Künstliche Intelligenz: KI – Chancen für den Mittelstand

Ob digitales Geschäftsmodell oder nicht – die Potenziale der Künstlichen Intelligenz sind nicht zu unterschätzen. Doch es gibt auch Fallstricke.
Künstliche Intelligenz (kurz KI oder AI) gilt als großes Zukunftsthema (Foto: © 3dkombinat – stock.adobe.com)
Künstliche Intelligenz (kurz KI oder AI) gilt als großes Zukunftsthema (Foto: © 3dkombinat – stock.adobe.com)
Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ ist derzeit in aller Munde, dabei hat er schon etliche Jahrzehnte auf dem Buckel. „Er wurde bereits im Jahr 1956 von einem Wissenschaftler-Team aus den USA geprägt und beschreibt generell Computersysteme, die in Teilbereichen die Intelligenz des Menschen nachbilden“, erklärt Jörg Bienert, Präsident des Bundesverbands Künstliche Intelligenz. Die ersten hohen Erwartungen mit Blick auf die „KI“ (oder „AI“ in der englischen Version) seien allerdings schnell enttäuscht worden, vor allem, weil die Computer damals noch nicht leistungsfähig genug gewesen seien. Laut Bienert folgte ein Jahrzehnte dauernder „AI-Winter“. Erst um das Jahr 2000 sei der Bereich des „Machine Learnings“, eine Unterkategorie der KI, wieder populärer geworden. „2012 gab es dann den Durchbruch beim ‚Deep Learning‘, eine von vielen Methoden des ‚Machine Learnings‘, als zum ersten Mal ein neuronales Netz einen wichtigen Wettbewerb im Bereich der Bilderkennung gewonnen hat.“ So weit die Historie. Aber was hat die Wirtschaft, und hier vor allem der Mittelstand, von diesen Entwicklungen? Eine ganze Menge, glaubt man Marco Zingler, Vizepräsident des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW): „Es spielt keine Rolle, ob das Geschäftsmodell digital ist oder nicht – KI bietet praktisch jeder Industrie großes Potenzial, bestehende Prozesse und Produkte zu optimieren.“ Gerade für den deutschen Mittelstand ergäben sich große Chancen, seine Wettbewerbsposition weiter auszubauen. „Die beiden größten deutschen Exportmärkte, die USA und China, sind im Bereich KI führend und wollen über diese Technologie Boden gut machen.“ BVDW-Studien zeigten vor allem zwei Dinge: „Erstens wird KI auf lange Sicht nicht optional sein – sie ist eine Art Basis-Innovation, die sehr viele Bereiche durchdringen und grundlegend verändern wird. Zweitens ist KI ein Wirtschaftsfaktor. Die Mehrzahl der Unternehmen aus der Digitalbranche rechnet mit einem Umsatzwachstum durch KI.“

Medizintechnik bis Anwalts-Alltag

Und für welche Branchen und Anwendungsbereiche ist das Thema schon heute besonders interessant? Marco Zingler nennt diverse Beispiele: „Wir sehen Anwendungen in der Medizintechnik, Bewerber werden durch KI vorqualifiziert, Mobilitätsanbieter perfektionieren ihr Angebot durch KI, Automobilhersteller setzen auf autonomes Fahren und Rechtsanwälte lassen Verträge durch KI prüfen.“ In vielen Industrien würden gerade Leuchtturmprojekte aufgesetzt, um das KI-Know-how im eigenen Haus aufzubauen. „Der Zug verlässt gerade den Bahnhof. Es ist höchste Zeit, aufzuspringen.“ „KI ermöglicht neue Applikationen in vielen Bereichen“, sagt auch Jörg Bienert vom KI-Verband. Bei der Bilderkennung beispielsweise gebe es auf Basis von Objekt- und Personenerkennung Anwendungen wie automatische Überwachung von Infrastrukturen, Zugangskontrolle über Gesichtserkennung, optische Qualitätssicherung der Produktion, Indizierung von Medienarchiven, Produktklassifikation (etwa für Ersatzteile), Erkennung von Tumoren in Röntgenbildern oder mikroskopischen Aufnahmen und viele mehr. „Der zweite große Bereich umfasst mit ‚Natural Language Processing‘ die Analyse und Verarbeitung von Texten. Hierzu gehören Übersetzungsdienste, das Verstehen von Texten, Chatbots, Speech-to-Text- und Text-to-Speech-Engines etc.“ Daneben könne man Maschinendaten verarbeiten, um digitale Zwillinge für „Predictive Maintenance“ und Prozess-Steuerung zu entwickeln. „AI unterstützt Logistik, Supply Chain, Finanzanalysen – es gibt fast keinen Bereich, der nicht von KI profitieren kann.“

Wer ist in der Haftung?

