Kaminspezialisten: Lagerfeuerromantik im Wohnzimmer

Behagliche Wärme aus einem Kaminofen ist im Trend, die Branche boomt. Ganze Häuser lassen sich mit Holz erwärmen. Oft sogar günstiger als mit Gas.
Foto: ©archideaphoto – stock.adobe.com
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Es gibt sie mit Backfach, mit Panorama-Scheibe, mit Sitzbank, drehbar oder auch wasserführend: Kaminöfen. Heizen mit Holz liegt im Trend. Sowohl für die kuschelige Wohlfühl-Atmosphäre im Wohnzimmer als auch für den Keller, um das gesamte Haus günstig zu heizen. Ofenbaumeister Michael Hieckmann kann ein Lied davon singen. Er ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Kachelofenwirtschaft (ADK), ein Branchenverband von Ofenbauern und Herstellern. Außerdem hat er einen eigenen Betrieb in Kevelaer, mit sieben Mitarbeitern und über einer Million Euro Umsatz im Jahr. Die Auftragsbücher: voll. Wartezeit für einen großen Kachelofen, der ein ganzes Haus wärmen kann: fünf Monate. „Alles, was kleiner ist, schieben wir dazwischen“, beschreibt Hieckmann. Denn: „Kaminöfen liegen im Trend.“
Wie Sonne auf der Haut
Moderne Kaminöfen sorgen nicht nur für eine angenehme, strahlende Wärme; sie wärmen mit ihrem offenen Feuer hinter einer Sicherheitsscheibe auch die Seele. Ihre Wärme ist eine sanfte Berührung, fast wie Sonnenstrahlen auf der Haut. „Je größer die Scheibe des Ofens, desto schöner ist das Feuer, das ist aktuell der Trend“, sagt Hieckmann, „hier ist auch eine sichere Planung wichtig, damit der Ofen nicht zu groß wird für das Wohnzimmer.“ Feuer liefert eine natürliche Wärme, mit der Gas- oder Öl-Zentralheizungen kaum konkurrieren können. Für den Ofenbauer und Handwerker liegt die Kunst in der passenden Kombination aus Funktion und Gestaltung. Brot, Brötchen, Bratäpfel oder auch mal drei Pizzen auf einmal im speziell konstruierten Backfach: Mit Kaminöfen kann man nicht nur heizen, sondern auch backen. Dabei sind die Kaminöfen oft umweltfreundlicher als ihr Ruf vermuten lässt, zumindest moderne Öfen. Verbrennt im Ofen beispielsweise nur Holz, ist die Heiztechnik CO2-neutral, da das Holz nur so viel CO2 freisetzt, wie es während seines Wachstums in seiner Biomasse gespeichert hatte. Ein natürlicher Kreislauf.
Kein klassischer Einsteigerofen
Gleichzeitig wächst in Deutschland kontinuierlich mehr Wald nach, als geerntet wird. Und ein moderner Holzofen erfüllt die entsprechenden Umweltvorschriften, denn hocheffiziente Feuerungstechnik sorgt für eine optimale Brennstoffnutzung. Moderne Öfen erzielen oft auch einen höheren Wirkungsgrad und eine deutlich emissionsärmere Verbrennung als „alte Schätzchen“. Übrigens: Den klassischen „Einsteigerofen“ gibt es gar nicht. „Es gibt kein Einsteigermodell“, sagt Hieckmann, „der Verbraucher sollte herausfinden, vielleicht mit einem Fachmann zusammen, was er eigentlich erreichen möchte.“ Dementsprechend könnte es sein, dass auch jemand, der noch nie zuvor einen Holzofen betrieben hat, eine große Anlage bestelle. Im Gegensatz zu den Menschen, die ihren Kaminofen nur gelegentlich als „Wohlfühl-Faktor“ nutzen wollen. Hieckmann rät dennoch auch Einsteigern zu bekannten Marken mit gängigen Modellen und hohem Wirkungsgrad. Nicht nur, weil der Nutzer so mehr Freude an seinem Kaminofen hat, sondern auch, weil Hersteller, die vom Fachhandel angeboten werden, Ersatzteile länger vorhielten. „Denn was nützt ein günstiger Ofen, für den man in zwei Jahren vielleicht keine Ersatzscheibe mehr bekommt?“
Kachelofen heizt ganzes Haus
