler Trunk gezapft werden konnte. Damit das Bier bis dahin genießbar blieb, mussten die Lagerräume dauerhaft gekühlt sein. Für die richtige Temperatur sorgten Eisblöcke, die im offenbar noch richtig kalten Winter in den zugefrorenen Seen der Region gesägt und mühsam in die Eiskeller der Brauereien transportiert wurden, um dort gelagert zu werden.
Natureis und Kühlschrank

Mit der Erfindung der ersten Kältemaschinen erlöste der Ingenieur Carl von Linde im 19. Jahrhundert die Wirte und Brauereien. Dabei wurde Natureis zur Frischhaltung von Lebensmitteln schon 3.000 vor Christus von den Ägyptern und Mesopotamiern genutzt. Richtig in Mode kam Natureis Anfang des 19. Jahrhunderts. Wohlhabende Gutsbesitzer servierten ihren Gästen selbst im Sommer gekühlte Speisen und Getränke, Eis war Luxusartikel und Statussymbol zugleich. Sogar Einstein machte sich daran, einen alltagstauglichen Kühlschrank zu entwickeln. Ein Prototyp seines „Automatischen Beton-Volks-Kühlschranks“ wurde von der Firma Citogel (Hamburg) auf der Leipziger Messe 1928 ausgestellt, das Patent an AEG und Electrolux verkauft. Auch wenn die Entwicklung des FCKW sogar Einstein überholte, ließ sie sich nicht aufhalten. Der globale Kältemarkt ist heute etwa 100 Milliarden Euro schwer. Allein die Gewerbekälte wird mit 60 Milliarden kalkuliert, Industriekälte mit 28 Milliarden. Ein Drittel des Verbrauchs schlägt in Nordamerika zu Buche, Europa und Asien liegen mit jeweils einem Viertel gleichauf.

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F-Gas-Verordnung schafft Probleme

Bis 2030 muss der umweltschädliche Stoff bis auf ein Minimum reduziert sein. „Unlösbar“ lautet eine wesentliche Einschätzung der Kälte-Branche zur sogenannten F-Gas-Verordnung („F“ für „fluorierte Treibhausgase“) der Europäischen Union. Seit 2016 muss sukzessive der Einsatz des Kältemittelgases HFKW reduziert werden. Das Problem: Es gibt noch kein natürliches Kältemittel, das ähnliche Ergebnisse liefert. Propan und Butan sind hochentzündlich, Ammoniak schädlich für den Menschen und CO2 arbeitet mit einem extremen Druck von bis zu 120 Bar. Erste chemische Alternativen sind in der Entwicklung, aber noch nicht einsatzbereit. Bis 2030 muss der umweltschädliche Stoff bis auf ein Minimum reduziert sein. Allein in diesem Jahr soll die Nutzung um 30 Prozent reduziert werden.

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Coolster Job der Welt
Branche geht neue Wege auf der Suche nach Fachkräften.

Der Fachkräftemangel macht der Kälte-Klima-Branche zu schaffen. Mit der Modernisierung von Ausbildungsgängen wollen die Berufsverbände gegensteuern. So bietet etwa die Europäische Studienakademie Kälte-Klima-Lüftung (ESaK) einen dualen Bachelorstudiengang in den Fachrichtungen „Kältesystemtechnik“ und „Klimasystemtechnik“ an. Damit wird versucht, Fachkräfte branchenspezifisch auszubilden und sie langfristig an die Branche zu binden. Ein mögliches Manko glauben die Akteure der Branche in der fehlenden Bekanntheit des Berufes ausgemacht zu haben. „Eine unsichtbare Branche, ohne die heute nichts mehr geht“, heißt der Slogan, zu dem künftig weltweit am 26. Juni der „World Refrigeration Day“ organisiert werden soll, um die bedeutende Rolle der Kälte-, Klima- und Wärmepumpenbranche zu verdeutlichen. Der Weg soll zum „coolsten Job der Welt“ führen. Reinhold Häken | redaktion@regiomanager.de

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Ausgabe 01/2020