Self-Tracking: Die Vermessung des Seins

Unternehmer haben Interesse an der Gesundheit ihrer Mitarbeiter. Doch was sollen wir vom Trend des Self-Trackings halten?
Self-Tracker haben ihre Fitnessdaten unter Kontrolle Foto: ©mmphoto – stock.adobe.com
Self-Tracker haben ihre Fitnessdaten unter Kontrolle Foto: ©mmphoto – stock.adobe.com
Schritte zählen, die am Tag verbrauchten Kalorien ermitteln, den Schlafrhythmus beobachten – viele Aktivitäten lassen sich ganz einfach messen und auswerten. Das sogenannte Self-Tracking gibt uns die Kontrolle darüber, wie aktiv wir körperlich sind oder wie wir uns ernähren. Fast jeder dritte Smartphone-Nutzer kontrolliert über eine Gesundheits-App seine Körper- und Fitnessdaten. Genauso viele können sich vorstellen, das in Zukunft zu tun, so die Ergebnisse einer 2017 erhobenen Untersuchung vom Digitalverband Bitkom. Ob es um das Gehalt geht, die Zeit beim Marathonlauf, die abgenommenen Kilos, das Automodell – es ist ein altes menschliches Bedürfnis, sich mit anderen zu vergleichen. Mit den Apps wird dies in puncto Gesundheit jetzt einfacher: Ganz nebenbei werden relevante Daten erhoben, die uns die Kontrolle über unseren Fitness- und Gesundheitszustand geben. So können wir uns selbst jeden Tag ein bisschen verbessern oder im sozialen Umfeld wie unter Kollegen ermitteln, ob wir uns im Mittelfeld, an der Spitze oder im unteren Fünftel der Gruppe befinden.

Das Equipment
Mithilfe von Wearables wie Sensorarmband oder -gürtel und dem Smartphone kann jeder das eigene Leben erfassen und auswerten lassen. Wie die Techniker Krankenkasse herausgefunden hat, haben von ihr befragte Mitglieder jedenfalls den Eindruck, sich dank der App mehr zu bewegen. Selbstmotivation lautet das Zauberwort. Ob man auf lange Sicht jedoch wirklich gesünder lebt, ist noch offen. Derzeit gibt es noch keine konkreten Studien dazu, vielleicht auch, weil der Trend noch zu jung ist für Langzeitstudien. Doch wie bei jeder Datenerfassung stellt sich die Frage: Was passiert mit meinen persönlichen Daten, die gespeichert werden? Das Marktforschungsinstitut YouGov kommt in der Studie „Quantified Health“ u.a. zu folgendem Ergebnis: So glauben rund drei Viertel (81 Prozent) der Befragten, dass die einmal erfassten Daten auch für andere Zwecke verwendet werden. So ist denkbar, dass von den erhobenen persönlichen Daten ein Profil erstellt wird, das möglicherweise Versicherungen und Banken zugänglich ist. Denn: Wer gesund lebt, ist leistungsfähiger und lebt länger, so die gängige Auffassung – den weintrinkenden, rauchenden, sportverweigernden 94-Jährigen mal ausgenommen. Auch Arbeitgeber sind an der Gesundheit und Gesundheitserhaltung sowie an der Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter interessiert. Dieses Profil könnte jedoch – im Guten wie im Schlechten - Auswirkungen auf den nächsten Schritt auf der Karriereleiter oder auf die Konditionen für eine Versicherung oder einen Kredit haben.

Das Datenschutzdilemma

Gesetzlich ist es Krankenkassen – die selbst fleißig im Bereitstellen von Self-Tracking-Apps mitmischen – verboten, diese gewonnenen Kundendaten für Versicherungstarife zu nutzen. Zurzeit jedenfalls noch. Die Mehrheit (73 Prozent) der befragten Teilnehmer der Quantified-Health-Studie hätte die Sorge, dass sie bei einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes plötzlich mehr als vorher für die Krankenversicherung zahlen müssten. Eine Untersuchung der Verbraucherzentrale zu „Wearables, Fitness-Apps und der Datenschutz“ kommt zu dem Fazit: „Denn während die Nutzung von Wearables und Fitness-Apps ein Mehr an Autonomie über die eigene Gesundheit bedeuten kann, ist der Preis hierfür ein Autonomieverlust über die eigenen sensiblen Daten: Lückenhafte Schutzmechanismen gegen unbefugtes Tracking, ein ausgeprägtes Datensendungsverhalten der Fitness-Apps und diesbezügliche mangelnde Kontrollmöglichkeiten seitens des Nutzers machen Nachbesserungen in Sachen Datenschutz und Datensicherheit notwendig.“ Das Marktwächter-Team hat Wearables und Fitness-Apps näher untersucht und dabei Verstöße gegen Datenschutzbestimmungen festgestellt. So werden bei 16 von 19 Apps auch technische Daten, zum Beispiel das Betriebssystem des Smartphones, an Drittanbieter weitergegeben – ohne dass der Nutzer den Nutzungsbedingungen zugestimmt hat und er noch nicht darüber informiert ist, wie mit seinem Daten umgegangen wird . Wohin gehen die Daten? An welche Gesetze sind die App-Entwickler gebunden? So sollte man die Apps bevorzugen, die die Daten auf Servern innerhalb Europas speichern.

Nutzen und Risiken

Die Anzahl der Gesundheits-Apps ist immens: Ob von der Pharmaindustrie, Ärzten, den Krankenkassen oder von Selbsthilfegruppen sowie Sportartikelherstellern, Ärzte fordern mittlerweile, dass es ein Qualitätssiegel für diese Apps entwickelt und etabliert wird, damit sich die Anwender erfahren, welche gesundheitlichen Ziele mit der App verfolgt werden, für welchen Einsatzbereich sie entwickelt wurden und auch welche Nebenwirkungen oder Gefahren damit möglicherweise verbunden sind. „Für viele sind Apps heute schon ein Ansporn, sich mehr zu bewegen, sich gesünder zu ernähren und sie unterstützen z. B. auch bei der regelmäßigen Einnahme von Medikamenten. Das kann vielen Menschen eine wertvolle Hilfe sein“, sagte der ehemalige Gesundheitsminister Hermann Gröhe, CDU. „Doch bei mehr als 100.000 Gesundheits-Apps ist es für Bürger, aber auch für Ärzte nicht einfach, zwischen guten und schlechten Angeboten zu unterscheiden. Nötig sind klare Qualitäts- und Sicherheitsstandards für Patienten, medizinisches Personal und App-Hersteller. Gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass Produkte, die einen wirklichen Nutzen für Patienten bringen, schnell in die Versorgung gelangen.“ Die meisten Nutzer setzen die Gesundheits-App zur Selbstmotivation ein, um sich mehr zu bewegen und/oder gesünder zu ernähren. Der Erfolg beziehungsweise der Blick auf das bereits Geschaffte wirkt sich ebenfalls motivierend aus. Auch die Kontrollmöglichkeit bei bereits vorhandenen Beschwerden ist vorteilhaft. Allerdings sollte man sich nicht nur auf die App verlassen, sondern auch sein eigenes Körpergefühl und die Selbsteinschätzung befragen. Der eigene Körper weiß doch besser als die App, zu welcher Leistung er an einem Tag tatsächlich fähig ist. Karin Bünnagel | redaktion@suedwestfalen-manager.de
Ausgabe 10/2018