Unternehmerischer Selbstbetrug: Schönfärberei in der Chefetage

Realitätsverleugnung hat schon Weltkonzerne von der Karte gefegt. Wie können sich Unternehmer davor schützen, sich in die Tasche zu lügen?
(Foto: ©hikdaigaku86– stock.adobe.com)
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Spitzenkräfte der Wirtschaft sind vor Fehlentscheidungen nicht gefeit. Wobei sie ihre Entscheidungen zugegebenermaßen oft unter enormem Zeitdruck fällen müssen. Aber mindestens so gefährlich ist das Aussitzen, also Unterlassen von Entscheidungen. Beispiel Kodak, mehr als 100 Jahre ein Gigant der US-Wirtschaft und ein Pionier der Fotografiegeschichte: Das Unternehmen hatte 1991 die Digitalkamera präsentiert, die 16 Jahre zuvor von einem ihrer Angestellten erfunden worden war. Doch Kodak setzte, um sein Stammgeschäft nicht zu gefährden, zu zögerlich auf die neue Technologie und verschwand vor einigen Jahren von der Bildfläche.

Beispiel Textilindustrie

Einen ähnlichen Niedergang wie die Analogfotografie hat die europäische Textilwirtschaft hinter sich. Sebastian Baum lernte Industriekaufmann im Unternehmen seiner Familie, einer erfolgreichen Textilfirma. Das Unternehmen stellte hochwertige Mode her und ließ ab 1969 in Griechenland, später auch in Tunesien und Fernost fertigen. Alles richtig gemacht? Nein, irgendwann verlor die Firma den Anschluss – im selben Maß, wie es wichtige Kunden wie Katalogversandhäuser und Warenhäuser wie Woolworth auf dem Markt immer schwieriger hatten. „Wir hatten in der Firma praktisch keine studierten Leute, was sicherlich auch ein großer Fehler war. Man hat im Grunde die Außenwelt gar nicht mehr betrachtet und sich nur noch mit sich selbst beschäftigt“, sagt Baum, der heute Vorsitzender des Fachbereichs Gründung, Entwicklung und Nachfolge im Bund Deutscher Unternehmensberater (BDU) ist. Als junger Mann wollte er den Niedergang des Familienunternehmens nicht mit ansehen und kündigte 1996 – wenige Jahre, bevor es seine Geschäftstätigkeit einstellte.

Vorreiter im Hintertreffen

In der Zwischenzeit war eine ganz neue Generation von Textilketten auf den Markt gekommen, die in immer kürzeren Abständen immer neue Kollektionen auf den Markt warfen. „Da es aber alle machen, ist es auch sehr austauschbar“, sagt Baum. Was inzwischen dem Pionier der Bekleidungsindustrie neuen Stils seinerseits zu schaffen macht. Der schwedische Textilkonzern Hennes & Mauritz hat sich zu lang im Erfolg des laufenden Geschäfts gesonnt, zu wenig beherzt aufs Online-Geschäft gesetzt. H & M ist in 71 Ländern aktiv, hat aber in 24 davon noch nicht einmal einen Online-Shop. Unternehmerischer Selbstbetrug tritt dann ein, wenn man sich von der an und für sich ganz guten Lage einlullen lässt: So stieg der Aktienkurs von H & M bis 2015 stetig sanft an, doch sinkt er seitdem. Kein Vergleich zum stürmischen Kursanstieg von Inditex, dem Mutterkonzern von Hauptkonkurrent Zara.

Selbstherrlichkeit auf dem Arbeitsmarkt

Eine gewisse Selbstherrlichkeit bereitet zunehmend Unternehmen Probleme bei der Personalsuche. Dass Mitarbeiter ihr größtes Kapital sind, ist nicht jedem Unternehmer bewusst, meint Baum. Auf einen seiner Mandanten, einen regionalen Bauunternehmer im ländlichen Raum in Nordrhein-Westfalen mit etwa 200 Mitarbeitern, hält er dagegen große Stücke. „Dieser Bauunternehmer legt trotz seines hohen Alters sehr viel Wert darauf, nur junge Leute ins Unternehmen zu holen. Die Nachwuchsfrage beschäftigt ihn schon seit weit über zehn Jahren sehr intensiv. Er kennt die Familien und schaut schon immer: Wo kommt Nachwuchs und wann könnte der möglicherweise bei ihm in die Ausbildung kommen.“ Auch bei der Digitalisierung des Bauprozesses und der technischen Erleichterung der Arbeit leiste der Unternehmer Mustergültiges. In wenigen Jahren dürfte bei diesem Mittelständler die Nachfolgefrage akut werden. Sollen es die Kinder machen? Aus der Erfahrung mit dem Unternehmen seiner eigenen Familie heraus sagt Sebastian Baum: „Wenn die Kinder es machen, dann müssen sie auch wirklich hungrig sein, die müssen Lust dazu haben und Ideen.“ Nur den Status quo fortzuführen ohne Entwicklung – das ist nicht gut. Dann schon lieber verkaufen.
Claas Möller | redaktion@niederrhein-manager.de

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Ausgabe 10/2018