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Familie und Beruf

Von wegen Frauensache …

Eine familienfreundliche Personalpolitik ist ein klarer Wettbewerbsvorteil bei der Gewinnung und Sicherung von Fach- und Führungskräften – und zwar von Frauen und Männern.



Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird in den letzten Jahren immer mehr zum gesellschaftlich relevanten Thema. Durch die zunehmende Auflösung der klassischen Geschlechterrollen entsteht die Notwendigkeit für Frauen und Männer, familiäre Pflichten mit beruflichen Belangen in Einklang zu bringen. Dem tragen inzwischen auch viele Arbeitgeber Rechnung. Ein erster Schritt in Richtung Familienfreundlichkeit ist oft die Flexibilisierung von Arbeitszeiten inklusive der Möglichkeit von Homeoffice oder Telearbeit, wobei ein steigender Teil vor allem jüngerer Arbeitnehmer ein Arbeitszeitmodell jenseits klassischer Ganztags- oder Halbtagsjobs anstrebt. Als familienfreundlich gelten auch Regelungen wie Gleitzeit, Arbeitszeitkonten oder Sabbaticals. Darüber hinaus gehen manche Betriebe dazu über, Familien aktiv zu unterstützen. Der Maßnahmenkatalog reicht vom betriebseigenen Kindergarten über die Möglichkeit, Kinder (zeitweise) mit zur Arbeit zu bringen, bis hin zu finanziellen Zuschüssen für Kinderbetreuung oder Pflegekosten.

Arbeitnehmer fordern Vereinbarkeit

Zumindest nach außen hat Familienfreundlichkeit für die meisten Unternehmen inzwischen große Bedeutung: Laut dem Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2016 halten gut 77 Prozent der befragten Unternehmensvertreter Familienfreundlichkeit für sehr wichtig für ihr Unternehmen. Über 92 Prozent sehen deren große Bedeutung für Beschäftigte mit Kindern, mehr als 83 Prozent sehen die Wichtigkeit familienfreundlicher Unternehmen für Beschäftigte mit pflegebedürftigen Angehörigen. Das deckt sich weitgehend mit der Einschätzung von parallel befragten Beschäftigten, bei denen die Zustimmungsquoten für die Bedeutung von Familienfreundlichkeit nur leicht höher ausfallen. Einziger gravierender Unterschied: Weniger als die Hälfte der Unternehmen glauben, dass auch Angestellte ohne familiäre Verpflichtungen familienfreundliche Arbeitsbedingungen benötigen – dagegen sehen hier über 80 Prozent der Beschäftigten ebenfalls einen großen Bedarf.

Karrierekiller Kind?!

Also (fast) alles in Butter? Nicht ganz! Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffen in deutschen Unternehmen immer noch große Lücken. Entgegen den Beteuerungen über die Wichtigkeit von Familienfreundlichkeit ist sie in der Mehrzahl der Unternehmen wohl noch lange nicht selbstverständlich. So konstatiert eine Studie, die die Unternehmensberatung A.T. Kearny 2014 in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung durchgeführt hat: „Kinder und Karriere schließen sich in Deutschland noch immer weitgehend aus. Frauen und Männer müssen sich nach wie vor für das eine oder andere entscheiden.“ Aus Sicht der befragten Angestellten legen viele Unternehmen zwar Wert auf ein familienfreundliches Image. Es sei aber nur selten gelungen, die entsprechenden Werte in der Unternehmenskultur zu verankern. Über 70 Prozent der Befragten berichten, dass ihre Chefs immer noch großen Wert auf ständige Präsenz legen. Drei von vier Angestellten erklären: „Durch den Beruf ist es für mich schwierig, meine familiären Verpflichtungen zu erfüllen.“ Und auf die Möglichkeit familienfreundlicher Regelungen wird nur in wenigen Unternehmen aktiv hingewiesen. Dabei wirkt sich die Problematik für Frauen und Männer immer noch unterschiedlich aus: Von Männern wird in der Regel erwartet, Beruf und Karriere der Familie vorzuziehen, Frauen „dürfen“ sich mehr um die Familie kümmern, sollen dann aber auf Karriere verzichten. So ist es kein Wunder, dass Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen immer noch zum weitaus überwiegenden Teil von Frauen geleistet wird.

