Spedition und Logistik: Packing, Warehousing und Fulfillment – eine Branche weltweit im Aufwind

Beschaffungs-, Distributions-, Lager- und Kontraktlogistik verzahnen sich immer weiter mit IT.
Foto: © hacohob   – stock.adobe.com
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23 in der Sekunde, 1.380 pro Minute, jede Stunde 82.800 und hochgerechnet auf ein Jahr reihen sich 715.392.000 Spezialschrauben in den Vibrationswendelförderer, der die Bestückungsanlage eines mittelständischen Maschinen- und Anlagenbauers rund um die Uhr mit Nachschub versorgt. Jeden Tag werden in Deutschland fünf Millionen Pakete allein von DHL befördert (Quelle: Deutsche Post) und ein großer Teil entfällt auf Konsumgüter bekannter Online-Versandhändler. Ob nun in der Industrie oder der Bestellvorgang am heimischen Rechner – ohne Profis in einer langen Kette vieler kleiner Schritte stehen die Maschinen und Förderbänder still und gekaufte Ware verstaubt im Lagerregal. Ob in der Produktion, dem Verpackungshersteller über den Softwaredienstleister hin zum Spediteur und Logistiker ist für einen reibungslosen Ablauf die zeitliche und räumliche Koordination aller Schritte aufs Genaueste nicht nur zu planen und auszuführen, sondern auch vorherzusehen.

Neue Geschäftsfelder für Software und IT

Interne Zahlen des Gemeinschaftsausschusses Deutscher Verpackungshersteller (GADV), des Bundesverbands IT-Mittelstand (BITMi) sowie des Bundesverbands Spedition und Logistik (DSLV) belegen offiziell, worüber sich die Branche seit nunmehr fast einem Jahrzehnt freut: steigende Zuwachsraten in einem (noch) stabilen wirtschaftlichen Umfeld. Binnennachfrage und Exportüberschüsse bescherten der Branche im Zuge der Digitalisierung nicht nur Wachstum, sondern offenbarten auch Schwächen der deutschen Industrie, nämlich den allenthalben beschworenen Fachkräftemangel, was wiederum Triebkraft progressiver Lösungen war und hoch spezialisierte Unternehmen auf diesem Feld hervorgebracht hat. Intelligente Packing-Lösungen für Industrie und E-Commerce, Lagerhaltung auf Abruf und kurze Wege führten zwangsläufig zur Verquickung von Logistik, Verpackungsindustrie und Softwarespezialisten. Diese vierte industrielle Revolution hat ein breit gefächertes Portfolio an Technologien herausgebildet, das in allen Teilen der Wirtschaft gebündelt in dynamischen Lösungen zur Anwendung kommt. Auch die Logistik- und Speditionsbranche entwickelt sich weiter, erste Dissonanzen zeichnen sich jedoch ab. Denn Lagerhaltung ist weitestgehend statisch; langfristige Mietverträge, hohe Bauinvestitionen, feste Betriebskosten in nicht unerheblicher Höhe oder der Mangel an attraktiven Standorten in Ballungsräumen stellen weitere Herausforderungen dar.

E-Commerce und Sharing Economy – Treibkraft neuer Innovationen

Kurze Reaktionszeiten und Wege zu den Märkten, Flexibilität, Vorrat auf Abruf, Skalierbarkeit – der Service am Kunden, besser gesagt: der Kaufanreiz am Kunden ist der Druck, der zum Umsturz alter Gewissheiten führte und nicht nur das Konsumverhalten veränderte, sondern den gesamten E-Commerce umwälzte und neue Global Player wie Amazon hervorbrachte. Allerdings sind auch diese (noch) auf die Marktführer vor Ort angewiesen, die nicht nur die Region kennen, sondern auch die Ressourcen beherbergen, sich im heutigen dynamischen Geschäftsumfeld zu bewegen und sich bedarfsgerecht zu vernetzen – ob im kleinen als hoch spezialisierter Betrieb oder Weltkonzern in der Nachbarschaft. Lager- und Logistikzentren sind nämlich oft zu weit vom Verbraucher entfernt und erschweren agiles Supply-Chain- und Just-in-time-Management. Möglichst langfristige Verträge, minimale Abnahmezusagen sind als starres Preismodell der Kontrast zu den heutigen Marktanforderungen zu sehen. Die Alternative, die bedarfsgesteuerte Lagerhaltung, sowohl für den E-Commerce-Handel als auch den Einzelhändler, sorgt da für Flexibilität in Umsatzspitzen oder Werbeaktionen.

