Serie – 10 Tipps: Fachkräftemangel: Mitarbeiter finden und binden

Fehlende Bewerbungen? Unbesetzte Ausbildungsplätze? Keine Nachfolger für Ihre Seniorexperten in Sicht? In Zeiten von relativem Wohlstand, geringer Arbeitslosigkeit und weniger Nachwuchs ist es schwer, gutes Personal zu finden. Normale Stellenanzeigen sind keine Selbstläufer mehr. Einstiegsprämien, Umzugsgeld oder Hilfe bei der Wohnungssuche sind schon bessere Lockmittel für Bewerber – geben aber nicht den Ausschlag für eine Zusage. Damit Unternehmen auch junge Menschen ansprechen, müssen sie sich als attraktiver Arbeitgeber mit interessanten Berufen darstellen. Und es auch sein! Erfahrene Fachkräfte suchen ebenfalls interessante Aufgaben und wollen gute Rahmenbedingungen. Folgende Strategien helfen beim Fachkräftemangel:
(Foto: ©Andrey Popov  – stock.adobe.com)
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1 FLEXIBLE ARBEITSZEITEN
Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben steht ganz oben auf der Wunschliste aller Bewerber. Flexible Arbeitszeiten helfen, diesen Wunsch zu realisieren. Ein Vater, der morgens vor der Arbeit noch die Kinder zur Kita bringen muss, wird froh sein, wenn sein Dienst nicht um Punkt acht Uhr beginnt. Frühaufsteher freuen sich, wenn sie zeitig anfangen und dafür früher gehen können. Gleitende Arbeitszeiten bedeuten auch für Pendler weniger Stress. Nachteile gibt’s aber auch: Termine für Meetings zu finden, an denen alle Leute an Bord sind, ist kompliziert. Alle Termine – auch mit Kunden und Lieferanten – müssen gut geplant und abgesprochen werden. Größtes Problem: Gleitzeit ist mit einem höheren organisatorischen Aufwand verbunden, denn die geleisteten Arbeitsstunden müssen dokumentiert werden. Doch das wird bald generell Standard: In Zukunft muss jeder Arbeitgeber die Arbeitszeit seiner Beschäftigten systematisch erfassen. Das hat der Europäische Gerichtshof im Mai 2019 entschieden. Alle EU-Staaten müssen dies durchsetzen und entsprechende nationale Gesetze erlassen (Rechtssache C-55/18).

2 AUSBILDUNG IN TEILZEIT
Ein wichtiger Baustein der Fachkräftesicherung ist die betriebliche Ausbildung. Bereits seit 2009 besteht die Möglichkeit, eine Ausbildung auch in Teilzeit zu absolvieren. Junge Frauen und Männer, die sich in der Familienphase mit Kindern befinden oder Angehörige pflegen müssen, bekommen dadurch die Chance, eine reguläre Ausbildung zu machen. Bei vielen Arbeitgebern scheint sich das aber kaum rumgesprochen zu haben. Wichtig zu wissen: Umfasst die Ausbildungszeit einschließlich des Berufsschulunterrichts mindestens 25 Wochenstunden, wird die Ausbildungsdauer nicht verlängert. Liegt die Ausbildungszeit einschließlich Berufsschule darunter, verlängert sich die Ausbildungsdauer meistens um ein Jahr. Der Berufsschulunterricht findet normal wie bei Vollzeitausbildungen statt.

3 COACHING DER MITARBEITER
Nicht jeder Mitarbeiter hat den IQ von Einstein oder ist ein Multitalent. Ein Coaching der Mitarbeiter kann Defizite ausgleichen und Stärken fördern. Für Azubis gibt es ausbildungsbegleitende Hilfen (abH) durch die Arbeitsagentur. Und zwar kostenlos für Azubi und Ausbildungsbetrieb. Was konkret gefördert wird, hängt von den „Lücken“ des Auszubildenden ab. Das können beispielsweise Wissensvermittlung in Allgemeinbildung oder in Fachtheorie, Sprachunterricht oder eine sozialpädagogische Begleitung sein. Qualifizierte Bildungsträger übernehmen diese Aufgabe im Auftrag der Agentur für Arbeit für drei bis acht Stunden pro Woche. Üblicherweise findet dieser Unterricht nach der eigentlichen Arbeitszeit statt.

4 BINDUNG AUFBAUEN
Pflegen Sie ein Netzwerk: Halten Sie intensiven Kontakt zu örtlichen Schulen, Bildungsträgern und Universitäten. Bieten Sie Praktika an, halten Sie Kontakt über Werkstudenten, ermöglichen Sie Studien- und Abschlussarbeiten. Nutzen Sie kostenlose Lehrstellenbörsen der Kammern und Universitäten oder besuchen Sie Ausbildungsmessen. Speed-Dating mit Azubis ist eine gute Möglichkeit, überhaupt mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Tipp: Halten Sie den Kontakt zu Ihren Praktikanten. Auch gute Mitarbeiter, die freiwillig ausscheiden, sollten Sie nicht „abhaken“ – vielleicht senden Sie ihnen trotzdem eine Einladung zum Tag der offenen Tür, zum Firmenjubiläum oder zu anderen Events. Auch ein Geburtstagsgruß an zukünftige oder ehemalige Mitarbeiter wäre eine Idee.

