Kunststoff: Werkstoff des 21. Jahrhunderts

Kunststoff ist modern und beliebt, unersetzlich und innovativ: Mit Kunststofferzeugung, Kunststoffverarbeitung und Kunststoffmaschinenbau hat sich eine Schlüsselindustrie entwickelt.
Farbenprächtig sehen die Zukunftschancen der Kunststoffverarbeiter aus (Foto: Messe K)
Farbenprächtig sehen die Zukunftschancen der Kunststoffverarbeiter aus (Foto: Messe K)
Die Geschichte des Kunststoffs könnte 1839 begonnen haben. Damals entdeckte Charles Goodyear, dass sich der Saft des Kautschukbaums durch Erhitzen und mit Zugabe von Schwefel in „Gummi“ umwandelt. Oder ist der Chemiker Leo Hendrik Baekeland „Vater“ des Kunststoffes? Er entdeckte 1905 bei Experimenten mit Phenolen und Formaldehyd einen Stoff, der sich in Formen pressen und durch Wärme und Druck härten ließ und später in Anlehnung an seinen Erfinder „Bakelit“ genannt wurde. Vielleicht sorgte aber doch die Billardkugel für den Durchbruch: Sie bestand bis 1868 aus Elfenbein. Als das Spiel auch in den USA in Mode gekommen war, sollen gut 10.000 Dickhäuter jährlich allein für diesen Zweck ihr Leben verloren haben. Ein Preisausschreiben versprach demjenigen eine hohe Belohnung, der einen Ersatz präsentieren konnte. John Wesley Hyatt punktete mit dem wohl berühmtesten frühen Kunststoff – er erfand das Zelluloid. Vielleicht liegen die Anfänge des Kunststoffes aber auch weitere 300 Jahre zurück. Damals beschrieb der bayerische Benediktinerpater Wolfgang Seidel eine komplizierte Prozedur, nach der man aus Ziegenkäse ein Material erzeugen kann, das sich, solange es warm ist, in jede beliebige Form bringen lässt und nach Erkalten erstarrt.

348 Millionen Jahrestonnen

Wem auch immer die Erfindung des Kunststoffs zuzuschreiben ist: Gummi und Zelluloid, Bakelit und Polyethylen, Melaminharz, PVC, Nylon und Teflon, aber auch Polyethylenterephthalat (PET) sind Stationen auf dem Weg zur Erfolgsstory. Die wird seit 1950 kontinuierlich bedeutender. 2017 wurden weltweit rund 348 Millionen Tonnen Kunststoff produziert. 64 Millionen Tonnen in Europa, 20 Millionen Tonnen in Deutschland: Verpackungen, Baubedarfsartikel, technische Teile, Halbzeuge und Konsumwaren. Kunststoff ist modern und beliebt, unersetzlich und innovativ: in elektrischen und elektronischen Geräten, im Auto und im Flugzeug, in der Medizin und der Pharmazie, als Strukturwerkstoff und Wärmedämmer am Bau, in Musik und Unterhaltung, für Lebensmittelverpackungen und Trinkwassertransport, für Spiel, Sport und Freizeit. Überall ist Kunststoff an Bord und oft ermöglicht dieser Werkstoff erst die genannten Funktionen. Der Einsatz von Kunststoffen macht Flugzeuge leichter, sicherer und schneller. Enthielt ein Pkw Anfang der 70er Jahre noch durchschnittlich fünf Prozent Kunststoffe, so sind es bei neuen Fahrzeugen schon 15 Prozent und mehr. Kunststoffe sind auch in der Medizin allgegenwärtig und lebenswichtig. Sie sind leicht formbar, widerstandsfähig, flexibel und ideale Isolierstoffe. Vom einfachen Kabel bis zum Computer – entscheidende Teile aller modernen Geräten sind aus Kunststoff gefertigt.