Just in time und Zulieferindustrie der 90er als Blaupause für 4.0

In der Zulieferindustrie wird die Produktion mit Überlauflösungen seit Jahren schon variabel gehandhabt. Unabhängig von der Unternehmensgröße ist es schwierig, fernab von Firmensitz oder Produktionsstandort einen passenden Raum zu finden, vor allem im Hinblick auf temperaturabhängige Sonderlösungen. Pay-as-you-go bzw. -use als Modell der Sharing-Economy-Kultur ist die Antwort auf die Aufgabenstellung – Kunden können jederzeit und von überall aus nach Bedarf eine Fläche buchen und nur das bezahlen, was sie benötigen; neue Ressourcen werden frei für Forschung und wichtige Entwicklungen. All-in-one-Solutions durchdringen sämtliche Bereiche – vom Klick bis zur Auslieferung Die Erfüllung der Vertragspflichten, von der Bestellannahme, Lagerhaltung, Kommissionierung, Verpackung, Frankieren, Versand, Rechnungsstellung und Inkasso hin zu Retourenmanagement, Ersatzteilversorgung, Reparatur oder der Entsorgung von Rückwaren, der Kundenbetreuung – jeder Schritt dieser Fulfillment-Aufgaben wird von hoch spezialisierten Logistikdienstleistern ausgeführt. Erfolgreiche Online-Shop-Betreiber haben diese Aufgaben längst Spezialisten übertragen. Im Business-Process-Outsourcing werden im E-Fulfillment sogar Dienstleistungen rund um den Zahlungsverkehr wie Bonitätsprüfung, Factoring oder die Abtretung angeboten. Plattformtechnologien werden die Zukunft weiter verändern, wie einst das Leasinggeschäft, und die Erschließung neuer Marktvolumina ermöglichen. Ob es nun persönliche Besitzverhältnisse mit dem E-Auto sind oder im gewerblichen Bereich gemeinsame Lagerflächen – sieben von den zehn nach Marktkapitalisierung weltweit größten Start-ups basieren auf einem Plattformgeschäftsmodell. Im Grunde genommen sind das Marktplätze, wo Angebot und Nachfrage zueinanderfinden und sich modular integrieren lassen – jederzeit und von überall aus. Aus der Zulieferindustrie entstanden, hat sich die Idee der Uberisierung auf alle Bereiche ausgedehnt, in denen Fixkosten die Margen minimieren.

„Orakel“ in den „Wolken“?

Wo Cloudtechnologien und Predictive Maintenance aufeinandertreffen, ist die Entwicklung solcher Lösungen zwangsläufig. Denn um konkurrenzfähig zu bleiben, werden zeitweilig Überbestände geschaffen, die als Retouren wiederum das Schaffen neuer Kapazitäten erfordern, was wiederum den Bauboom neuer Lager- und Logistikflächen bewirkt hat, sowie steigende Mietpreise, die (noch) im Rahmen der Rentabilität liegen. Nutznießer dieser Entwicklung sind alle Beteiligten; die damit einhergehende Kostenexplosion der Verteilerzentren wird schlussendlich auf die Masse der Endkunden umgelagert, die diesen Service bereitwillig bezahlen. Das On-Demand-Warehousing hat ein Netzwerk aus Lagerbetreibern und Fulfillment-Anbietern geschaffen, die zunehmend unabhängig von Marktschwankungen umgehend reagieren können. Damit hat sich der klassische Handel auch ein Stück weit dem Kunden genähert und den Weg zum Hersteller verkürzt. Neue Marken und Produkte finden so ihren Weg schneller an den Verbraucher, langwierige Feldstudien werden durch kurzfristige und präzise platzierte Werbung ersetzt – die Lieferleistung wird in allen Belangen dem Bedarf angepasst, skalierbar und vorhersehbar. Ob dieses Einsparpotenzial an den Kunden weitergegeben wird, bleibt abzuwarten; in jedem Fall wird weiter an der Anpassung individuellster Kundenwünsche gearbeitet. Disruptive Technologien – wie Robotik und Automation Arbeitsplätze verlagern Die Lagerautomation, die Machine-to-Machine-Kommunikation, das Internet der Dinge und die künstliche Intelligenz ermöglichen schon heute den fast reibungslosen Ablauf aller Prozesse, in denen der Mensch der Maschine zuarbeitet. Die kognitiven Fähigkeiten dieser Roboter erlauben ein Arbeiten in hochkomplexer Lagerumgebung. Eine Vorahnung auf das, was noch kommen wird, ist die Distributed-Ledger-Technologie, die mit Smart Contracts den direkten Vertragsschluss mit dem Kunden ermöglicht. Eine spannende Entwicklung, die weitreichende Folgen für jeden von uns mit sich bringt und den Handel aufs Neue umkrempeln wird.

Von E-Mobility zu H²-Mobility – alter Vorsprung neu auf Start

Dem Konsum hat das bislang keinen Abbruch getan. Trotz einer sich abzeichnenden Stagnation in der Automobilindustrie, Russlandsanktionen und dem US-chinesischem Handelskrieg, einem höheren Einstiegspreis für eine Tonne CO²-Emissionen in Höhe von 25 Euro, der ab 2021 im ersten Schritt – nicht nur, aber insbesondere – den Straßengüterverkehr verteuern wird, ist der Grad an Beschäftigung so hoch wie nie seit der Wiedervereinigung. Und die nächste Evolutionsstufe der Automobilität ist ebenfalls schon in den Schubladen als Brückentechnologie von E-Mobility hin zur Zukunft mit Wasserstoffantrieb; spätestens dann steht die CO²-Steuer auf dem Prüfstand.

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Ausgabe 01/2020