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Über zwei Drittel aller Fahrräder werden im Fachhandel gekauft(Foto: © industrieblick – stock.adobe.com)

Erwartungen erneut übertroffen

E-Bikes erweisen sich erneut als Wachstumstreiber der deutschen Fahrradindustrie. Der Fachhandel bleibt Ansprechpartner Nummer eins bei den Kunden.



„Die deutsche Fahrradindustrie konnte im vergangenen Jahr erneut die Umsätze steigern. Das E-Bike ist der Treiber der Branche. Hier wurden die positiven Prognosen für das letzte Jahr sogar noch einmal deutlich übertroffen. Auch für die Zukunft sind wir zuversichtlich, dass sich dieser Trend weiter fortsetzen wird“, so Siegfried Neuberger, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verband e.V (ZIV). Der Umsatz durch den Verkauf von Fahrrädern und E-Bikes stieg in 2017 von 2,6 Milliarden Euro auf 2,69 Milliarden Euro. Nimmt man den wachsenden Komponenten- und Zubehörbereich mit hinzu, so ergibt sich ein geschätzter Gesamtumsatz von ca. 5,4 Milliarden Euro. Trotz steigender Umsätze sinkt der Absatz. So liegt der Absatz an Fahrrädern und E-Bikes mit 3,85 Millionen Einheiten im Jahr 2017 deutlich unter den 4,06 Millionen aus 2016.

Umsatzplus dank E-Bikes

Gesunkene Verkaufszahlen, gestiegener Umsatz? Wie geht das denn? Ganz einfach. Der durchschnittliche Verkaufspreis pro Fahrrad ist von 643 Euro auf 698 Euro angestiegen, was zugleich ein Indiz dafür ist, dass zum einen das Qualitätsbewusstsein der Kunden noch stärker ausgeprägt und zum anderen der E-Bike-Verkauf angewachsen ist. Denn eines ist klar: Das E-Bike ist längst kein Nischenprodukt mehr. 720.000 E-Bikes wurden allein im vergangenen Jahr hierzulande verkauft – 115.000 mehr als 2016. Von den mittlerweile 73,5 Millionen Fahrrädern, die in Deutschland genutzt werden, fahren aktuell mehr als 3,5 Millionen elektrisch. Der Marktanteil am Gesamtfahrradmarkt ist sogar auf 18,7 Prozent angestiegen – und er soll laut ZIV-Schätzungen mittelfristig auf rund 23-25 Prozent anwachsen. Langfristig rechnet der ZIV mit einem Anteil am Gesamtfahrradmarkt von bis zu 35 Prozent. Zu beachten ist dabei die Tatsache, dass 99 Prozent aller verkauften E-Bikes Fahrzeuge mit einer Maximalgeschwindigkeit von 25 Kilometern pro Stunde und einer Nenndauerleistung des Motors bis maximal 250 Watt sind. Das restliche Prozent sind E-Bikes 45, sprich: schnelle E-Bikes, die versicherungspflichtig sind und die ausschließlich mit Helm genutzt werden dürfen.

Viele gute Gründe

Den großen Zuwachs an E-Bikes erklären sich Experten durch gleich mehrere Faktoren. Da wäre u.a. das immer populärer werdende Fahrradleasing. Denn seit 2012 ist das Dienstfahrrad dem Dienstwagen gleichgestellt. Wenn die Anschaffungskosten vom Arbeitgeber übernommen werden, liegt die Ersparnis bei fast 100 Prozent. Einer privaten Nutzung steht ebenfalls nichts mehr im Wege, wenn der Angestellte ein Prozent des auf volle 100 Euro abgerundeten Kaufpreises zu seinem Bruttogehalt als geldwerten Vorteil versteuert. Ebenfalls verkaufsfördernd wirkt sich die Vielfalt der Modelle und Produktkategorien aus – auch bezüglich des Designs. Damit werden die Zielgruppen stetig jünger, was zugleich den E-Mountainbike-Sektor immer stärker in den Vordergrund rücken lässt. Aktuell beträgt sein Anteil am Verkauf von E-Bikes 21,5 Prozent. Spitzenreiter ist mit 38,5 Prozent der E-Citybike-Sektor, gefolgt vom E-Trekkingräder-Sektor mit 35,5 Prozent; Lastenräder machen 3,0 Prozent aus.

