Jammern oder einfach machen?

OWLs Unternehmer kommen verhältnismäßig gut durch die Krise
Michael Seggewiß, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft
Michael Seggewiß, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft
Das Team der Interkommunalen Wirtschaftsförderung im Kreis Herford ist seit April 2018 aktiv. Unternehmen, Existenzgründer, Kommunen und Privatpersonen können sich hier beraten lassen, und finden Unterstützung unter anderem bei Fördermittelrecherchen oder der Standortsuche. Wir haben mit Michael Seggewiß, dem Geschäftsführer der wfg gesprochen.

OWL: Welche Beobachtungen haben Sie in den letzten Monaten gemacht? Sind die Herforder Unternehmer eher Jammerer, die die Lage beklagen, oder überwiegend Macher, die aktiv auf die neue Situation reagieren und Veränderungen herbeiführen, um wettbewerbsfähig zu sein?

Michael Seggewiß: Eindeutig Macher! Das haben die Unternehmen in den letzten Jahrzehnten bewiesen und das zeigt der Blick in so manche Firmenchronik. Die Unternehmen haben immer Lösungen und Innovationen gesucht, um die eigene Wettbewerbsposition zu stärken. Nicht umsonst finden wir im Kreis Herford einen breit aufgestellten industriellen Kern, der sich über Jahrzehnte weiterentwickelt hat. Über 40 % der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind heute immer noch in der Industrie tätig und das finden Sie nur noch in sehr wenigen Regionen im Bundesgebiet.

OWL: Stichwort Digitalisierung – durch Corona waren Versäumnisse der letzten Jahre plötzlich im Fokus. Wie sind die Voraussetzungen für Firmen, die sich in Ihrem Landkreis ansiedeln wollen?

Michael Seggewiß: Die Zahlen zeigen, dass der Kreis Herford im Vergleich zu vielen anderen Regionen gut aufgestellt ist. Insbesondere Privathaushalte kommen in der Regel noch gut mit den verfügbaren Bandbreiten zurecht. Aber auch im Kreis gibt es bei der Breitbandinfrastruktur weiße Flecken und Haushalte und vor allem Firmen, die eine schnellere Datenleitung benötigen. Der Kreis und die Städte und Gemeinden haben daher in den letzten Jahren große Anstrengungen unternommen und manche nach außen nicht sichtbare – Hürde genommen, um für eine bessere Ausstattung zu sorgen. Der Erfolg wird sich in naher Zukunft zeigen, denn Ende 2020 / Anfang 2021 werden die Arbeiten für das von Bund und Land geförderte Projekt zum Ausbau des schnellen Internets im Kreis beginnen.

OWL: Großes Thema in allen Branchen ist immer wieder der Fachkräftemangel. Warum ist Ihre Region denn für Arbeitnehmer besonders attraktiv?

Michael Seggewiß: Fachkräfte finden im Kreis Herford einen Mittelstand, der überwiegend noch familiengeführt ist. Das sorgt für eine enge Bindung der Unternehmen zum Standort und zu ihren Beschäftigten. Die Unternehmen bieten attraktive Arbeitsplätze in einer lebenswerten Region mit überschaubaren Strukturen und in einer verkehrsgünstigen Lage, egal ob über die Straße oder Schiene. Dies gibt Menschen in unserer Region die Möglichkeit, auch in Großstädten wie Bielefeld, Hannover oder Osnabrück mal kurz Großstadtluft schnuppern zu können. Was kann man mehr wollen?

OWL: Was sind derzeit Ihre wesentlichen Vorhaben – geht es um Schadensbegrenzung oder um Zukunftsgestaltung? Mit welchen Projekten denn?

Michael Seggewiß: Eine defensiv eingestellte Mannschaft schießt vorne keine Tore, es kann also nur um Zukunftsgestaltung gehen. Wir sind noch im Aufbau, die direkten Reaktionen der Unternehmen, die bislang mit uns in Kontakt getreten sind, zeigen, dass wir auf einem guten Weg sind. Aber: auch wir müssen unser Angebot ständig überprüfen. Hierzu machen wir den Städten und Gemeinden ein Angebot, gemeinsam mit uns in den nächsten Wochen eine Unternehmensbefragung durchzuführen. Damit wollen wir die Bedarfe vor Ort abfragen. Erkannt haben wir auch, dass wir noch mehr in den Technologietransfer „investieren“ müssen, um gerade kleinen Unternehmen die Möglichkeiten neuer Technologien aufzuzeigen. Und die Gründungsberatung wird uns in den nächsten Monaten mehr beschäftigen, das zeichnet sich heute schon ab.
Ausgabe 04/2020