Bei aller Begeisterung stellen sich doch Fragen nach möglichen Fallstricken, etwa technischer oder juristischer Natur. „KI-Projekte und -Anwendungen unterscheiden sich von klassischen IT-Vorhaben und erfordern vielfach ein Umdenken“, so Bienert. „Die Entscheidungen, die ein auf Basis von vielen Daten trainiertes System fällt, sind meist nicht transparent und begründbar.“ Die Ergebnisse einer KI sind demnach selten „binär“, sondern werden mit einer prozentualen Genauigkeit angegeben, die man dann „mit der Präzision einer menschlichen Entscheidung vergleichen muss“. Wichtigstes Erfolgskriterium ist die Verfügbarkeit von großen Datenmengen zum Trainieren der KI. „Hieran scheitern solche Projekte oft, da die Daten nicht in ausreichender Quantität und Qualität vorhanden sind bzw. ein vorab erforderliches Labeling der Datensätze zu umfangreich und teuer wäre“, sagt Jörg Bienert. Die mangelnde Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen stellt für ihn auch ein juristisches und ethisches Problem dar. „Man denke nur an Gefahrensituationen beim autonomen Fahren.“ „Tatsächlich stellen sich manche Fragen neu, wenn KI eingesetzt wird“, so BVDW-Vize Zingler. „Wer ist eigentlich in der Haftung? Der Programmierer, der Hersteller, der Nutzer?“ Aber diese Fragen sind ihm zufolge erkannt und werden in Politik und Industrie derzeit diskutiert. „Wichtig für alle Unternehmen, die KI einsetzen, ist, zu dokumentieren, auf welcher Grundlage Entscheidungen getroffen wurden. Es reicht nicht, algorithmisch zu entscheiden, dass ein MRT-Scan mit 97 Prozent Wahrscheinlichkeit einen Krebstumor abbildet. Es muss für die Ärzte auch nachvollziehbar sein, wie diese Bewertung zustande gekommen ist, und letztlich muss diese Prognose auch gerichtsfest dokumentiert werden.“ An der weiteren Entwicklung hat er keinen Zweifel: „KI wird in den nächsten Jahren alle Industrien nachhaltig verändern. Dies bietet große Chancen, sich künftig Wettbewerbsvorteile zu sichern. Wer allerdings zu lange abwartet, riskiert, dass das eigene Geschäft durch solche Unternehmen, die massiv auf KI setzen, gefährdet wird. Ein guter Start ist, zunächst mit Kompetenzaufbau im Unternehmen zu beginnen und kleine agile Projekte zu starten. Daraus ergeben sich dann sukzessive Projektkandidaten mit größerem Business Impact.“

Boom oder Blase?

Auch wenn so manche Experten den Boom kritisch sehen und sogar von einem baldigen nächsten „KI-Winter“ die Rede ist - Marco Zingler hat an der weiteren positiven Entwicklung keinen Zweifel: „KI wird in den nächsten Jahren alle Industrien nachhaltig verändern. Dies bietet große Chancen sich künftig Wettbewerbsvorteile zu sichern. Wer allerdings zu lange abwartet, riskiert, dass das eigene Geschäft durch solche Unternehmen, die massiv auf KI setzen, gefährdet wird. Ein guter Start ist, zunächst mit Kompetenzaufbau im Unternehmen zu beginnen und kleine agile Projekte zu starten. Daraus ergeben sich dann sukzessive Projektkandidaten mit größerem Business Impact.“ Daniel Boss | redaktion@regiomanager.de

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Ausgabe 02/2019