„In der Herausforderung die Chancen sehen“

Herfords Landrat Jürgen Müller im Interview
OWLM: Vor fünf Jahren, als Sie das erste Mal zum Landrat gewählt wurden, hatten Sie einen Vorsprung von sieben Prozent zu Ihrem Gegenkandidaten. Jetzt lagen Sie ganze 20 Prozent vor der Mitbewerberin. Herzlichen Glückwunsch! Was, denken Sie, war ausschlaggebend?

Jürgen Müller: In den vergangenen fünf Jahren als Landrat habe ich meine Erfahrung und meine Leidenschaft für das Kreisgebiet eingesetzt, habe mit vielen, ganz unterschiedlichen Menschen Projekte entwickelt, angestoßen und umgesetzt. Wichtige Themen sind für mich, die Start- und Bildungschancen für Kinder und Jugendliche zu verbessern und zu sichern sowie der Natur-, Umwelt- und Klimaschutz. Die Gesundheitsversorgung muss weiterhin ortsnah und leistungsfähig bleiben. Auch unsere kreisweite Wirtschaftsförderungsgesellschaft ist gegründet worden. Der Kreis Herford als Wirtschaftsstandort ist ein wichtiger Faktor. Ich freue mich, dass die Wählerinnen und Wähler meine bisherige Arbeit durch ihre Stimmen belohnt haben.

OWLM: Stichwort mangelnde Einnahmen im Zusammenhang mit Corona – grundsätzlich: Auf welchen Gebieten würden Sie notfalls sparen, wo nicht?

Jürgen Müller: Die Pandemie ist für uns alle eine große Herausforderung, bietet aber auch, wie alle Herausforderungen, Chancen. Eine gemeinsame Sorge schweißt auch zusammen. Wir haben bereits recht früh im Kreis beispielsweise über Gewerbesteuerentlastung gesprochen oder haben die Kitagebühren frühzeitig ausgesetzt. Und in der Gesundheits- und Daseinsvorsorge gehen wir keine Kompromisse ein, auch keine finanziellen.

OWLM: Die medizinische Versorgung ist Ihnen schon immer ein großes Anliegen …

Jürgen Müller: Für mich ist eine stationäre medizinische Versorgung eine originäre Aufgabe der öffentlichen Hand und daraus wird sich der Kreis Herford nicht zurückziehen. Das ist auch für die Wirtschaft wichtig – denn eine gute Gesundheitsversorgung ist für Fachkräfte ausschlaggebend. Wir haben im Bereich der ambulanten und stationären Gesundheitsversorgung in den kommenden Jahren große Herausforderungen gestemmt – die Kooperation von drei Krankenhäusern beispielsweise. Die Standorte sind langfristig gesichert. Hausärzte werben wir erfolgreich mit Förderprogrammen an und wir bauen den Weiterbildungsverbund weiter aus, wir finanzieren in die Ausbildung von Gesundheitsfachpersonal und das erste Hospiz des Kreises ist in Planung.

OWLM: Wie sieht es mit der Digitalisierung im Kreis aus?

Jürgen Müller: Die Breitbandinfrastruktur ist im Kreis Herford im Vergleich zu anderen Kreisen insgesamt für derzeitige Bedarfe noch zufriedenstellend. Somit konnte beispielsweise Homeoffice unter Corona bisher in der Regel gelingen. Aber auch im Kreis Herford gibt es die „weißen Flecken“. Der Infrastrukturausbau in diesen unterversorgten Bereichen des Kreises mit leistungsfähigen Glasfaserleitungen wird Anfang 2021 starten. Lange schon betreibt der Kreis hier ein Förderverfahren – mit nicht immer sichtbaren Hürden –, aber jetzt letztlich erfolgreich. Wir sind bemüht, für die gesamten Privathaushalte und alle Unternehmen schnelle Glasfaseranbindungen zu erreichen. Wohnqualität und Attraktivität des Wirtschaftsstandortes im Kreis Herford sollen erhalten und gesteigert werden. Aber auch die Unternehmen möchte der Kreis Herford jetzt konkret bei der Digitalisierung unterstützen. Hier sind wir gerade dabei, zusammen mit der TH OWL und der Stadt Herford den Bachelor-Studiengang „Digital Management Solutions“ zu etablieren. Die Unternehmen dürfen und sollen mitgestalten und ihre Ideen einbringen. Wir wollen zum Wintersemester 2021/2022 starten.

OWLM: Private Unternehmen sind gefordert, sich zu bewegen, während die Pandemie alles Mögliche aus den Angeln hebt. Gibt es auch im Bereich der Verwaltung gravierende Veränderungen, mit denen Sie auf die Krise reagiert haben?

Jürgen Müller: Hut ab vor unserer heimischen Wirtschaft. In unserem vielfältigen, mittelständisch geprägten Wirtschaftsraum im Kreisgebiet kämpfen kleine und große, familien- und konzernzugehörige Unternehmen gleichermaßen, dass die vielfältige Wirtschaftslandschaft mit den Schwerpunkten Küchenmöbel, Bekleidung, Möbel und Maschinenbau erhalten bleibt. Das ist um ein Vielfaches schwieriger und herausfordernder als das Verwaltungsgeschäft. Nur ein Teil der Verwaltung hat einen neuen Schwerpunkt bekommen. Vor allem das Gesundheitsamt und das Amt für Sicherheit und Ordnung mussten sich ganz neu aufstellen. Aus vielen anderen Ämtern konnten wir unterstützend Personal abstellen oder es sind neue Kräfte eingestellt worden. Doch auch das Alltagsgeschäft geht weiter; das Tagesgeschäft läuft – auch mit Corona.

OWLM: Sie sprechen viel mit Bürgern und Unternehmern. Wo gibt es die größten Ängste vor der Zukunft und was läuft immer noch rund und solide im Landkreis Herford?

Jürgen Müller: Zurzeit dominiert nach wie vor das Thema Corona und es gibt viele berechtigte Zukunftssorgen. Gerade um Stabilität zu geben, bin ich stets ansprechbar und habe ein offenes Ohr – in meinem Büro oder direkt vor Ort. Zum Beispiel bei meinen regelmäßigen Betriebsbesichtigungen, bei denen auch wichtige Vieraugengespräche stattfinden. Wir gehen als Kreis Herford weiterhin mutig und gezielt voran und suchen Mittel und Wege, die Region, die Unternehmen, aber auch jede einzelne Bürgerin und jeden einzelnen Bürger zu stärken und dort zu helfen, wo wir können.

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Ausgabe 04/2020