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Ausbildung 2018

Hausgemacht

Selbst ausgebildete Mitarbeiter sind für viele Betriebe nach wie vor das beste Mittel im Kampf gegen den Fachkräftemangel.



Angesichts des immer näher rückenden Ausbildungsstarts, macht sich bei so manchem Unternehmer in diesen Tagen ein Stück weit Wehmütigkeit breit: Die Zeiten, in denen Firmenchefs aus einer Vielzahl von Bewerbern den geeignetsten Kandidaten auswählen konnten, sind in vielen Branchen vorbei. Mancherorts hat sich die Situation sogar um 180 Grad gedreht: In verschiedenen Regionen suchen Betriebe händeringend nach Lehrlingen; zum Teil müssen sie sich regelrecht bei potenziellen Auszubildenden bewerben und mit Angeboten wie Übernahmegarantien oder betrieblichen Work-Life-Balance-Maßnahmen überzeugen. Dennoch hat die duale Ausbildung in Deutschland nicht an Bedeutung verloren. Im Gegenteil: In Zeiten des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels erfährt die Ausbildung große Wertschätzung. Insbesondere die Qualität der dualen Ausbildung, die das praktische Lernen im Betrieb mit dem theoretischen Lernen in der Berufsschule verbindet, genießt hohe Anerkennung. Weltweit wird Deutschland um dieses Ausbildungssystem beneidet.

Ausbildung als zentrales Instrument

„Die Ausbildung ist für Unternehmen das zentrale Instrument zur Deckung des Fachkräftebedarfs“, sagt Dr. Peter Janßen, Geschäftsführer des Bildungswerks der Nordrhein-Westfälischen Wirtschaft e. V. (BWNRW). Das belege die hohe Ausbildungsbereitschaft der Betriebe, die in NRW in den letzten Jahren zudem spürbar gestiegen sei. Ähnlich äußert sich Robert Schweizog, Geschäftsführer Bildung/Fachkräfte der Industrie- und Handelskammern in Nordrhein-Westfalen e. V. (IHK NRW): „Die Bedeutung der Ausbildung für die Fachkräftesicherung der Unternehmen ist riesig. Ausgebildet werden nämlich genau die Qualifikationen, die auf dem Arbeitsmarkt gebraucht werden. Verschiedene Prognosen zeigen außerdem, dass in Zukunft vor allem Fachkräfte mit einer klassischen Ausbildung knapp werden.“ Derzeit sei die Situation auf dem Ausbildungsmarkt von Region zu Region sehr unterschiedlich. „Mancherorts gibt es zu wenige Bewerber, an anderen Orten hingegen fehlen Stellen. Durch den demografischen Wandel geht die Tendenz aber eher zu einem Engpass an Ausbildungswilligen. Hinzu kommt, dass immer mehr Schüler das Abitur anstreben. Bei dieser Zielgruppe hat es die Ausbildung erfahrungsgemäß schwerer, obwohl es hervorragende Karrierewege mit beruflicher Bildung gibt.“ Junge Menschen mit höheren Schulabschlüssen entscheiden sich immer häufiger für ein Studium. Das belegen auch die steigenden Studierendenzahlen: Wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden anhand vorläufiger Ergebnisse mitteilte, sind im Wintersemester 2017/18 knapp 2,85 Millionen Studierende an deutschen Hochschulen immatrikuliert; im Wintersemester 2007/08 waren es beispielsweise noch rund 1,94 Millionen Studierende. Im Gegensatz dazu ist die Zahl der Auszubildenden von rund 1,59 Millionen im Jahr 2007 auf rund 1,32 Millionen in 2016 gesunken.

Matching-Probleme

„Das heißt aber nicht, dass es keine Ausbildungswilligen gibt“, so Dr. Peter Janßen. „Häufig haben wir es mit einem Matching-Problem zu tun. Das heißt, Jugendliche bewerben sich für Ausbildungsplätze, die nicht zu ihnen passen.“ Manchmal hapere es an fachlichen, manchmal an persönlichen Voraussetzungen. Auch die mangelnde Bekanntheit bestimmter Berufsfelder spiele eine Rolle. „Gerade im Bereich der technischen Ausbildungsberufe, in denen in den nächsten Jahren große Fachkräfteengpässe drohen, ist die Bewerberzahl oft überschaubar. Dagegen sei das Interesse an kaufmännischen Berufen erfahrungsgemäß höher. „Von rund 350 Ausbildungsberufen gibt es zehn Berufsbilder, die besonders beliebt sind. Hier ist die Bewerberzahl dann häufig deutlich höher als die Zahl der offenen Ausbildungsstellen.“ Diese Situation erfordert Kreativität seitens der Betriebe: „Dadurch, dass der Ausbildungsmarkt sich verändert, lassen Unternehmen sich immer mehr einfallen, um Bewerber anzusprechen. Soziale Medien wie Facebook spielen hier eine große Rolle“, erklärt Robert Schweizog. „Wichtig ist es, die Schüler dort ‚abzuholen‘, wo sie sich ohnehin bewegen – also in der Schule, in Sportvereinen, in Bussen etc.“ Unternehmen können ihre Auszubildenden mithilfe der IHK etwa als „Ausbildungsbotschafter“ in Schulklassen entsenden. Hinzu kommen Projekte wie das durch das Land NRW geförderte Programm „Starthelfende Ausbildungsmanagement“, in denen die IHKs und Handwerkskammern Bewerber und Betriebe zusammenbringen. Auch das BWNRW empfiehlt die frühzeitige Kontaktaufnahme zu potenziellen Auszubildenden: „Im Rahmen der Berufsorientierung können sich Unternehmen beispielsweise in den Schulen präsentieren oder ihre Berufsfelder mithilfe von Berufsparcours und Betriebserkundungen erlebbar machen“, sagt Dr. Peter Janßen.

Digitale Veränderungen

Darüber hinaus müssen sich Betriebe in Zukunft mit neuen Herausforderungen auseinandersetzen: „Die Digitalisierung wird die Arbeitswelt stark verändern. Manche Berufsbilder werden an Bedeutung verlieren. Welche das sind, lässt sich schwer voraussagen“, so Robert Schweizog. „Andere werden sich durch die Möglichkeiten der digitalen Welt verändern. Für Menschen mit Behinderung etwa kann die sogenannte Industrie 4.0 neue Möglichkeiten eröffnen.“ Es entstehen aber auch neue Berufe. In diesem Jahr werden zum Beispiel erstmalig „Kaufleute im E-Commerce“ ausgebildet. „Natürlich ist es für einige Betriebe nicht immer einfach und nicht jederzeit möglich, neue Ausbildungsplätze zu schaffen“, gibt Dr. Peter Janßen zu bedenken. „Unternehmen, die vom Fachkräftemangel betroffen sind, begreifen die duale Ausbildung jedoch als Chance und lohnende Investition in die Zukunft.“ Jessica Hellmann | redaktion@regiomanager.de

Ausgabe 03/2018