Alte und junge Vorzeigeunternehmen: Alte und neue Firmen einträchtig nebeneinander

Alte und neue Firmen einträchtig nebeneinander
Das Corporate Center des führenden Medien- und Dienstleistungskonzerns Bertelsmann SE in Gütersloh (Foto: Bertelsmann SE)
Das Corporate Center des führenden Medien- und Dienstleistungskonzerns Bertelsmann SE in Gütersloh (Foto: Bertelsmann SE)
Ob die sprichwörtliche Sturheit der Ostwestfalen und Lipper die Lebendigkeit der Firmenvielfalt befördert oder behindert, weiß eigentlich niemand so recht. Fakt ist jedoch: Die große Dichte an ganz unterschiedlichen Traditionsunternehmen und vielen Start-ups ist wohl beispiellos in ganz Nordrhein-Westfalen. Vom Weltkonzern bis zur One-Man-Show ist in der Region so ziemlich alles vertreten, was eine agile und weltoffene Unternehmenslandschaft ausmacht. Viele der Firmen sind Vorzeigeunternehmen, die weit über die regionalen Grenzen nach Deutschland und Europa mit ihren Markenprodukten ausstrahlen. Dr. Oetker, Bertelsmann oder Miele – sie gehören zu den ganz großen Playern in ihrem Segment und haben ihren Sitz in Ostwestfalen. Aber viele andere Hidden Champions sitzen hier ebenso. Und wer von außerhalb auf die Region schaut, wundert sich bisweilen, welch unglaublich starke ökonomische Kraft diese Region besitzt. OWL gehört tatsächlich zu den potentesten Wirtschaftsregionen Deutschlands. Rund 140.000 Unternehmen zwischen Weser, Münsterland, Sauerland und hessischer Landesgrenze sorgen mit mehr als einer Million Beschäftigten für ein Bruttoinlandsprodukt von mehr als 60 Milliarden Euro pro Jahr. Gleichzeitig gehört der Landstrich zu einer der innovativsten deutschen Regionen mit vielen kleinen Start-ups, zahlreichen familiengeführten Mittelständlern und stark wachsenden digitalen Playern, die Produkte für ganz Europa, teilweise für Märkte in Asien oder Amerika beliefern. Laut Aussage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gehört OWL zu den Top Fünf der deutschen Innovationsregionen und zu den wichtigsten Technologiestandorten Europas.

Agiler Branchenmix

Bei näherem Hinschauen wird ein unglaublich agiler Branchenmix mit klarem Schwerpunkt im verarbeitenden Gewerbe deutlich. Zu den bekanntesten Unternehmen zählt z.B. das in Harsewinkel mit Stammsitz ansässige Unternehmen Claas, das Weltmarktführer bei Mähdreschern und Häckslern ist. Aber auch Schüco als einer der großen Marktführer für Fenster, Rahmen und Türen dürfte vielen in Deutschland ein Begriff sein. In der Region sehr bekannt – in Deutschland zumindest denjenigen, die sich mit den aus den Unternehmen stammenden Produkten beschäftigen – sind etwa Beckhoff, Phoenix Contact, DMG Mori, Gerry Weber, Harting, Melitta, Weidmüller oder Diebold Nixdorf. Vor allem Letzterer ist als Weltmarktführer für Bankautomaten eine feste Größe bei Sparkassen und Kreditinstituten weltweit. Andere große, in der Region ansässige Player, die ihre Produkte weltweit verkaufen, haben ebenfalls eine enorme Leuchtkraft. Zum Beispiel Miele mit Sitz in Gütersloh – nicht weit entfernt von Europas führendem Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann. Miele ist ein gutes Beispiel für ein Traditionsunternehmen, das stark in der Region verwurzelt ist, und zahlreiche Werke weltweit unterhält, in denen die vielfältigsten technischen Haushaltsgeräte für den globalen Markt produziert werden. In den vielen Jahrzehnten seit der Gründung im Jahre 1899 wurden immer wieder neue Geräte in das Produktionsprogramm aufgenommen, aber nach bestimmter Zeit auch wieder eingestellt. So wissen heute nur noch wenige Menschen in Deutschland, dass Miele in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts auch Automobile, Motorräder und Mopeds gebaut hat. Um sich auf die Kerngeschäftsfelder besser konzentrieren zu können, hat man dort die Produktion letztlich eingestellt. Trotzdem gilt – und das nicht nur für Miele: Es ist die Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit, die ostwestfälische und lippische Unternehmen immer wieder auszeichnet, wenn es darum geht, Geschäfte durch Aufgreifen aktueller Trends weiter voranzubringen.

