Spürnasen in privatem Auftrag

Im Konflikt zwischen Betrieben und Mitarbeitern ist die Einschaltung privater Detektive oft die diskretere Lösung.
Foto: © olly – stock.adobe.com
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Sherlock Holmes ist vielleicht der berühmteste unter ihnen, Magnum der größte Macho, Matula der deutsche Draufgänger, die Trovatos stehen für die scheinbare Realität, Tim und Struppi sind für „die Kleinen“ gemacht und TKKG und Die drei ??? eher für die Jugend: Detektive und Geschichten rund um ihre Arbeit existieren in Literatur und TV sehr viele, ihre erfundenen und nachempfundenen Fälle sind selten mehr und häufig weniger nah an der tatsächlichen Arbeit privater Ermittler dran. Von Mord und Totschlag sind die Aufträge tatsächlicher
Detekteien nämlich weit entfernt.
„Zwischen 70 und 80 Prozent unserer Aufträge stammen aus der Wirtschaft“, sagt Raoul Classen, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Detektive (BDD) mit eigener Detektei in Hamburg. Und diese haben vielfach mit der Überprüfung oder Überwachung von Mitarbeitern zu tun, die in Verdacht geraten sind. „Da geht es dann zum Beispiel um Missbrauch von Krankschreibungen. Statt zur Arbeit zu kommen, findet sich der Mitarbeiter im Blaumann beim Baumarkt-Bummel.“ Auch Diebstähle führen oft zu Überwachungsmaßnahmen in Betrieben. Geklaut würde nämlich nahezu alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Ebenso gehört die Überprüfung bei Verdacht auf Abrechnungsbetrug, meist durch Spesen und Fahrtkosten von Außendienstlern, zum Aufgabenspektrum von Detekteien. An Bedeutung zugenommen hat die Ermittlung bei Patentrechtsverletzungen oder Verdacht auf Industriespionage. Dabei sind grundsätzlich zwei Wege denkbar: Der unerlaubte Zugriff von außen und Illoyalität von Mitarbeitern. Die Ursachen dafür sind vielfältig, die Lösung manchmal ganz einfach.

Sicherheits- und Schwachstellenanalyse 


Eine der ersten Maßnahmen ist in der Regel eine Sicherheits- und Schwachstellenanalyse innerhalb des beauftragenden Unternehmens. „Schon dabei lassen sich oft die Datenleckagen und Durchlässigkeiten aufdecken, die meistens nicht einmal böswillig installiert wurden und auch nicht technisch bedingt sind“, sagt Classen. „Beispielsweise wird Papier mit sensiblen Informationen ungeschreddert in den Müll gegeben, landet im offen zugänglichen Container an der Straße und kann dort von jedem eingesehen und auch eingesammelt werden. Selbstverständlich kommt dann spätestens hier die böse Absicht ins Spiel.“ Doch auch auf anderen Wegen kann die Konkurrenz an sensible Informationen aus dem Unternehmen kommen. Am Rande von Fachmessen beispielsweise, wo sich potenzielle Kunden und Aushorcher der Konkurrenz meist nur schwer voneinander unterscheiden lassen, kann schnell man die eine oder andere Information zu viel verbreitet sein. Auch die harmlose Plauderei abends in der Hotelbar ist leicht vom Nebentisch aus abgehört. Auch beliebt: Die Arbeit am Notebook in der Öffentlichkeit. Ob im Café, der Hotel-Lobby oder im Zug: Immer besteht die Gefahr, dass jemand über die Schulter schaut und gezielt Informationen abgreift. „Für alle diese Fälle gilt es, die Sensibilität der Mitarbeiter generell zu erhöhen. Mutwilligkeit kann hier jedenfalls in den meisten Fällen nicht unterstellt werden und doch ist der Schaden fürs Unternehmen oftmals sehr hoch.“

Seriosität und Diskretion


Eine gute Detektei in der Nähe zu finden kann schon deshalb eine Hürde sein, weil der Berufsbegriff nicht geschützt ist. Jeder darf unter diesem Titel Dienstleistung anbieten, auch ohne Ausbildung und spezielle Qualifikation. „Daher ist es grundsätzlich ein gutes Zeichen, wenn die Detektei Mitglied eines deutschen oder internationalen Verbandes ist, der für die Branche steht“, sagt Raoul Classen. „Der BDD beispielsweise legt Wert auf Seriosität und die Prüfung seiner Mitgliedsbetriebe. Und andere Verbände machen das auch.“ Doch die größte Masse der Detekteien sei gar nicht in Verbänden organisiert und auch unter ihnen seien viele gute und seriöse dabei. So könne man davon ausgehen, dass das Alter eines bestehenden Betriebs ein Indiz für die Güte und Seriosität sein dürfte. Wenn Detekteien zudem häufig Vorträge halten und über ein ausgedehntes Netzwerk verfügen, sollte die Gefahr eines „Fehlgriffs“ ebenfalls gering sein. „Daher ist eigentlich das Empfehlungsmarketing einer der größten Auftragsbringer in unserer Branche. Mund-zu-Mund-Propaganda ist enorm wichtig.“ So gibt Classen die Empfehlung, sich im Bedarfsfall einfach mal im eigenen Unternehmernetzwerk umzuhören, wer gute Erfahrungen mit Detekteien gemacht hat.
Die konkreten Kosten für eine Beauftragung können hingegen stark variieren. In der Regel wird nach Zeitaufwand abgerechnet, oftmals zusätzlich eine Grundgebühr erhoben und Kilometergeld vereinbart. Das Stundenhonorar variiert dabei zwischen 50 und 200 Euro, wie Raoul Classen aus der Erfahrung zu berichten weiß. „Gerade bei Observationen ist es schwer, eine Pauschale zu vereinbaren. Daher wird häufig aufgrund von Erfahrungswerten ein Budget vereinbart, das zunächst nicht überschritten werden soll. Ist dieses erreicht, wird ein Sachstand mitgeteilt und gegebenenfalls nachverhandelt.“

Detektivarbeit im privaten Bereich


Sie sind zwar die Minderheit im Auftragsbuch, aber auch aus dem privaten Bereich heraus werden Detektive beauftragt. Vor einigen Jahren spielte dabei der Betrugsnachweis für Scheidungsverfahren noch eine große Rolle, seit Änderung der Rechtslage hat sich das aber geändert. Dennoch sind es vor allem Beziehungskonflikte, die zur Einschaltung von Detekteien führen. Sorgerechtsstreitigkeiten, Unterhaltsentzug oder Erbschaftsfragen sind es, mit denen sich die „echten“ Detektive auseinandersetzen. Die Ermittlungsergebnisse haben dann zumeist einen direkten Bezug zu gerichtlichen Verfahren und können dort auch ergebniswirksam eingesetzt werden. Und zumindest ein Teil der für die Ermittlung aufgewendeten Kosten kann gemäß dem Verursacherprinzip auch mit geltend gemacht werden. Für Unternehmen spielt die Erstattungsfähigkeit von Ermittlungskosten eher eine untergeordnete Rolle, hier kommt es eher im Zuge von Vergleichsverhandlungen – zumeist betriebsintern – zu einer Übertragung der Kosten.

Stefan Mülders | redaktion@rhein-wupper-manager.de

Ausgabe 08/2016