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Atmen, lächeln, innehalten

Achtsamkeit ist längst kein reines Esoterik-Thema mehr. Viele Unternehmer nutzen es inzwischen, um das Betriebsklima zu verbessern – und damit langfristig Geld zu sparen.



Ob Superfoods wie Chia-Samen oder das iPhone, die meisten Trends aus Amerika landen meist mit einer kleinen zeitlichen Verzögerung auf dem deutschen Markt. So ist es auch beim Thema „Achtsamkeit“. „Achtsamkeit zu üben gehört mittlerweile im Silicon Valley zum guten Ton“, erklärt Dr. Kai Romhardt, Gründer und Vorsitzender des Netzwerks Achtsame Wirtschaft (NAW) e. V.

Aber auch hierzulande interessieren sich immer mehr Menschen dafür. Die Vorteile von Meditationen und kleinen Alltagsübungen zur Entspannung wurden mittlerweile sogar mehrfach wissenschaftlich untersucht. Auch die Vorteile für Unternehmen liegen auf der Hand. Durch Achtsamkeitsübungen lernen Personen u.a., sich selbst und ihren Körper besser wahrzunehmen und Grenzen zu ziehen. „Dadurch können sich die Personen langfristig besser konzentrieren und es passieren weniger Fehler“, sagt Günter Hudasch, Vorsitzender des MBSR-MBCT-Verbands. Interessierte Unternehmer sollten zunächst selbst einmal eigene Erfahrungen mit der Praxis sammeln, indem sie z.B. einen Achtsamkeitstag oder einen Mindfulness-Based Stress Reduction(MBSR)-Kurs besuchen. Das NAW bietet beispielsweise am 18. März in Köln einen Achtsamkeitstag zum Thema „Achtsame Kommunikation im Büro und Alltag“ an. Für Unternehmer, die eine langjährige Meditationspraxis besitzen und auch die buddhistische Anbindung nicht scheuen, könnte auch ein Besuch des viertägigen NAW-Treffens vom 26. bis 29. April zum Thema „Achtsamkeit in Organisationen und in Unternehmen“ im EIAB, einem Kloster für angewandten Buddhismus in der Nähe von Köln, interessant sein. Generell ist es laut Dr. Romhardt erst nach einer persönlichen Integration der Praxis sinnvoll zu schauen, ob und wie Achtsamkeit Teil des Firmenalltags werden könnte. Ein Vortrag bei einem Firmenevent, bei dem es nicht nur um Businessthemen geht und der Vortrag auf die jeweilige Unternehmenskultur abgestimmt ist, bietet sich dann laut Dr. Romhardt als Einstieg gut an. „Wichtig ist bei diesem Vortrag, dass nicht nur das Wissen vermittelt wird, sondern konkrete Übungen, die den Nutzwert und die positiven Potenziale der Praxis für die Mitarbeiter zeigen, um sie zu motivieren, dabei mitzumachen“, sagt Dr. Romhardt. Der Referent sollte daher in den Vortrag kleine Übungen einbauen, die jeder leicht mitmachen kann.

„Eine leichte Alltagsübung, die im NAW-Netzwerk sehr beliebt ist, ist der sogenannte ,ALI‘´: einen Moment lang atmen, lächeln und innehalten. Gerade in kritischen Situationen macht diese Übung laut Dr. Romhardt einen großen Unterschied, wenn der Geist kurzzeitig etwas zur Ruhe kommt.

Eine Tasse Kaffee trinken, ohne anderen Gedanken nachzugehen

Eine andere typische Alltagsübung besteht beispielsweise laut Hudasch darin, einfach nur eine Tasse Kaffee zu trinken und in dieser Zeit keinen anderen Gedanken nachzugehen, sich also eine kleine Pause vom Denken zu verordnen.

„Auch der E-Mail-Verkehr bietet viele Anknüpfungspunkte für Achtsamkeit“, sagt Edith Karl, Senatorin im Senat der Wirtschaft und Buchautorin zum Thema „Achtsamkeit“. Oftmals werden E-Mails an Dutzende Empfänger gesendet ohne klare Handlungsempfehlung oder Aufgabe mit Termin. Das raubt allen Empfängern dieser E-Mail viel Zeit, gerade wenn sie davon nicht direkt betroffen sind. „Daher sollten Mitarbeiter, bevor sie eine E-Mail schreiben, mehr darauf achten, E-Mails nur an die Personen zu senden, für die eine Mail eine klare Information oder Handlungsempfehlung enthält“, so Karl weiter. Zudem sollte aus ihrer Sicht die Mail sorgfältig und in freundlichem Ton formuliert werden, sodass sich viele sonst nötige Rückfragen von sich aus erledigen. Diese Art des elektronischen Mail-Verkehrs hebt gerade in hektischen Zeiten automatisch die Stimmung.

Um den Mitarbeitern einen achtsameren Umgang nahezubringen, bieten viele Großunternehmen laut Hudasch regelmäßig eigene MBSR-Kurse als Teil des Gesundheitsmanagements an. Andere Firmen bezuschussen diese Kurse, die Mitarbeiter dann außerhalb des Unternehmens wahrnehmen können. Gerade in kleineren Firmen bietet es sich an, dass der Chef und die Mitarbeiter bei Interesse an separaten Kursen teilnehmen, um die Teilnahmebereitschaft zu erhöhen. In größeren Unternehmen ab 500 Mitarbeitern ist es sinnvoll, die Bereitschaft der Führungskräfte an der Teilnahme vorher zu erfragen, da diese mehr Einfluss auf die Firmenkultur haben als einzelne Mitarbeiter.

