Ausbildung 2020: Aufklärung dringend notwendig

In Zeiten des Fachkräftemangels ist rechtzeitige Berufsberatung besonders wichtig.
(Foto: ©xyz+ – stock.adobe.com)
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Lehrer, Manager, Ingenieur oder Arzt möchten Jugendliche später gerne werden, daneben gibt es noch einige andere traditionelle Berufe auf einer gerade von der OECD veröffentlichten Rangliste. Im Rahmen dieser aktuellen Untersuchung hatte man die im Dezember erschienene PISA-Studie ausgewertet und mit einer früheren, aus dem Jahr 2008, abgeglichen. Erstaunlich: Obwohl sich seit der ersten PISA-Erhebung die Welt stark verändert hat, u.a. durch die fortschreitende Digitalisierung, sind die geäußerten Berufswünsche der Jugendlichen im Wesentlichen gleich geblieben. Bemüht man den weltweiten Vergleich, sind es in Deutschland, Österreich und der Schweiz zwar nur vier von zehn Jugendlichen, die sich auf die besonders beliebten Berufe fokussieren, trotzdem macht diese Einstellung der Wirtschaft schwer zu schaffen. Berufsberatung und frühzeitige Kontakte mit der Arbeitswelt, z.B. durch Praktika, sind nach Einschätzung der Bildungsforscher hier ganz wesentliche Faktoren. Ausbildungsbereitschaft der Betriebe so hoch wie nie „Die Ausbildung ist für Unternehmen das zentrale Instrument zur Deckung des Fachkräftebedarfs“, sagt Dr. Peter Janßen, Geschäftsführer des Bildungswerks der Nordrhein-Westfälischen Wirtschaft e.V. (BWNRW). Das belege die hohe Ausbildungsbereitschaft der Betriebe, die in NRW in den letzten Jahren zudem spürbar gestiegen sei. Ähnlich äußert sich Robert Schweizog, Geschäftsführer Bildung/Fachkräfte der Industrie- und Handelskammern in Nordrhein-Westfalen e.V. (IHK NRW): „Die Bedeutung der Ausbildung für die Fachkräftesicherung der Unternehmen ist riesig. Ausgebildet werden nämlich genau die Qualifikationen, die auf dem Arbeitsmarkt gebraucht werden. Verschiedene Prognosen zeigen außerdem, dass in Zukunft vor allem Fachkräfte mit einer klassischen Ausbildung knapp werden.“ Derzeit sei die Situation auf dem Ausbildungsmarkt von Region zu Region sehr unterschiedlich. „Mancherorts gibt es zu wenige Bewerber, an anderen Orten hingegen fehlen Stellen. Durch den demografischen Wandel geht die Tendenz aber eher zu einem Engpass an Ausbildungswilligen. Hinzu kommt, dass immer mehr Schüler das Abitur anstreben. Bei dieser Zielgruppe hat es die Ausbildung erfahrungsgemäß schwerer, obwohl es hervorragende Karrierewege mit beruflicher Bildung gibt.“ In verschiedenen Regionen suchen Betriebe händeringend nach Lehrlingen; zum Teil müssen sie sich regelrecht bei potenziellen Auszubildenden bewerben und mit Angeboten wie Übernahmegarantien oder betrieblichen Work-Life-Balance-Maßnahmen überzeugen. Trotzdem: Es gibt eine hohe Zahl ausgesprochen attraktiver Arbeitgeber; alleine deren Zielgruppe bekommt das noch zu wenig mit.

Nach dem Abitur lieber an die Uni?

Junge Menschen mit höheren Schulabschlüssen entscheiden sich immer häufiger für ein Studium. Das belegen auch die steigenden Studierendenzahlen: Laut dem Statistischen Bundesamt in Wiesbaden sind im Wintersemester 2019/2020 2.897.300 Studentinnen und Studenten an einer Hochschule in Deutschland eingeschrieben (vorläufige Ergebnisse). Im Vergleich zum Wintersemester 2018/2019 ist das eine Steigerung um ein Prozent, verglichen mit der Situation zehn Jahre zuvor, erkennt man einen rund 37-prozentigen Anstieg der Studierendenzahlen. Zwar ist auch die Zahl der Auszubildenden – aktuell vorliegend für das Jahr 2018 – um 1,2 Prozent gestiegen, doch auch diese 521.900 Auszubildenden reichen lange nicht aus, dem Fachkräftemangel nachhaltig entgegenzuwirken. Deutlicher war der Anstieg derer, die einen neuen Ausbildungsvertrag unterzeichneten bei den ausländischen Männern (Zuwachs um 14,8 Prozent).

