Lean-Startup: Machen, überprüfen, neu machen

Agile Methoden wie Lean-Startup tauchen mittlerweile ständig in der Managementliteratur auf. Dabei sind längst nicht alle Erkenntnisse dieser Methode eine wirkliche Neuheit.
(Foto: ©Flamingo Images – stock.adobe.com)
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Ob Scrum, Lean oder Design Thinking, über den Einsatz agiler Methoden wird viel diskutiert. „Es gibt derzeit einen großen Hype um agile Methoden wie Lean-Startup“, sagt Hans-Erich Müller, Professor für Unternehmensführung und Organisation an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Der größte Unterschied zu traditionellen Modellen ist, dass diese Methoden auf schnelles Experimentieren im Gegensatz zur herkömmlichen Planung setzen. Im Oktober 2014 hat Eric Ries, ein amerikanischer Jungunternehmer aus dem Silicon Valley, mit seinem Buch „The Lean Startup“, das mittlerweile ein Millionen-Bestseller ist, die Methode bekannt gemacht. „Lean Startup ist eine kundenzentrierte und iterative Innovations- und damit Lernmethode, die insbesondere mit einem Fokus auf integrierte Nutzen- und Geschäftsmodellinnovationen angewandt wird,“ sagt Roland Eckert. Er forscht als Professor mit Fokus auf Digitalisierung und Hyperwettbewerb an der FOM Hochschule für Ökonomie und Management in Düsseldorf. „Beim Lean-Startup geht es darum, möglichst viele unterschiedliche Optionen für Produkte und Dienstleistungen für die Zukunft zu entwickeln und daraus dann einige wenige weiterzuverfolgen, ohne klassische kurzfristige Kosten-Nutzen-Erwägungen“, erklärt Eckert weiter. Dadurch entstünden den Unternehmen zunächst einmal Kosten mit ungewissem Ausgang.

Agile Methoden bei Flexibilität und Unsicherheit

Agile Methoden sind für Unternehmen geeignet, wenn es auf Flexibilität und den Umgang mit Unsicherheit ankommt. Das ist laut Müller der Fall, wenn der Grad der erforderlichen Innovation hoch bis sehr hoch ist, etwa bei der Entwicklung neuer Produkte, Prozesse und Geschäftsmodelle. Auch bei Lösungen, die auf das schnelle Feedback der Kunden angewiesen sind, weil sie speziell auf deren Bedürfnisse abgestimmt werden, sind agile Methoden sinnvoll. Lean-Startup bietet sich laut Müller als Methode an, wenn neue Wege gesucht werden und Fehler auf dem Weg zur Lösung passieren dürfen. Das scheint sich auch in der Praxis schon herumgesprochen zu haben. Jedes zweite Unternehmen im IT-Bereich ist laut einer aktuellen Befragung von Bitkom-Research-Studie bereits auf das agile Projektmanagement umgestiegen. Lean-Startup kann dazu beitragen, die Priorisierung in den Innovationsaktivitäten zu verändern. „Es geht nicht mehr nur um kundenorientierte inkrementelle Produkt- und Prozessveränderungen, sondern um kundenorientierte radikale Produkt- und Prozessinnovationen in Verbindung mit Geschäftsmodellinnovationen“, sagt Eckert. Daher verlange Lean-Startup allerdings auch nach anderen Teamstrukturen, nach anderen Bewertungsmaßstäben zur Beurteilung der Aktivitäten, nach einem anderen Risikoverständnis und auch nach einer getrennten Organisationseinheit, die sich mit diesen neuen Innovationen beschäftigt.