Bei einem MBSR-Kurs handelt es sich um ein Programm zur Stressbewältigung durch Achtsamkeit. Professor Jon Kabat-Zinn hat es 1979 an der University of Massachusetts entwickelt. „In MBSR-Kursen wird die Selbstwahrnehmung der Teilnehmer durch Atem-, Yoga- und Meditationsübungen geschult“, erklärt Hudasch. Teilnehmer lernen dort, sich auf eine andere Weise zu konzentrieren, sich weniger ablenken zu lassen und sich in stressigen Situationen selbst zu beruhigen, so Hudasch weiter.

Die Kurse finden meist über einen achtwöchigen Turnus mit knapp 2,5 Stunden Umfang pro Woche statt, können aber auch zeitlich anders aufgeteilt werden. Nach dieser Zeit zeigen sie meist bereits Wirkung im Unternehmen. Die Teilnehmer sollten Hudasch zufolge täglich mindestens eine Viertel- bis halbe Stunde Zeit investieren. Gerade für Führungskräfte bieten sich spezielle MBSR-Kurse an, bei denen Führungsthemen mit einfließen. In diesen Kursen können die Teilnehmer u.a. besprechen, was am Umgang miteinander verbessert werden könnte, und konkrete Ideen entwickeln, beispielsweise um Teamsitzungen effizienter zu gestalten.

Kurze Übungen für die Mittagspause über das Intranet

„Nach oder während eines Achtsamkeitskurses gibt es die Möglichkeit, den Mitarbeitern über das Intranet beispielsweise 15-minütige Übungen für die Mittagspause bereitzustellen“, sagt Hudasch. Dies bietet sich vor allem für Unternehmen an, deren Mitarbeiter über viele Standorte verteilt sind. Ein Auffrischungsworkshop ein paar Monate nach dem ersten Workshop könnte auch sinnvoll sein, um das Konzept lebendig zu halten. Oftmals sind unter den Mitarbeitern auch bereits Personen, die meditieren. Diese könnten laut Hudasch bei Interesse auch in der Mittagspause oder nach der Arbeit kurze Meditationen als Teil des Gesamtkonzepts anleiten. Generell sollten Unternehmen laut Karl bei der Umsetzung nicht zu ungeduldig sein. Menschen bräuchten üblicherweise mehrere Anläufe, um ihre Gedanken als solche wahrzunehmen. Und meist lösen solche Maßnahmen Verwunderung in der Belegschaft aus und nicht alle machen sofort mit. Sie sollten laut der Achtsamkeitsexpertin aber nicht ausgeschlossen werden, auch wenn sie noch nicht erkennbar mitmachen. „Das Gesetz der Reziprozität funktioniert: Wer Gutes erhält, gibt Gutes weiter, häufig sogar nachvollziehbar für andere“, sagt Karl. In einem Punkt sind sich außerdem alle befragten Experten einig: Um einen achtsameren Umgang im Unternehmen umzusetzen, sollten Unternehmer selbst mit gutem Beispiel vorangehen.

Barbara Bocks | redaktion@regio-manager.de

 

INFO

„Achtsamkeit ist wie Auto fahren“
Edith Karl ist Senatorin im Senat der Wirtschaft und Buchautorin zum Thema „Achtsamkeit“.

RM: Welche Themen werden in den Workshops behandelt?

Edith Karl: Ein Vorschlag für die erste Woche wäre beispielsweise: Was läuft in meinem Kopf ab, wenn ich jemanden treffe, der häufig Stress bei mir auslöst? Die Person sollte das einfach nur wahrnehmen, die eigenen Gedanken als solche erkennen und nicht bewerten und auch nicht die andere Person bewerten.

RM: Was lässt sich im Umgang untereinander einfach ändern?

Edith Karl: Auch Multitasking ist kein achtsamer Umgang mit Zeit, ja sogar ein Zeitfresser. In Unternehmen sollten Mitarbeiter, die in eine Aufgabe vertieft sind, nicht gestört werden, da in dem Fall der Gedanke unterbrochen wird und sich der Mitarbeiter erst wieder einarbeiten muss, was letztlich mehr Zeit kostet. Auch Mitarbeiter, die gerade telefonieren, sollten von anderen dabei nicht gestört werden.

RM: Wie lange dauert es, bis die Maßnahmen Erfolge zeigen?

Edith Karl: Ein mittelständisches Unternehmen kann bereits mit einer Regel im achtsamen Umgang innerhalb eines Monats des Betriebsklima stark verbessern. Nach und nach wächst die Begeisterung der Beteiligten.

RM: Was ist der größte Stolperstein beim Einführen von Achtsamkeit?

Edith Karl: Der größte Stolperstein beim Einführen von achtsameren Verhaltensregeln ist Skepsis und Ungeduld. An sich ist Achtsamkeit wie Auto fahren. Am Anfang muss man blinken und kuppeln lernen, doch irgendwann sind diese Abläufe völlig normal. Es dauert nur eine gewisse Zeit.
Quelle: Edith Karl, Senatorin im Senat der
Wirtschaft und Buchautorin zum Thema „Achtsamkeit“

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Ausgabe 02/2018