Zusammenpassen und zueinanderfinden sind zwei Paar Schuhe „Das heißt aber nicht, dass es keine Ausbildungswilligen gibt“, so Dr. Peter Janßen. „Häufig haben wir es mit einem Matching-Problem zu tun. Das heißt, Jugendliche bewerben sich für Ausbildungsplätze, die nicht zu ihnen passen.“ Manchmal hapere es an fachlichen, manchmal an persönlichen Voraussetzungen. Auch die mangelnde Bekanntheit bestimmter Berufsfelder spiele eine Rolle. „Gerade im Bereich der technischen Ausbildungsberufe, in denen in den nächsten Jahren große Fachkräfteengpässe drohen, ist die Bewerberzahl oft überschaubar. Dagegen sei das Interesse an kaufmännischen Berufen erfahrungsgemäß höher. „Von rund 350 Ausbildungsberufen gibt es zehn Berufsbilder, die besonders beliebt sind. Hier ist die Bewerberzahl dann häufig deutlich höher als die Zahl der offenen Ausbildungsstellen.“ Diese Situation erfordert Kreativität seitens der Betriebe: „Dadurch, dass der Ausbildungsmarkt sich verändert, lassen Unternehmen sich immer mehr einfallen, um Bewerber anzusprechen. Soziale Medien wie Facebook spielen hier eine große Rolle“, erklärt Robert Schweizog. „Wichtig ist es, die Schüler dort ‚abzuholen‘, wo sie sich ohnehin bewegen – also in der Schule, in Sportvereinen, in Bussen et cetera.“ Unternehmen können ihre Auszubildenden mithilfe der IHK etwa als „Ausbildungsbotschafter“ in Schulklassen entsenden. Hinzu kommen Projekte wie das durch das Land NRW geförderte Programm „Starthelfende Ausbildungsmanagement“, in denen die IHKs und Handwerkskammern Bewerber und Betriebe zusammenbringen. Auch das BWNRW empfiehlt die frühzeitige Kontaktaufnahme zu potenziellen Auszubildenden: „Im Rahmen der Berufsorientierung können sich Unternehmen beispielsweise in den Schulen präsentieren oder ihre Berufsfelder mithilfe von Berufsparcours und Betriebserkundungen erlebbar machen“, sagt Dr. Peter Janßen.

Digitalisierung als Chance – duale Ausbildung immer noch relevant

Auch die duale Ausbildung hat in Deutschland nicht an Bedeutung verloren. Im Gegenteil, die Qualität der dualen Ausbildung, die das praktische Lernen im Betrieb mit dem theoretischen Lernen in der Berufsschule verbindet, genießt hohe Anerkennung. Weltweit wird Deutschland um dieses Ausbildungssystem beneidet. Darüber hinaus müssen sich Betriebe in Zukunft mit neuen Herausforderungen auseinandersetzen. „Die Digitalisierung wird die Arbeitswelt stark verändern. Manche Berufsbilder werden an Bedeutung verlieren. Welche das sind, lässt sich schwer voraussagen“, so Robert Schweizog. „Andere werden sich durch die Möglichkeiten der digitalen Welt verändern. Für Menschen mit Behinderung etwa kann die sogenannte Industrie 4.0 neue Möglichkeiten eröffnen.“ Es entstehen aber auch neue Berufe. In diesem Jahr werden z.B. erstmalig „Kaufleute im E-Commerce“ ausgebildet. „Natürlich ist es für einige Betriebe nicht immer einfach und nicht jederzeit möglich, neue Ausbildungsplätze zu schaffen“, gibt Dr. Peter Janßen zu bedenken. „Unternehmen, die vom Fachkräftemangel betroffen sind, begreifen die duale Ausbildung jedoch als Chance und lohnende Investition in die Zukunft.“

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Ausgabe 01/2020