In der Produktion sind agile Methoden nicht geeignet

Aber mit agilen Methoden allein lässt sich Müller zufolge kein Unternehmen führen. Es sollte eine Mischung aus Planung und agilen Methoden für die Unternehmensführung angestrebt werden. Die agilen Methoden stammen aus der Softwareentwicklung, lassen sich aber laut Müller in der physischen Welt nicht immer anwenden. Man steige ja auch nicht in ein Flugzeug, das Microsoft gebaut hat. In einem stabilen, vorhersehbaren Umfeld sind agile Methoden wie Lean-Startup Müller zufolge nicht geeignet: „In Bereichen der Produktion, bei der keine Fehler passieren dürfen und Tests vorab nicht möglich sind, sind Lean-Startup-Methoden nicht zweckdienlich und viel zu teuer.“ In der Praxis fehlt Mitarbeitern häufig die Kompetenz im Umgang mit diesen neuen Innovationsmethoden. „Die fehlende Methodenkompetenz zeigt sich insbesondere beim Customer Development und beim iterativen Build-Measure-Learn-Feedback Loop, also den ergebnisoffenen Lernzyklen“, so Eckert. Um die Methodenlücken zu schließen, empfiehlt er zum Beispiel Veranstaltungen wie Bootcamps oder Erfahrungswochenenden. „Hier sollen dann die Methoden des Lean-Startups vermittelt und die besondere Bedeutung von Iterationen und Experimenten im Lean-Startup-Konzept verdeutlicht werden“, so Eckert weiter. In diesem Zusammenhang biete es sich dann an, mithilfe eines Methodenkastens die relevanten Methoden des Lean-Startups wie „Value Proposition Canvas“, „Business Model Canvas“, Basis-fragebögen für Kundeninterviews, anzuwenden.

Wichtig ist, die ergebnis-orientierte Sicht zu ändern

Methodenkenntnisse zu agilen Methoden sind Eckert zufolge allerdings nicht der Knackpunkt für Unternehmen. „Wichtig ist, dass Unternehmer ihre ergebnisorientierte Sichtweise ändern“, so Eckert. Mittelständische Unternehmen arbeiten bereits heute sehr kundenzentriert und ändern Produkte für ihre Kunden auf Zuruf. Auch der Grundsatz des Lean-Startup, das Kundenfeedback möglichst früh für neue Produkte einzusetzen, ist für die meisten Mittelständler alltäglich. Prototyping ist laut Eckert grundsätzlich bereits Bestandteil vieler Innovationsprozesse im Mittelstand. „Auch die Innovationsgeschwindigkeit und die permanente Kundenzentrierung hat mit der Umsetzung von Lean-Methoden im Innovationsprozess, zum Beispiel durch Fast Innovation, bereits einen besonderen Stellenwert erreicht“, sagt Eckert. Das darf laut dem Innvoationsexperten aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dies die „Herausforderung für den Mittelstand“ ist, „dass die genannten Elemente im Lean-Startup anders interpretiert werden.“ Aus dem Prototypen werden zum Beispiel Minimum Viable Products (MVP), die nur sehr eingeschränkte Funktionalitäten zur Überprüfung beim Kunden repräsentieren.

Lean-Startup ist nicht gleich Lean Production

Unternehmer sollten auch die Begriffe und einzelnen Methoden nicht miteinander verwechseln. Lean-Startup ist nicht automatisch das gleiche wie Lean Production. Dieser Begriff wurde bereits in den 1990er Jahren populär. Er bezeichnet Müller zufolge eine Art der Produktion, bei der nach Prozessen organisiert wird und die Mitarbeiter in Teams aufgestellt sind, um eigenverantwortlicher zu agieren und die Produktion kontinuierlich zu verbessern. Das ist heute bei produzierenden Unternehmen bereits Standard. Voraussetzung für agile Methoden ist Müller zufolge außerdem eine offene Feedbackkultur im Unternehmen, die es Mitarbeitern ermöglicht, hierarchie-übergreifend Verbesserungsvorschläge zu machen. Eric Ries, Gründer der Lean-Start-up-Methode, stimmt dem in einem Online-Interview mit der amerikanischen Zeitschrift „Wired“ zu: „Jede wirklich moderne Organisation weiß, dass ihre besten Ressourcen die Menschen sind, die dort arbeiten.“
Barbara Bocks | redaktion@niederrhein-manager.de

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Ausgabe 10/2018