Automotive: Neue Wege im Blick

Automotive-Unternehmen vor großen technologischen Herausforderungen: Wandel zur Elektromobilität und Entwicklung zum autonomen Fahren erfordern Anpassung des Produkt- und Dienstleistungsspektrums.
(Foto: © Ivan Traimak  – stock.adobe.com)
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Leicht, schnell, sparsam – und auch noch preiswert: Die Premiere des „LS“ auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt am Main war vor gut zehn Jahren eine kleine Sensation. Ein „richtiges“ Auto mit vier Sitzplätzen, das unter 2,0 Liter Sprit auf 100 Kilometer verbraucht und 160 Stundenkilometer Spitze fährt, war das erste Zweiliter-Auto der Welt und entstand mit tatkräftiger Unterstützung des Bürener Systementwicklers Heggemann. Das Unternehmen aus Ostwestfalen-Lippe beliefert vom Gewerbegebiet Airport Paderborn/Lippstadt aus Autohersteller, ist aber vor allem als Leichtbauspezialist für die Luft- und Raumfahrtindustrie bekannt. Heggemann, zu dessen Kunden Airbus, Boeing, EADS und die NASA zählen, ist ein typischer „Ostwestfale“: Auch er bedient einen breit gefächerten Branchenmix. „Das Know-how der ostwestfälischen Unternehmen findet in der Automobilherstellung unterschiedlichste Verwendung“, heißt es bei der regionalen IHK. „So liefern und entwickeln klassische Textilhersteller Airbag-Komponenten, Möbelzulieferer Schrauben und Verbindungselemente, Hersteller von Kunststoffkomponenten Armaturenbretter oder Sensorenhersteller Mikrofone“, heißt es in einer Branchenanalyse. Die Erklärung wird gleich mitgeliefert: „Namhafte Unternehmen und viele kleine und mittlere Anbieter haben in der Automobil-Zuliefererbranche mehrere Standbeine gefunden. Ihre Produkte sind innovativ, vielfältig und qualitativ hochwertig: Ob Keilriemen, Anhängerkuppelungen, Armaturenbretter, Lenkungen, Leuchten oder Verbindungselemente – die Liste der Kfz-Produkte aus Ostwestfalen ist lang. In fast jedem Auto auf Deutschlands Straßen sind Zulieferteile aus Ostwestfalen verbaut“.

Individuelle Mobilität

Autos faszinieren Menschen seit 130 Jahren. Sie sind mehr als ein Fortbewegungsmittel. Sie werden gehegt und gepflegt und avancieren zum Kultobjekt und Sammlerstück. Deutschland hat einen ganz besonderen Bezug zur automobilen Welt. Trotz aller erkennbaren Veränderung und Zäsur zur Elektromobilität oder anderen Zukunftstechniken steht die individuelle Mobilität weiter im Fokus: Weltweit wurden im vorigen Jahr nahezu 100 Millionen Pkw und leichte Nutzfahrzeuge gebaut. Für das Jahr 2030 prognostiziert die Studie ein Volumen von 123 Millionen Fahrzeugen. Die automobile Wertschöpfung soll im gleichen Zeitraum inflationsbereinigt auf über 1,1 Billionen Euro steigen – auch dies ein Zuwachs von rund 30 Prozent. Unverändert jeder sechste Industriebeschäftigte arbeitet heute bei den Zulieferern der Automobil-, Bahn-, Luft- und Raumfahrtindustrie oder des Schiffbaus, die mit dem Schwerpunkt Automobil gemeinsam den „Automotive“-Bereich bilden.