5 ZEIGEN, WAS MAN HAT
Die meisten Berufe und auch der Unternehmensalltag sind für Außenstehende abstrakt. Zeigen Sie möglichst anschaulich, was Ihr Unternehmen zu bieten hat. Lassen Sie auch Mitarbeiter auf Ihrer Website, auf Facebook, Instagram und Youtube zu Wort kommen oder veröffentlichen Sie wenigstens ansprechende Bilder. Schaffen Sie online eine Willkommenskultur, die Neugier und Sympathie für Ihr Unternehmen weckt. Rüberkommen sollte auch, wie modern Ihr Betrieb in puncto Digitalisierung und Technik ist; welches Aufgabenspektrum und welche Möglichkeiten einen Bewerber erwarten würden.

6 VERANTWORTUNG ÜBERTRAGEN
Die jungen Generationen Y und Z wünschen sich einen besonders wertschätzenden Umgang und fordern regelmäßig Feedback ein. Sie wollen einen erfüllenden und sinnvollen Beruf ausüben. Trauen Sie Ihren Mitarbeitern etwas zu und übertragen Sie ihnen mehr Verantwortung. Das kann schrittweise in einzelnen Projekten erfolgen. Macht ein Mitarbeiter dabei einen guten Job, können Sie die Verantwortung nach und nach ausbauen. Achten Sie auch auf Ihre bewährten Fachkräfte – nicht, dass Sie die Perlen im eigenen Hause übersehen. Tipp: Loben Sie Ihre Mitarbeiter, das kommt bei Jung und Alt gut an. Oder lassen Sie loben: Bei der nächsten Abnahme sollte der zuständige Mitarbeiter das Ergebnis vor dem Kunden präsentieren. Das Kundenlob landet direkt beim Verantwortlichen, der stolz auf seine eigene Arbeit sein kann.

7 AUFSTIEGSCHANCEN
Trotz Trend zur Work-Life-Balance streben talentierte Mitarbeiter nach oben bzw. wünschen sich abwechslungsreiche Tätigkeiten und Herausforderungen. Zeigen Sie Ihren Mitarbeiter frühzeitig persönliche Entwicklungsperspektiven auf. Damit locken Sie nicht nur Talente an, sondern binden auch Ihre bisherige Mannschaft ans Unternehmen. Die meisten Mitarbeiter sind stolz, wenn sie steigende Verantwortung und Leitungsaufgaben übernehmen. Stolz ist ein wichtiger Glücksfaktor für Angestellte und steigert die Identifikation mit dem Unternehmen.

8 HANDICAPS AKZEPTIEREN Bewerber mit Behinderungen haben es auf dem Arbeitsmarkt besonders schwer. Viele Unternehmen haben Berührungsängste und Vorbehalte. Sie befürchten zum Beispiel, der Mitarbeiter mit Handicap sei „unkündbar“. Dabei gilt: Während der sechsmonatigen Probezeit kann einem Auszubildenden oder Angestellten mit Behinderung genauso gekündigt werden wie einem Beschäftigten ohne Handicap. Danach gilt ein längerer Kündigungsschutz, aber unkündbar ist die Person auch dann nicht. Es gibt viele Fördermittel und -instrumente. Die Integrationsberater der Kammern haben den Überblick und helfen im Einzelfall. Das gilt auch, wenn gesundheitliche Probleme bei älteren Mitarbeitern auftauchen.

9 DIGITALISIERUNG NUTZEN
Die Digitalisierung bietet im Arbeitsalltag viele Chancen und macht auch traditionelle Berufe bei Jugendlichen mehr sexy. Beispielsweise können Dachdecker per Drohne die Sturmschäden auf dem Dach begutachten; der Ausbilder hält per Webcam Blickkontakt zu seinem Azubi auf der Baustelle und das Tablet ist ein virtueller Handwerkskasten. Im Unternehmen sorgt die Digitalisierung für eine praktische, zeitsparende Vernetzung der Prozesse. Durch digitale Arbeitsmappen, VR-Brillen und Augmented-Reality-Tools kann selbst auf Produktionsebene dezentral zusammengearbeitet werden. Coworking ist nicht nur etwas für Designer und Kommunikationsberufe. Das NRW-Modellprojekt CoWin erforscht die Möglichkeiten für Unternehmen aller Branchen (www.co-win.de).

10 ERFAHRUNG NUTZEN
Fachwissen und Sozialkompetenz steigen mit dem Alter. Insofern hat es Sinn, erfahrene Fachkräfte möglichst langfristig zu binden. Lassen Sie erfahrene Fachkräfte nicht einfach ziehen, weil sie körperlich nicht mehr mithalten können. Oft reichen schon kleine Änderungen in der Ausstattung des Arbeitsplatzes, bei der Arbeitsorganisation oder den Aufgaben, damit ältere Mitarbeiter einsatzfähig bleiben und zufrieden sind. Tipp: Sichern Sie das Wissen Ihrer „alten Hasen“, bevor diese in den Ruhestand gehen. Durch Smartphone-Videos, Fotos oder schriftliche Aufzeichnungen können wichtige Handgriffe und Arbeitsabläufe erklärt werden. Das hilft Ihren Fachkräften von morgen.
Ausgabe 06/2019