Start-ups als Hoffnungsträger

Die großen, zu einem erheblichen Teil inhabergeführten Unternehmen in Familienbesitz bilden das Rückgrat der Region und bringen sich selbst oft ein, wenn es gilt, andere kleinere, völlig neue Unternehmen zu stärken und weiter zu unterstützen. Diese kleinen, auf den ersten Blick unscheinbaren Start-ups sind die große ökonomische Hoffnung der Region. Sie tummeln sich vor allem im IT-Sektor und treiben die Digitalisierung vieler Wirtschaftsbereiche mit Mut und Engagement tatkräftig voran. Der ein oder andere ist sogar schon zu gewisser Bekanntheit aufgestiegen. Beispiel gefällig? Die Kommunikationsagentur Rheingans Digital Enabler unter Führung von Geschäftsführer Lasse Rheingans. Er hat vor einem Jahr vorgeschlagen, den eigenen Mitarbeitern die Arbeitszeit um fast 50 Prozent zu kürzen und den 5-Stunden-Arbeitstag einzuführen – bei vollem Lohnausgleich. Ein interessanter und äußerst ungewöhnlicher Vorschlag, der bundesweit hohe Wellen in den Medien schlug und sehr kontrovers diskutiert wurde – vom Allgäu bis nach Flensburg. Wer sich weiter in der Start-up-Szene umschaut, trifft auch auf große Förderer. Der größte ist eindeutig die Founders Foundation mit Sitz in Bielefeld. Sie wird finanziert durch die in Gütersloh ansässige Bertelsmann Stiftung. Die Foundation selbst will Start-up-Gründer nicht nur finanziell fördern, sondern sogar ausbilden und auf dem Weg zur weiteren Entfaltung des neuen Unternehmens begleiten und mit lokalen Unternehmen und Forschungsinstituten verbinden. Ziel sei es, so die gemeinnützige GmbH, „starke Unternehmenspersönlichkeiten und eine erfolgreiche Start-up-Kultur in der Region zu entfalten“. Hierfür werden besondere Events durchgeführt – und wer will, darf sogar ein sechsmonatiges Ausbildungsprogramm durchlaufen, in dem zahlreiche erfahrene Mentoren den Newcomern tatkräftig zur Seite stehen. Die Unterstützung der Jungunternehmer soll laut Foundation „während des gesamten Reifeprozesses“ gewährleistet sein. Andere Organisationen wie z.B. das „WIM – Netzwerk in OWL für Unternehmen“, der „Pioneers Club“ oder das „Startercenter NRW Ostwestfalen“ greifen den jungen innovativen Start-ups ebenso unter die Arme und sorgen mit günstigen Mieträumen oder persönlicher Unterstützung für tolle Rahmenbedingungen in der starken Wirtschaftsregion Ostwestfalen-Lippe.

Aufsteiger in OWL

Andere, ehemals ganz kleine Unternehmen haben es bereits geschafft und können auf eine gelungene Performance in der Region und darüber hinausblicken. So es hat die Personalhaus Bielefeld GmbH & Co. KG innerhalb von nur vier Jahren vom Drei-Personen-Personaldienstleister mit niedrigem Umsatz zu einem Unternehmen mit mehreren Niederlassungen und rund 1.400 Mitarbeitern gebracht. Zudem befindet sich die Firma aktuell bereits unter den 100 größten Unternehmen in Ostwestfalen-Lippe – eine reife Leistung, wenn man bedenkt, dass der Player erst sehr kurze Zeit am Markt agiert. Aber auch andere Start-ups haben es geschafft und sind heute auf dem deutschen oder sogar europäischen Markt präsent. Beispielsweise Halfar. Die Firma produziert seit 1986 hochwertige Ledertaschen als Einzelfertigung, medizinische Notfalltaschen und Taschen für Sicherheitsgeräte. 1993 lief die erste Serienproduktion vom Band und im Jahr 2000 bezog das kleine Unternehmen ein eigenes Firmengebäude in Bielefeld. Im Laufe der Zeit wuchs die Firma langsam, aber stetig. Und heute werden rund 150 Taschenmodelle für ganz unterschiedliche Kundengruppen produziert. Firmengründer Armin Halfar hat sich dabei auserkoren, die Tasche immer wieder neu zu erfinden und aktuelle Trends der Branche regelmäßig aufzugreifen. Auch in Zukunft werden traditionsreiche Unternehmen ebenso wie neue Firmen in Ostwestfalen-Lippe ihre Daseinsberechtigung haben – in einer der stärksten Wirtschaftsregionen Deutschlands.
Dr. Martin Steffan | redaktion@ostwestfalen-lippe-manager.de

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Ausgabe 07/2018