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Julia Dombrowski

Kolumne

Abschiede

Julia Dombrowski denkt über bedauerliche und überfällige Abschiede nach. Manchmal ist es eben Zeit zu gehen.



Es ist nicht totzukriegen, auch im 21. Jahrhundert nicht: Noch heute bestehen einige Behörden beharrlich darauf, ein Telefax für den Informationsaustausch einzusetzen. Nein, E-Mails werden nicht akzeptiert, es muss unbedingt die Buschtrommel unter den Fernkommunikationsmedien sein. Könnte man davon nicht Abschied nehmen? Nö, das müsse so. Nun ja. Anderes, was anno dazumal selbstverständlich war in der Arbeitswelt, ist dagegen verschwunden – und kein Mensch vermisst es: verqualmte Raucherbüros, weil die Kippe am Schreibtisch mal völlig normal war; Memos auf Papier, die von Mitarbeiter zu Mitarbeiter wanderten und von jedem unterschrieben wurden, der sie gelesen hatte; der Einkauf in der Mittagspause, weil Geschäfte höchstens bis 18:30 Uhr geöffnet hatten – und Mittwochnachmittag meist gar nicht. Allem voran aber die Annahme, dass Chefs grundsätzlich Männer seien. Himmel, es ist sehr beruhigend, dass sich mancher Status quo einfach in Luft auflöst! Hingegen ein Arbeitsleben ohne Internet, das war nicht nur schlecht. Ohne ständigen Informations-Overkill und Hunderte ungelesener Nachrichten im E-Mail-Postfach lebte und arbeitete es sich ein bisschen entspannter. Da plauderte man eben mal mit den netten Menschen bei der Telefonauskunft, um an eine Nummer außerhalb des örtlichen Verzeichnisses zu gelangen. Oder man radelte zur Stadtbücherei, um irgendwas nachzuschlagen. Ach nein – in Zeiten vor dem Internet wäre man wohl eher mit dem Auto ohne Katalysator, das Benzin für 1 Mark 20 pro Liter getankt hatte, bis zum nächsten Briefkasten gefahren. Okay, früher war vermutlich doch nicht alles besser. Andererseits – unbefristete Arbeitsverträge waren damals noch die Regel und nicht die Ausnahme. Wer nach der Schule in die Lehre kam und sich nicht allzu blöd anstellte, hatte die Chance, die restlichen 45 Jahre seines Arbeitslebens im selben Betrieb zu bleiben. „Generation Praktikum“ lag noch in weiter Ferne und niemand hätte sich träumen lassen, dass eines Tages hochqualifizierte junge Menschen von einer prekären Beschäftigung zur nächsten springen müssen und das auch noch normal finden. In diesem Fall hat die Gesellschaft zu einer Selbstverständlichkeit Ade gesagt, die gern wieder zurückkehren dürfte. Abschiede von Kollegen, die sind anstrengend. Da gibt es in regelmäßigem Turnus Mett-Igel, Schnittchen, Kuchenplatten oder den Mittagssekt zum Ausstand, jemand muss eine kordiale Rede halten und es wird zusammengelegt für einen Geschenkgutschein vom Kaufhaus, das überhaupt nur noch durch Geschenkgutscheine für Ausstände vor der Insolvenz bewahrt werden dürfte. Und neue Kollegen einarbeiten, sich an sie gewöhnen, das ist ja schließlich auch Stress. Vor allem in Zeiten, in denen unbefristete Verträge eine solche Normalität sind, dass der nächste Einstands- oder Ausstands-Mett-Igel wie ein ständiges Damoklesschwert über dem Arbeitsalltag schwebt. Abschiede sind nicht per se gut oder schlecht. Manche sind einfach an der Reihe, um etwas oder jemand neuem Platz zu machen. Es war mir eine große Freude, seit 2009 an dieser Stelle über diverse Parallelwelten schreiben zu dürfen. Nun ist es an der Zeit, an einen neuen Kopf zu übergeben, der Sie in Zukunft unterhalten wird. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge nehme ich Abschied. Machen Sie es gut und bleiben Sie dieser Seite gewogen!

Julia Dombrowski | redaktion@rhein-wupper-manager.de

Ausgabe 08/2017