Schädlingsbekämpfung ist Vertrauenssache

Für viele Branchen ist Schädlingsbekämpfung eine Daueraufgabe: Qualitätsstandards, Vorschriften und Dokumentationspflichten müssen eingehalten werden.
Altes Problem, veraltete Technik: Ratten und Mäuse haben im Betrieb nichts zu suchen (Foto: © BillionPhotos.com – stock.adobe.com)
Altes Problem, veraltete Technik: Ratten und Mäuse haben im Betrieb nichts zu suchen (Foto: © BillionPhotos.com – stock.adobe.com)
In Berlin weiß man es ganz genau: 2.241.481 Ratten sind in der deutschen Hauptstadt unterwegs. Diese Zahl wollen Experten der Berliner Wasserbetriebe anhand von Forschungsstudien aus New York errechnet haben. Hochrechnungen dieser Art gibt es in Dortmund nicht, aber andere Statistiken: Lebensmittelkontrolleure und Veterinäre statteten im Vorjahr 4.214 Betrieben einen dienstlichen Besuch ab, 6.522 Mal wurde Mitarbeitern auf die Finger geschaut oder ein Blick in Produktionsprozesse, Lagerhaltung und Hygienebestimmungen geworfen. Dabei stießen die Lebensmittelkontrolleure des Ordnungsamts häufiger auf Schädlinge als je zuvor. Zwei große Betriebe mussten nach diesem Befund vorübergehend schließen, bei einem kleinen Betrieb gingen in diesem Jahr von „Amtswegen“ die Türen zu. Das Unternehmen musste erst einmal den Hygienestandard auf Vordermann bringen: Ähnliches wird auch aus Frankfurt berichtet: „Als Kontrolleure des Veterinäramtes auftauchten, blickten die Ratten nur zutraulich, statt zu flüchten. Die vorher schon mehrfach wegen Hygieneverstößen mit Bußgeldern bestrafte Großbäckerei wurde prompt geschlossen“, berichtete die Bild-Zeitung. Das Fazit von Hygieneexperten: Schädlinge in der Küche oder in Betrieben des Lebensmittelbereichs tauchen in der Sünder-Statistik mittlerweile kurz hinter dem Problem-Dauerbrenner „Altes Frittenfett“ auf.  Aber Kontrollen sind das eine, die Bekämpfung von Schädlingen das Wichtigere: Gut 11.000 Betriebe zählen nach der bundesdeutschen Berufsordnung zu den „Gesundheitssichernden Berufen“. Weil darunter aber auch Desinfektoren, Fleischbeschauer, Tierkörperverwerter und sogar Leichenbestatter eingruppiert sind, können keine eindeutigen Aussagen zur Größe und Leistungsfähigkeit des Berufsfelds „Schädlingsbekämpfer“ gemacht werden. Das Statistische Bundesamt listet die Schädlingsbekämpfer in die Klassifizierungsziffer 533 ein, dort ist der Bereich „Gewerbe-, Gesundheitsaufsicht, Desinfektion“ per Mikrozensus analysiert, 15.000 Schädlingsbekämpfer und 22.300 Mitarbeiter sind gelistet. Auch wenn es einige wenige große Akteure gibt, Schädlingsbekämpfer rekrutieren sich in der Regel aus selbstständigen Unternehmern. Die meisten Betriebe sind klein und haben nur einige wenige Angestellte. Der Beruf ist erst seit 2004 staatlich anerkannt, die Ausbildung dauert drei Jahre. „Schädlingsbekämpfung ist Vertrauenssache“, wirbt der Deutsche Schädlingsbekämpfer-Verband. Der steht nach eigenen Angaben für „fachliche Kompetenz, Qualität und Verbraucherfreundlichkeit“. Garantiert werde die Erfüllung der hohen gesetzlichen Anforderungen für Schädlingsbekämpfung in Deutschland – den höchsten in Europa, wie betont wird.

