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(Foto: ©Tierney – stock.adobe.com)

Parallelwelten

Digital – ganz egal?

Das digitale Zeitalter verschlafen? Besser nicht, meint Simone Harland.



Digitale Transformation – diesen Begriff haben alle Führungskräfte schon einmal gehört. Allerdings haben ihn auch viele gleich wieder vergessen, da sie meinen, die digitale Transformation im eigenen Unternehmen bereits vollzogen zu haben. Weil das Unternehmen ja eine Website hat (sogar für mobile Geräte optimiert, jawoll!) und jeder Mitarbeiter E-Mails schreiben kann. Zugegeben: Die Wortkombination „digitale Transformation“ ist nicht nur sperrig, sondern zugleich alles und nichts sagend. Kein Wunder, dass selbst 55  Prozent der Entscheider in deutschen Großunternehmen unter digitaler Transformation nur die Digitalisierung des bereits bestehenden Geschäftsmodells oder der analogen Prozesse verstehen. Das zumindest ermittelte die „Studie Digitale Transformation 2018 – Hemmnisse, Fortschritte, Perspektiven“ der Unternehmensberatung etventure in Zusammenarbeit mit der Marktforschungsgesellschaft GfK. Dabei ist digitale Transformation mehr als nur die Überführung des Kerngeschäfts ins digitale Zeitalter (siehe weiter unten). Und zugleich wichtig für alle Unternehmen, angefangen beim inhabergeführten Handwerksbetrieb bis hin zum DAX-Konzern. „Ha“, sagen Sie nun vielleicht. „Das ist doch Quatsch! Digitale Transformation ist was für Großunternehmen, aber nicht für uns.“ Weil Ihr Betrieb zu klein ist, Sie Dienstleistungen verkaufen, die sich nicht vom Computer aus durchführen lassen (Handwerk!) oder weil Sie den ganzen Digitalkram für überflüssiges Zeug halten, das einem nur das Leben schwer macht. Vielleicht haben Sie Recht. Wenn Sie kurz vom Ruhestand stehen und niemand Ihr Unternehmen weiterführen wird oder Sie kein Interesse daran haben, Ihren Betrieb meistbietend zu verkaufen, ist die Überführung Ihres Unternehmens ins digitale Zeitalter vermutlich unnötig. Vielleicht meinen Sie aber auch, dass kein weiterer Handlungsbedarf besteht, weil Ihr Betrieb digital ja schon gut aufgestellt ist, da Sie die immer gleichen Vorgänge wie die Auftragsbeschreibung oder Rechnungsstellung bereits am Rechner durchführen oder den Backofen in der Bäckerei digital steuern lassen. Dann lesen Sie besser nicht weiter. Und vergessen auch ganz schnell wieder, dass selbst Großunternehmen schon in die Bedeutungslosigkeit gerutscht sind, weil sie die Zeichen der Zeit verschlafen haben. Denn digitale Transformation bedeutet, sich Gedanken über neue digitale Geschäftsmodelle zu machen und wie Sie diese nutzbringend im eigenen Unternehmen umsetzen. Zwei Beispiele:

Eine Bäckerei richtet einen Brötchenbringservice ein. Die Bestellungen gehen digital ein, die Software ermittelt die günstigste Route für die Auslieferung, die Bezahlung erfolgt direkt übers Netz.

Verschiedene Gebäudereinigungsfirmen haben sich bereits darauf eingestellt, dass in manchen Unternehmensgebäuden Sensoren den Verschmutzungsgrad von Räumen messen. Eine Software leitet die Reinigungskräfte daher nur in Räume, in denen gerade Reinigungsbedarf besteht. Saubere Räume werden von der Reinigung ausgespart.

Bedenkenträger werden jetzt lamentieren, ein Brötchenbringservice erfordere zu viel Aufwand für wenig Ertrag und bei der sensorgesteuerten Gebäudereinigung profitierten von der Digitalisierung nur die Kunden, nicht aber das ausführende Unternehmen. Ja, es stimmt, der Nutzen dieser Maßnahmen ist nicht auf den ersten Blick erkennbar. Auf den zweiten jedoch schon. Denn Betriebe sollten immer zuerst die Kundenseite im Blick haben. Nur so bleiben sie auf lange Sicht konkurrenzfähig. So wird sich ein Brötchenbringservice zunächst vielleicht nicht rentieren, doch die Kunden wird er erfreuen. Ist eine Bäckerei in einer Region die erste, die einen solchen Service anbietet, erhält sie positive Aufmerksamkeit und kann sich oft weitere Werbemaßnahmen sparen. Was die sensorgesteuerte Reinigung anbelangt: Verfügen Unternehmen bereits über ein smartes Gebäude, werden sie auch eine Gebäudereinigungsfirma suchen, die eine Reinigung nach Bedarf anbietet. Kann ein Unternehmen diesen Service nicht bieten, ist es bei der Auftragsvergabe schon im Vorfeld aus dem Rennen. Konkurrenzfähigkeit geht anders. Vielleicht fragen Sie sich jetzt doch, wie Sie anderen Betrieben einen Schritt voraus sein können oder wenigstens den Anschluss nicht verpassen. Das ist gar nicht so schwierig. Irgendwo auf der Welt gibt es Unternehmen aus Ihrem Bereich, die den digitalen Weg bereits gegangen sind. Es ist somit gar nicht nötig, das Rad neu zu erfinden – sich erfolgreiche Geschäftsmodelle abzuschauen, reicht. Das bedeutet jedoch, sich im Unternehmen Zeit (und damit auch Geld) für die Planung des digitalen Wandels zu nehmen. Immer noch besser, als irgendwann als Dinosaurier der Branche zu gelten. Denn die sterben bekanntlich über kurz oder lang aus.

Simone Harland | redaktion@regio-manager.de

Ausgabe 09/2018