Besitzer eines Niedrigenergiehauses können unter Umständen sogar vollständig auf einen Kachelofen vertrauen, der mit Holz beheizt wird. Mit langanhaltender und gleichmäßiger Heizleistung und einem hohen Wirkungsgrad ist ein Grundofen oder auch Speicherofen ideal für Niedrigenergiehäuser. Hieckmann: „Für ganze Häuser empfiehlt sich oft eine sogenannte Ganzhausheizung, das kann zum Beispiel ein Kachelofen sein, der seine Wärme über Luftkanäle durch das ganze Haus bringt.“ Auch ein Kombi-Kachelofen eignet sich, um mehrere Räume zu beheizen. Im Gegensatz zum Grundofen hat der Kombi-Ofen oft ein Sichtfenster, das die Lagerfeuer-Atmosphäre ins Wohnzimmer bringt. Bei Bedarf sind elektronische Regelsysteme erhältlich, die den Abbrand optimieren. Zudem können Heizeinsätze den Wirkungsgrad erhöhen und so auf über 70 oder gar 80 Prozent steigern. Hier hat sich in der Branche in den vergangenen Jahren viel getan, auch durch neue Umweltvorschriften und durch den Boom an sich. Zum Vergleich: Mancher betagte, offene Kamin schafft hier nur einen Wirkungsgrad von zehn bis 25 Prozent. Oft entscheiden die Nutzer selbst, wie gut ihr Ofen Holz verbrennt. Der Trick hierbei liegt in der Luftzufuhr. Je mehr Luft, desto besser brennt das Holz ab und desto weniger Emissionen. Das ist gerade beim Anzünden wichtig. Lodert das Feuer richtig, kann die Luftzufuhr gedrosselt werden, um Wärmeverluste zu vermeiden – doch nicht so weit, dass Qualm entsteht. Moderne Öfen setzen deshalb immer öfter darauf, Brennstoffe automatisch zuzuführen.
Brennstoff automatisch zugeführt
Wer es komfortabel mag und darauf verzichten kann, selbst Holz-Scheite nachzulegen, der kann auf einen Kaminofen setzen, der Pellets verbrennt und diese automatisch zuführt: kein Staub, keine Asche, kein Rauch im Wohnzimmer. Pellets bestehen aus getrockneten Holzspänen oder Restholz aus dem Wald. Noch komfortabler wird es mit einem Gas-Kamin. Diese Lifestyle-Geräte bieten Komfort auf Knopfdruck – eine Alternative für alle, die kein Holz verbrennen und trotzdem eine Lagerfeuer-Wohlfühl-Atmosphäre im Wohnzimmer haben wollen. Viele Ofen-Modelle können zusätzlich warmes Wasser erzeugen und in einem Speicher vorhalten, ähnlich wie bei einer Brennwertheizung, die mit Gas oder Öl arbeitet. Zudem können sie bei den Betriebskosten punkten: „Holz ist im Schnitt immer günstiger als Gas oder Öl“, beschreibt Hieckmann, „mal zehn Prozent, mal 15 oder sogar 20. Ich selbst heize mit einer Pellet-Heizung und da kostet der Brennstoff gerade mal 450 Euro im Jahr für ein ganzes Haus.“
Der Nachwuchs fehlt
Doch nicht nur die Betriebskosten, auch die Flexibilität ist attraktiv. Kaminöfen, Heizkamine oder auch sogenannte Schwedenöfen eignen sich besonders als Zusatzheizung und für die Übergangszeit, da sie sehr schnell und punktuell Wärme liefern. Moderne Heizkamine arbeiten nicht nur mit Strahlungswärme, sondern sie heizen auch die Raumluft auf, ähnlich wie ein Heizkörper einer Gas- oder Öl-Heizung. Die vielen Vorteile bescheren der Branche volle Auftragsbücher. Trotzdem müssen manche Betriebe schließen, weil die Inhaber in Rente gehen und keine Nachfolger finden. Das spiegelt sich in den Zahlen zur Branche der Ofen- und Luftheizungsbauer, die das Bundesamt für Statistik vorhält. Im Jahr 2008 gab es noch 2162 Unternehmen, 2017 waren es schon nur noch 1892 Firmen. Die Zahlen verdeutlichen, wie das Handwerk für Berufsanfänger an Attraktivität verloren hat. „Ich kriege einfach keinen Nachwuchs“, beschreibt Hieckmann, „und das, obwohl unser Geselle fast so viel verdient wie ein ganz normaler Arzt.“ Tim Müßle | redaktion@regiomanager.de

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Ausgabe 08/2019