„Die Verantwortung liegt immer beim Unternehmen“


„Die Verantwortung liegt immer beim Unternehmen“, zitiert die IHK Nürnberg eine bedeutende Grundregel für die gewerbliche Wirtschaft. Neben den Anforderungen der EU-Verordnungen müssen insbesondere die Betriebe aus dem Lebensmittelbereich auch die besonders hohen Qualitätsstandards und Vorschriften einhalten und ihre Dokumentationspflichten erfüllen. Aber auch Betriebe anderer Branchen seien gefordert, weil potenziell betroffen: „In trockenen Kabelkanälen von Verwaltungsbüros oder geschützten Ecken in Maschinenhallen fühlen sich Nagetiere wie Mäuse und Ratten besonders wohl. Wenn sie Kabel annagen, kann der Schaden immens sein. „Stillstand oder Schaden einer Maschine, Kabelbrand oder Ausfall einer Strom- oder Datenversorgung“, wird ein Experte zitiert, der auch schon mit einer Maus im Geldautomaten oder mit Schädlingen in Reinräumen und Tresoren zu tun gehabt habe. Angriffsziel von Schädlingen seien in erster Linie Bereiche, in denen es um Lebensmittel geht und in denen besonders hohe Hygiene-Anforderungen beachtet werden müssen, informiert die IHK Nürnberg. „Da Schädlinge schon immer die Nähe des Menschen suchten, mussten und müssen sie auch heute permanent bekämpft werden“, so eine Grundinformation. Schädlinge seien stete Begleiter in der Lebensmittelindustrie, im Transportwesen sowie im Handel und Krankenhaus. Gemeinschaftseinrichtungen aus dem öffentlichen und staatlichen Bereich wie Krankenhäuser, Heime, Schulen, Kindergärten, Kasernen, Betriebe aus der Lebensmittelindustrie und dem Lebensmittelhandwerk, aus dem Bereich Handel und Transport, Gastronomiebetriebe und Hotels, landwirtschaftliche Betriebe und Wohnhäuser, aber auch Abwassereinrichtungen seien Tätigkeitsfelder der Schädlingsbekämpfer. Schädlinge sind aber nicht nur Ratten und Mäuse: Es gibt allein vier Millionen verschiedene Insekten, alleine bei Ameisen finden sich zig verschiedene Arten in Deutschland. „Einige sind gänzlich ungefährlich und bei den anderen muss man exakt wissen, um welche Art es sich handelt – nur so hat eine Bekämpfung Aussicht auf Erfolg“, heißt es beim Schädlings-Bekämpferverband. Durch ein gutes Hygienemanagement könne die Gefahr, dass Insekten und andere Schadorganismen zu Schäden führen, zwar verringert werden, „ein genereller Schutz gegen Schädlinge wird aber nicht erreicht“, heißt die grundsätzliche Einschätzung. Dies auch, weil seit einigen Jahren besondere Herausforderungen deutlich werden: Durch den Klimawandel kommen auch in unseren Regionen mittlerweile Schädlinge vor, die eigentlich in wärmeren Gefilden beheimatet sind, beispielsweise Termiten oder Tigermücken. In vielen Rohstoffen der Lebensmittel- und Futterindustrie, in Getreide, Gewürzen, Tee und Nüssen oder Halbfertigprodukten wie Backmischungen oder Cerealien tummeln sich aber „ganz normale“ Milben, Motten und Käfer als Larven, Puppen oder Würmer.

Wirkstoffe ohne kritische Belastung


Die Schädlingsbekämpfer, die den Begriff „Kammerjäger“ nicht gerne hören, unterscheiden darüber hinaus aber viele verschiedene Ungeziefer: Da gibt es die Materialschädlinge, die beispielsweise Papier, Holz, Textilien oder Bauten angreifen, es gibt die „Vorratsschädlinge“, die Lebensmittel befallen, und schließlich Schädlinge, die für die Gesundheit und Hygiene gefährlich sind, weil sie Krankheiten übertragen. Dazu tummeln sich auch noch die „Lästlinge“, sie sind eigentlich ungefährlich, werden aber als lästig empfunden. Häufig handelt es sich um „eingeschleppte“ Insekten, mitgebracht vom Einkauf, importiert durch Auslandslieferungen, eingeschleppt durch Warenlieferungen. Hinzu kommen die heimischen Schädlinge und Lästlinge, wie Ameisen, Mäuse, Wanzen, Wespen. Zu den Gesundheits- bzw. Hygieneschädlingen gehören in erster Linie Schaben (Kakerlaken), Pharaoameisen, Fliegen, Mücken, Läuse, Zecken, Flöhe, Milben, Ratten, Mäuse und verwilderte Stadttauben. „Schädlingsbekämpfung ist zum unverzichtbaren Muss geworden und in vielen Bereichen des täglichen Lebens sogar gesetzlich vorgeschrieben. Besonders da, wo Schädlinge Krankheiten übertragen können und Materialien sowie Vorräte geschützt werden müssen“, so das Fazit. Zur Bekämpfung hat die Industrie Wirkstoffe entwickelt, die ohne kritische Belastung der Umwelt und ohne Gefahr für die Gesundheit von Mensch und Haustier angewendet werden können. „Befähigt, diese Mittel einzusetzen, ist allerdings nur der sachkundige Fachmann, also der professionelle Schädlingsbekämpfer mit entsprechender Ausbildung“, urteilt der Berufsverband. Längst sind aber die Zeiten vorbei, wo der „Kammerjäger” mit der Pulverspritze auf Ungezieferjagd ging. Pestizide oder Gifte wie Blausäure und Phosphin kommen immer weniger zum Einsatz. „Modern“ geht es Schädlingen etwa mit Kohlensäure an den Kragen: Lebensmittel und Rohstoffe werden mit Kohlensäure geflutet und einem Druck von bis zu 30 bar ausgesetzt. Sauerstoff, den die Schädlinge zum Überleben brauchen, wird verdrängt, der hohe Druck zerquetscht die Schädlinge. Deren Überreste werden bei der anschließenden Reinigung ausgesiebt und können „entsorgt“ werden. Reinhold Häken redaktion@rhein-wupper-manager.de
Ausgabe 03/2016