Branchenreport Fahrrad – Mobilität neu erfunden

In Ostwestfalen-Lippe hat das Fahrrad die Überholspur entdeckt. Eine Region will an sehr erfolgreiche alte Zeiten anknüpfen
OWL rüstet sich für gute und schnelle Wege durch die Region; die Regionale soll gemeinsame Standards bringen (© Foto: BezRegDt, Moseke)
OWL rüstet sich für gute und schnelle Wege durch die Region; die Regionale soll gemeinsame Standards bringen (© Foto: BezRegDt, Moseke)
Sie tragen so klangvolle Namen wie „Gloria“ „Anker“, oder „Hengstenberg“, „Diana“ oder „Westfalen“. Sie stammen aus der Fertigung von Dürkopp, Nagel, Göricke, Anker, Koch, Adler, Miele oder Gudereit. Die Fahrradschmieden gibt es zum Teil auch heute noch, auch wenn sie an eine Zeit erinnern, als sich Ostwestfalen aufmachte, in der mobilen Welt anzukommen und ein erfolgreiches Stück Wirtschaftsgeschichte zu schreiben. Vor 130 Jahren fasst in Ostwestfalen der Metall- und Maschinenbau Fuß. Nähmaschinen sind der Renner in Bielefeld und Umgebung. Weil dieser Traum jeder Hausfrau ähnliche Fertigungsabläufe hat wie ein Fahrrad, erweitern viele Bielefelder Firmen ihr Sortiment und steigen während einer Konjunkturflaute um das Jahr 1890 aufs Rad um. Der Bielefelder Fahrradboom dauert bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. In den besten Zeiten haben hier 265 Unternehmen Fahrräder und Fahrradteile hergestellt. Zur Blütezeit stammt jedes fünfte Rad im Land aus Bielefeld, bei Sätteln und Taschen liegt der Marktanteil sogar bei 90 Prozent. Das Geschäft brummt und ist ertragreich: Ein Fahrrad kostet zunächst noch 400 Mark. Das entspricht auf heutige Zeiten umgerechnet einem Wert von knapp 20.000 Euro. Auch wenn die Preise durch die Massenproduktion schnell und stetig sinken und ein Fahrrad in den 1920er-Jahren für gut 20 Mark zu haben ist, beliefern die Bielefelder die halbe Welt, auch in China oder Indien sind die Räder aus OWL ein Renner. Mehr als 20 Millionen Fahrräder rollen nach 1885 von Ostwestfalen um den Globus. Das Fahrrad entwickelt sich zum individuellen Verkehrsmittel schlechthin. Es lässt sich nicht durch Weltkriege und Wirtschaftskrisen stoppen, erst die motorisierten Zweiräder und die Kleinstautomobile der 1960er-Jahre bremsen, wohl aber nur vorübergehend, den Siegeszug.

Von OWL in die Welt

Der Siegeszug hatte am 12. Juni 1817 seinen Anfang genommen, als Karl Freiherr von Drais seine zweirädrige Laufmaschine erstmals von Mannheim nach Schwetzingen steuerte und damit den Grundstein für eine beispiellose Erfolgsgeschichte legte. Diese spektakuläre „Ausfahrt“ gilt als die Geburtsstunde der modernen Mobilität, die derzeit eine rasante Renaissance erlebt. In der Zwischenzeit erlebte das Fahrrad eine beachtliche Entwicklung. Meilensteine sind die Tretkurbel, aufblasbare Luftreifen und die Gangschaltung. Heute ist der deutsche Fahrrad- und E-Bike-Markt der größte in Europa. Fahrräder, E-Bikes, Komponenten und Zubehör aus deutscher und internationaler Produktion bestechen durch Innovationen und Qualität. Das Fahrrad ist eine deutsche Erfindung – und in Deutschland wird es auch 200 Jahre später immer wieder neu erfunden. Ob E-Bike, City- oder Trekkingrad, Mountainbike oder Lastenrad, die Innovationen der deutschen und internationalen Fahrradindustrie begeistern durch Qualität, Ingenieurskunst sowie Design und bieten ideale Lösungen für die Mobilität der Zukunft effektiv, umweltfreundlich, gesund.

50.000 Menschen gestalten Zukunft der Mobilität

Rund 50.000 Menschen arbeiten im Land in Industrie, Handel und Handwerk für und mit dem Produkt Fahrrad und leisten damit einen wichtigen Beitrag für Produktivität und Wohlstand in Deutschland. Gemeinsam gestalten sie die Zukunft der Mobilität und helfen dabei, Lösungen für die erforderliche Verkehrswende in Deutschland zu finden. Alle Experten sind sich sicher: Corona bescherte den Herstellern und dem Handel gewaltige Herausforderungen vor dem Hintergrund von Shutdowns, gestörten Lieferketten, Ladenschließungen und Hygieneauflagen. Corona bescherte aber auch eine beispiellose Nachfrage und auch 2021 wird ein spannendes Fahrradjahr erwartet. Einer weltweit deutlich gestiegenen Nachfrage steht eine angespannte Liefersituation gegenüber. Gleichzeitig hat das Fahrrad in der Pandemiezeit enorm an Bedeutung gewonnen – wirtschaftlich, politisch, touristisch und gesundheitlich. In vielen deutschen und europäischen Städten wird der Radverkehr neu entdeckt und bekommt mehr Platz.