63,7 Milliarden Umsatz

Mit der Kunststofferzeugung, der Kunststoffverarbeitung und dem Kunststoffmaschinenbau hat sich eine Schlüsselindustrie in Deutschland entwickelt. Rund sechs Prozent der gesamten deutschen Industrieproduktion entfallen auf diese Branche. Die Kunststoffverarbeitung ist mit einem Jahresumsatz von 63,7 Milliarden Euro und 323.000 Beschäftigten in 2.949 Betrieben einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige. Der Umsatz der Kunststofferzeuger stieg um zwölf Prozent auf 27 Milliarden Euro. Der Kunststoff-Maschinenbau steht für acht Milliarden Euro Umsatz. Auch die Zahl der Beschäftigten stieg kräftig: Ende 2017 waren in der Kunststofferzeugung 52.260 Menschen beschäftigt, ein Zuwachs von vier Prozent. Der Export von Kunststoff verzeichnete 2017 gegenüber dem Vorjahr in der Menge ein Plus von drei Prozent auf nun 13,6 Millionen Tonnen. Nach Deutschland importiert wurden zehn Millionen Tonnen Kunststoff im Wert von 16,7 Milliarden Euro, ein Zuwachs von drei Prozent in der Menge und zehn Prozent im Wert.

„Nicht mehr wegzudenken“

Etwa ein Viertel der europäischen Nachfrage konzentriert sich auf Deutschland, gefolgt von Italien mit ca. 14 Prozent und Frankreich mit knapp zehn Prozent. Die Verpackungsindustrie ist mit fast 40 Prozent wichtigste Abnehmerbranche, gefolgt vom Baugewerbe (20 Prozent) und vom Automobilbau (zehn Prozent). Für die Kunststofferzeuger steht fest: Kunststoff ist der Werkstoff des 21. Jahrhunderts. „Kunststoff ist als eines der vielseitigsten Materialien aus der modernen Welt nicht mehr wegzudenken. Kunststoffe verbessern unsere Lebensqualität und fördern Innovationen“, verdeutlicht Dr. Michael Zobel, neuer Vorsitzender des Verbandes der Kunststofferzeuger in Deutschland. Kunststoff schone wertvolle Ressourcen, spare WEITER GEHTS AUF SEITE 21 FORTSETZUNG VON SEITE 16 Energie und senke den Ausstoß von Treibhausgasen, etwa als Werkstoff zur Nutzung regenerativer Energie, ist der Verband Plastics Europe überzeugt. Eingeräumt wird, dass die Ressourcen-Effizienz weiter gesteigert und die Kreislaufwirtschaft über den gesamten Lebenszyklus hinweg verbessert werden müsse. Die Kunststoffabfallmenge habe im Vorjahr bei rund 6,2 Millionen Tonnen gelegen. Mehr als 99 Prozent seien verwertet worden: 46,5 Prozent werkstofflich, ein Prozent rohstofflich und 52 Prozent energetisch. „Die werkstoffliche Verwertung erreichte im Jahr 2017 ihren bisher höchsten Wert und liegt mit 2,8 Millionen Tonnen um rund 125 Prozent über dem Wert von 1994“, sieht der Verband deutliche Erfolge.

Zentrum des Leitmarktes

Der Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie (GKV) verweist auf die vorwiegend mittelständisch geprägte Branche, die sich durch hohe Innovationskraft und eine vielfältige Produktpalette auszeichne. Die Kunststoffindustrie zähle speziell auch in Nordrhein-Westfalen zu den Leitbranchen. Eine durchgängige Wertschöpfungskette von Kunststofferzeugern, Kunststoffverarbeitern und Kunststoffmaschinenbauern, eine vielfältige Wissenschafts-, Forschungs-, Weiterbildungs- und Dienstleistungs-Landschaft sowie ein breites Spektrum von Anwendern mit nicht unerheblichen eigenen Kunststoff-Verarbeitungskapazitäten stehen in NRW für Kompetenz und Exzellenz dieser Branche. Mit rund 1.000 Unternehmen, über 140.000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von rund 37 Milliarden Euro befindet sich die Kunststoffbranche im Zentrum des Leitmarktes. Diese Stärke zu erhalten und auszubauen sei das Kernanliegen des Vereins „Kunststoffland NRW“, der als Initiative von der Kunststoffindustrie mit Unterstützung des Landes ins Leben gerufen wurde. Reinhold Häken | redaktion@regio-manager.de
Ausgabe 10/2018