Viele gute Beispiele

Eine zunehmende Zahl deutscher Unternehmen beweist allerdings, dass es auch anders geht. Fast überall gibt es staatliche und private Initiativen zur Förderung von Unternehmensstrukturen, die die Belange von Familien berücksichtigen. In Bayern hat die Landesregierung zum Beispiel einen „Familienpakt“ mit Wirtschaftsverbänden geschlossen und prämiert regelmäßig die familienfreundlichsten Unternehmen. Das Land Niedersachsen bietet zusammen mit der Hertie-Stiftung ein Audit „berufundfamilie“ an und auch viele Städte und Regionen engagieren sich für eine familienfreundliche Personalpolitik. Das sind Initiativen wie „Familienfreundliche Arbeitgeber Osnabrück“ oder der Wettbewerb „Familienfreundlichstes Unternehmen in Krefeld“. Prämiert werden dabei Unternehmen unterschiedlicher Größen und Branchen. Zu den bayerischen Top 20 des Jahres 2016 gehören ein Hotel, ein Software-Unternehmen und eine Seniorenresidenz genauso wie der Flughafen München und die Kreissparkasse Augsburg. In Krefeld wurden 2017 u. a. ein Gasversorger, ein Chemieunternehmen, eine Spedition und ein Zoohandel prämiert. Darüber hinaus konzentrieren sich manche Initiativen darauf, Frauen in stärkerem Maße als bisher in den Arbeitsmarkt zu bringen, indem sie Unternehmen Tipps für die Gewinnung von weiblichen Fach- und Führungskräften geben. In Nordrhein-Westfalen wird diese Aufgabe unter dem Label „Competentia“ von regionalen „Kompetenzzentren Frau und Beruf“ wahrgenommen.

Fach- und Führungskräfte gewinnen

Die Idee der Familienfreundlichkeit ist also anscheinend bei einigen Unternehmen angekommen, während sich andere immer noch schwertun. Da stellt sich natürlich die Frage, was die prämierten Firmen dazu veranlasst. Preisgelder in Höhe von ein paar Tausend Euro können nicht der alleinige Grund sein. Gerade in kleineren Betrieben ist es zunächst oft die persönliche Betroffenheit von Unternehmerinnen, Unternehmern und Führungskräften, die selbst Familie und Beruf miteinander vereinbaren müssen. Zudem herrscht unter vielen Wirtschaftsexperten Einigkeit, dass Familienfreundlichkeit Unternehmen echte Wettbewerbsvorteile bringt. Viele motivierte und gut qualifizierte Fach- und Führungskräfte sehen heute nämlich nicht mehr primär auf das Gehalt, wenn sie sich für einen Arbeitgeber entscheiden. Neben Faktoren wie Betriebsklima, Kompetenz der Führungskräfte und Arbeitsplatzsicherheit wird auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie immer wieder als entscheidendes Kriterium für die Arbeitsplatzwahl genannt. Das bietet auch kleineren Unternehmen oder Betrieben an weniger attraktiven Standorten die Möglichkeit, begehrte Fachkräfte für sich zu gewinnen.

Flexibilität schafft Zufriedenheit

Neben den Vorteilen bei der Personalgewinnung hilft Familienfreundlichkeit Unternehmen auch bei der „Personalpflege“. Wenn familiäre Belange Berücksichtigung finden, steigt die Zufriedenheit der arbeitenden Mütter und Väter nachgewiesenermaßen erheblich. Mitarbeiter mit hoher Arbeitszeitsouveränität fühlen sich wertgeschätzt und sind so in hohem Maße bereit, ihr Unternehmen engagiert zu unterstützen. Das führt auch zu einer wesentlich niedrigeren Fluktuationsrate und geringeren Fehlzeiten. Diese positiven Effekte gleichen mit flexiblen Arbeitszeitstrukturen verbundene Kosten und verbundenen Aufwand meist mehr als aus. Eine wesentliche Voraussetzung für das Funktionieren familienfreundlicher Modelle ist allerdings eine entsprechende Unternehmenskultur. Nur wenn Führungskräfte als positive Vorbilder fungieren und es allgemein akzeptiert ist, Arbeitszeiten flexibel zu handhaben, werden die Möglichkeiten auch wirklich genutzt. Echte Chancengleichheit für die Geschlechter bekommt man darüber hinaus nur, wenn allseits gebilligt wird, dass Männer und Frauen im gleichen Maße flexibel arbeiten und Elternzeiten oder Sabbaticals in Anspruch nehmen. Voraussetzung dafür ist, dass sich die entsprechenden Rollenbilder auch in den Köpfen der Beschäftigten selbst ändern.
Michael Otterbein | redaktion@regio-manager.de

Ausgabe 07/2018