Innovationsgeist und Leistungsfähigkeit

Die deutsche Automobil-Zuliefererindustrie steht mit ihren 300.000 Beschäftigten wie kaum eine andere Branche für Innovationsgeist, globale Präsenz und Leistungsfähigkeit. Dabei ist die Branche alles andere als homogen. Hier treffen Familienunternehmen auf Weltkonzerne, Chiphersteller auf Stahlverarbeiter, Unternehmen mit Dutzenden globaler Standorte auf kleine Spezialisten, die mit 100 Mitarbeitern an der Zukunft der Mobilität tüfteln. Genauso individuell, wie diese Unternehmen sind, müssen die Antworten auf die Zukunftsfragen für jedes einzelne Unternehmen ausfallen. Weltweit stehen für die Automobil-Zuliefererindustrie schwierige Zeiten an: Digitalisierung, neue Mobilitätskonzepte, autonomes Fahren und E-Mobilität setzen die gesamte Branche unter Investitionsdruck. „Gleichzeitig versuchen Autohersteller ihre Kosten zu senken, unter anderem mit Sparprogrammen im Einkauf, die wiederum die Zulieferer treffen“, urteilt die Studie „Global Automotive Supplier Study 2019“ von Roland Berger und Lazard. Jedes Unternehmen müsse auf Basis der eigenen Situation und Marktposition die passende strategische Herangehensweise finden, heißt es in der Studie.

Neue Herausforderungen

Preisdruck, hohe Innovationsdynamik und Qualitätsansprüche sind Herausforderungen, die eigentlich immer gegeben waren, die auch aktuell zu bewältigen sind, auch in Ostwestfalen. „Die Automobil-Zuliefererindustrie ist eine der bedeutendsten Branchen Ostwestfalens. Auch wenn in der Region keiner der namhaften Automobilhersteller ein Werk unterhält, dürften schätzungsweise rund 20.000 Menschen in Ostwestfalen von der Automobilindustrie abhängig sein“, unterstreicht die Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen die Bedeutung der Branche. Der Branchenmix der Region spiegele sich besonders im Segment der Automobilzulieferer wider. Hier gebe es neben den „Großen“ der Branche eine Vielzahl von kleinen und mittleren Betrieben, mit breitem und innovativem Sortiment.

Suche nach neuen Wegen

Dass die Zukunftsfähigkeit des Verbrennungsmotors infrage steht und das Zeitalter der E-Mobilität eingeläutet wird, stellt auch die ostwestfälischen Automobilzulieferer vor große Herausforderungen. Der Strukturwandel ist gleichermaßen Chance und Risiko für die Zulieferer. Viele werden neue Anwendungen und neue Märkte für ihre Produkte suchen müssen. Wege dahin werden auch in der Forschung gesucht. „Vernetzte Mobilität“ heißt ein Projekt der Universität OWL und der Fachhochschule Bielefeld, bei dem Szenarien für die Mobilität der Zukunft gesucht werden. Während es bei der Vision der Mobilität der Zukunft um bedarfsgerechte Verkehrsmittel, keine Bindung an Abfahrtszeiten oder Haltestellen und eine kostengünstige Nutzung von Nahverkehr geht, setzt mit Benteler aus Paderborn ein Branchenriese auf individuelle Mobilität, aber neue Wege. Ein Start-up des chinesischen Immobilienriesen Evergrande hat für den Bau eines Elektroautos eine strategische Zusammenarbeit mit Benteler vereinbart. Benteler beliefert die Chinesen mit seinem „Rolling Chassis“, einer fahrbereiten Plattform für E-Autos mit Fahrzeugunterbau, -rahmen, Achsen, eingebautem Elektromotor und Batteriekasten. Ziel sei es, kostengünstiger und profitabler zu werden; darin sieht das Unternehmen seine Zukunftschancen. Reinhold Häken | redaktion@regiomanager.de

INFO

Eine Million Fahrzeuge rollen
Knapp 1,2 Billionen Personenkilometer legen die Deutschen Jahr für Jahr zurück – per Pkw, Bus und Bahn, mit Flugzeugen oder Schiffen. Insgesamt verzeichnet der Personenverkehr in der Bundesrepublik seit dem Jahr 2000 einen Anstieg um über elf Prozent, hat das renommierte „Zukunftsinstitut“ analysiert. Die Europäische Kommission geht davon aus, dass der Mobilitätsbedarf hierzulande in den nächsten Jahrzehnten weiterhin kontinuierlich ansteigen wird. Bis 2040 auf mehr als 1,3 Billionen Personenkilometer. Gut drei Viertel davon werden auch in Zukunft auf das Auto zurückgehen, das damit auf absehbare Zeit das Verkehrsmittel Nummer eins bleiben wird. Heute rollen rund um den Globus weit über eine Milliarde Fahrzeuge.

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Ausgabe 03/2019