Parallelwelten: Wen bevorzugen Sie?

Gerechtigkeit im Betrieb ist eine Utopie, meint Simone Harland.
(Foto: ©Jakub Jirsák – stock.adobe.com)
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Führungskräfte haben Vorbildfunktion. Einerseits weil sie das Unternehmen nach außen vertreten, andererseits sollen sie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Betriebs motivieren, ihre Arbeit bestmöglich zu erledigen. Letzteres gelingt nur, wenn die Mitarbeiter ihren Vorgesetzten Respekt zollen. Den erringen Führungskräfte Business-Experten zufolge, indem sie Arbeitskräfte fordern, ohne zu überfordern, und ebenso hohe Maßstäbe an sich selbst anlegen. Ein weiterer wichtiger Punkt: Vorgesetzte sollten Werte vertreten, vorleben und auch von den Mitarbeitern verlangen, sie zu beachten. Zum Beispiel Gerechtigkeit. Ohnehin spielt Gerechtigkeit eine wesentliche Rolle für die Motivation der Mitarbeiter, so eine Übersichtsstudie des US-amerikanischen Organisationspsychologen Jason Colquitt, in der er und sein Team fast 500 wissenschaftliche Untersuchungen auf diesen einen Aspekt hin analysiert haben. Gerechtigkeit bedeutet beispielsweise, dass alle im Team oder Betrieb wertgeschätzt werden – unabhängig von ihren Aufgaben oder ihrem Rang in der Unternehmenshierarchie. Das heißt (neben vielem anderen), dass alle den Praktikanten genauso freundlich grüßen wie die Abteilungsleiterin. Gerechtigkeit bedeutet selbstverständlich auch, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die gleiche Bezahlung erhalten, wenn sie gleiche Tätigkeiten verrichten, eine vergleichbar lange Betriebszugehörigkeit (ohne Unterbrechungen) aufweisen und ihre wöchentliche Arbeitszeit ebenfalls identisch ist. Oder auch, dass objektive Kriterien für die Auswahl von Bewerbern in höhere Positionen vorliegen und diese auch eingehalten werden. „Das versteht sich doch von selbst“, höre ich Sie sagen. Na ja. Eigentlich schon. Es sollte zumindest so sein. In der Realität sieht das Ganze jedoch oft anders aus … In die Chefetage steigt nämlich häufig nur auf, wer über Beziehungen verfügt. Kein Wunder. Denn natürlich möchten Sie lieber mit einem Menschen zusammenarbeiten, den Sie kennen und mögen, als mit einer Person, die zwar bienenfleißig, Ihnen ansonsten aber ziemlich egal ist. Bei der Beförderung ziehen Vorgesetzte außerdem Menschen vor, die ihnen ähnlich sind. Das bedeutet: Männer befördern lieber Männer als Frauen, und wenn Erstere noch aus einer ähnlichen sozialen Schicht stammen – umso besser! Im Gegenzug heißt das: Bestimmte Bevölkerungsgruppen bleiben bei der Beförderung gerne mal auf der Strecke. Frauen zum Beispiel. Sie steigen im Betrieb viel seltener in die höheren Ränge auf, als es ihrem Bevölkerungsanteil (etwas mehr als 50 Prozent) entspricht. Und das hat nicht nur etwas damit zu tun, dass die Erwerbsbiografie vieler Frauen Lücken wegen Kindererziehung oder Pflege aufzeigt oder sie sich eine Vorgesetztentätigkeit nicht zutrauten. Auch Arbeiterkinder können sich oft abstrampeln, so viel sie wollen. In die Chefetagen gelangen sie in den wenigsten Fällen. Denn die eigene Herkunft lässt sich zwar verschleiern, aber nicht völlig verbergen. Leider regiert in den oberen Rängen der Hierarchien oft genug noch Herr (manchmal auch Frau) Standesdünkel. Und Sie? Was ist mit Ihnen? Sprechen Sie sich davon frei, Menschen zu bevorzugen? Wählen Sie Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tatsächlich immer nach objektiven Kriterien aus – auch bei der Beförderung? Bestimmt tun Sie es und vermutlich lügen Sie sich damit in die Tasche. Denn möchten Sie wirklich die allzeit fleißige, korrekte und dabei gleichzeitig kritische Frau Müller neben sich am Konferenztisch sitzen haben statt Herrn von Bergen, der Ihnen in fast allen Punkten recht gibt und dessen Vater emeritierter Professor ist? Zum Wohle des Unternehmens wäre die Beförderung von Frau Müller vermutlich sinnvoller, allein um den Frauenanteil in den oberen Etagen zu erhöhen. Denn geschlechtlich gemischte Teams und Abteilungen erbringen laut wissenschaftlichen Studien die besseren Ergebnisse als homogene. Doch mehr Spaß macht es natürlich, mit Herrn von Bergen ein paar Witze auf Kosten von Frau Müller zu reißen, die es mal wieder nicht geschafft hat, sich hochzuarbeiten. Gemein? Denken Sie darüber nach. Sollten Sie jedoch zu den Vorgesetzten gehören, die anders handeln: Chapeau! In diesem Fall vergessen Sie bitte die letzten Sätze und machen Sie weiter so. Denn voraussichtlich werden Sie die größeren Erfolge mit Ihrer Abteilung/Ihrem Unternehmen erzielen. Und wer weiß? Vielleicht lässt sich sogar Frau Müller erfolgreich von Ihnen abwerben. Simone Harland | redaktion@rhein-wupper-manager.de
Ausgabe 01/2019