Einzelhandel kann punkten

Erfreulich für den Fachhandel und den Fachmarkt ist ihre Beliebtheit in puncto Vertriebswege. Rund 68 Prozent der Kunden beziehen ihr Zweirad aus ihnen. Weit abgeschlagen mit 13 Prozent liegen die SB-Warenhäuser und Baumärkte. Die Internetbestellungen rangieren mit 19 Prozent auf Platz zwei. Zeitgleich konnte 2017 beim E-Bike-Export erneut eine Steigerung erzielt werden, von 140.000 in 2015 auf 290.000 Einheiten in 2017 – davon gingen 28 Prozent in die Niederlande. Ein weiteres Zeichen dafür, dass die deutsche Fahrradindustrie weiterhin mit sehr guten Produkten die Marke „Made in Germany“ untermauert. Die Zahl der importierten Fahrräder und E-Bikes ist im gleichen Zeitraum mit jetzt 3,29 Millionen Stück konstant geblieben. Weiterhin kommen 23 Prozent der importierten Fahrräder aus Kambodscha, 13 Prozent aus Polen und elf Prozent aus Bulgarien. Lediglich sechs Prozent der hierzulande verkauften Fahrräder stammen im Übrigen aus den Niederlanden, in die wiederum 28 Prozent der in Deutschland produzierten Fahrräder exportiert werden. Jetzt muss nur noch die Sonne scheinen und einem super Fahrrad-Jahr steht nichts mehr im
Wege! Marcel Sommer | redaktion@ostwestfalen-lippe-manager.de

INFO

Mit E-Bikes – korrekt ausformuliert müssten sie eigentlich Elektroleichtfahrzeuge, kurz LEV, genannt werden – sind drei Gruppen verschiedener Fahrzeugkonzepte mit elektrischem Hilfsantrieb gemeint. Die Pedelecs, deren Name sich aus den Worten Pedal, Electric und Cycle zusammensetzt, stellen mit rund 99 Prozent die größte Gruppe innerhalb der LEVs dar. Bei einem Pedelec arbeitet der Elektromotor nur dann, wenn in die Pedale getreten wird. Er unterstützt sozusagen den Fahrradfahrer bei seiner Arbeit. Der Motor darf dabei eine 250 Watt starke Nennleistung nicht überschreiten und muss sich ab 25 Kilometern pro Stunde automatisch abschalten. Mithilfe eines Gasdrehgriffs kann bei diesen Fahrrädern der Grad der elektrischen Unterstützung gewählt werden. Der Vorteil der Pedelecs liegt darin, dass sie trotz unterstützender Motorisierung in der EU als Fahrräder gelten und somit zulassungs-, führerschein- und helmpflichtfrei sind.

Anders sieht dies bei der Gruppe der S-Pedelecs und den eigentlichen E-Bikes aus. Erstere funktionieren im Prinzip wie normale Pedelecs, unterstützen den Fahrer aber bis Tempo 45. Zudem darf die Leistung des Motors bis zu 500 Watt stark sein. Diese Tatsachen machen sie laut Verkehrsrecht zu Kleinkrafträdern inklusive aller Rechte und Pflichten. Zu den Pflichten zählen u.a. die Anbringung eines Versicherungskennzeichens, der Besitz eines Mofaführerscheins (ist im Autoführerschein enthalten) und eine Helmpflicht. Hinzu kommt der Verlust des Privilegs, den Radweg innerorts benutzen zu dürfen – außerorts ist die Benutzung hingegen vorgeschrieben. Die Gruppe der E-Bikes besteht aus Fahrrädern, die auch ohne Krafteinwirkung des Fahrers per Elektromotor fahren können. Sie kommen der Gruppe der Mofas sehr nahe und müssen daher, abhängig von Leistung und Höchstgeschwindigkeit, ebenfalls versichert und können nur mit einem Mofaführerschein betrieben werden.

Ausgabe 04/2018