Corona beschert eine beispiellose Nachfrage

Der gesamte Fahrradbestand (inklusiv E-Bikes) in Deutschland ist nach Einschätzung des Zweirad-Industrie-Verbandes (ZIV) auf 79 Millionen Stück angewachsen; sieben Millionen Radler nutzen mittlerweile den elektrischen Rückenwind. „Das vergangene Jahr war beispiellos für die deutsche und internationale Fahrradindustrie sowie für die Fahrradwirtschaft insgesamt. Die Herausforderungen hätten größer nicht sein können“, erinnert der bisherige ZIV-Geschäftsführer Ernst Brust an die Corona-Auswirkungen. Angesichts der Jahreszahlen kann der Funktionär aber nur Positives sehen: „Sowohl Fahrrad als auch E-Bike sind unverzichtbare Verkehrsmittel der heutigen Zeit und der Zukunft und bieten darüber hinaus infektionssichere, aktive und umweltschonende Mobilität. Ich bin zuversichtlich, dass diese Attribute zu einer nachhaltigen Entwicklung hin zu mehr Radverkehr führen.“

„Unverzichtbares Verkehrsmittel der Zukunft“

Die Umsatzzahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Der Umsatz mit Fahrrädern und E-Bikes strahlt mit einem Plus von mehr als 60 Prozent und 6,5 Milliarden Euro. Mit dem Komponenten- und Zubehörbereich addiert, ergibt sich über alle Vertriebswege ein Umsatzvolumen von annähernd zehn Milliarden Euro. Mehr als fünf Millionen „Einheiten“ (plus 17 Prozent) rollten aus den Lagern, davon waren nahezu zwei Millionen motorunterstützt. Der Export von Fahrrädern und E-Bikes konnte im Vorjahr um etwa acht Prozent auf 1,57 Millionen Stück gesteigert werden. Der mobile Fahrspaß ist allerdings schon lange nicht mehr für 20 Mark zu haben: Der durchschnittliche Verkaufspreis pro Fahrrad (inklusive E-Bikes) lag im Vorjahr bei 1.279 Euro und wird vom hohen E-Bike-Anteil dominiert.

Radinfrastruktur abstimmen

Radfahren in „Ostwestfalen-Lippe“ (OWL) soll schneller, komfortabler und sicherer werden. Im Rahmen der Regionale 2022 haben sich die sechs Kreise Gütersloh, Herford, Höxter, Lippe, Minden-Lübbecke und Paderborn sowie die Stadt Bielefeld auf den Weg gemacht, eine gemeinsame Radinfrastruktur mit gemeinsam abgestimmten Standards zu entwickeln. Ein Konzept für ein lückenloses und verkehrssicheres Alltagsradnetz in einem auch topografisch sehr heterogenen Raum mit etwa 6.500 Quadratkilometern war Ziel des einjährigen Planungsprozesses. Das Radnetz OWL soll ein Leuchtturmprojekt der Radverkehrsförderung sein. Es stellt die erarbeiteten Maßnahmen in den gesamtregionalen Zusammenhang und nimmt auch periphere Lagen in OWL in den Fokus. Dabei soll der Radverkehr zukünftig stärker als Faktor für die regionale Siedlungsentwicklung wirken. Zielsetzung ist es, aus den Maßnahmenempfehlungen Pilotprojekte zu definieren und erste Ansätze zügig umzusetzen. Langfristig soll diese verbesserte und leistungsfähigere Radinfrastruktur die Mobilitätsgewohnheiten und damit den „Modal Split“ zu einer nachhaltigeren Verkehrsmittelwahl hin zum Fahrrad positiv verändern. Besonderes Augenmerk liegt auch auf Wirtschaftsverkehren mit Lastenrädern. Der Radverkehr soll sich als echter Alltagsverkehr etablieren, dazu müssen allerdings auch die Standards zukunftsorientiert angepasst werden.

INFO

Welt des Fahrrads Bequem, elektrisch oder für den Transport? Das Fahrrad hat längst eine neue Bedeutung gewonnen. Es ist mehr als nur Freizeitvergnügen. Immer mehr Wege auf dem Weg zur Arbeit werden mit ihm absolviert. Die Bandreite ist groß. Hier ein kleiner Überblick:

E‑Mountainbike

E‑Mountainbikes gehören zu den stark wachsenden Segmenten im Fahrradbereich. Die Räder ermöglichen weitere Touren im Gelände und dadurch mehr Abwechslung.

Gravel-Bike

Das Gravel-Bike ist der neue Stern am Fahrradhimmel. Die Räder mit breiten Reifen ermöglichen das sportliche Rennradfahren auch abseits von Asphalt.

Cargobike

Egal ob für Familien, Kleingewerbe oder Lieferdienste: Die Nachfrage nach Cargobikes steigt europaweit an. Die geräumige Ladefläche vor dem Lenker oder der Gepäckträger bieten Platz für bis zu drei Kin der oder den Großeinkauf.

E‑Trekkingrad

Das Trekkingrad ist aufgrund seiner Allroundfähigkeiten seit langer Zeit der Verkaufsschlager. Der Elektromotor ist nicht mehr wegzudenken.

E‑Citybike

Klassische Citybikes werden mittlerweile in großer Zahl mit Elektromotor verkauft. Die technische und auch optische Integration von Akku und Motor ist dabei Standard.

Kinderrad

Kinderräder haben in der Corona-Krise eine steigende Nachfrage erfahren. Einerseits sind sie eine Alternative zum Schulbus, andererseits Spiel- und Sportgerät für den Nachmittag.

Reiserad

Reiseräder finden immer mehr Fans. Sie haben einen Stahlrahmen, sind auch fürs Gelände geeignet und bieten Gepäckaufnahmen.

SUV-Bike

Der Begriff SUV-Bike beschreibt Räder, die sowohl für die Stadt als auch für das Gelände konzipiert sind. Basierend auf einem vollgefederten E-Mountainbike-Rahmen sowie breiten Stollenreifen, verfügt das Rad zusätzlich über eine alltagstaugliche Ausstattung mit Gepäckträger, Schutzblechen und Lichtanlage.

Fotostrecke

Ausgabe 01/2021