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(Foto: ©Milles Studio – stock.adobe.com)

Burn-out

Übers Limit hinaus

Insbesondere Führungskräfte sind eine typische Risikogruppe für ein Burn-out – vielfach, ohne diese Gefahr überhaupt zu bemerken. Woran das liegt und wie man rechtzeitig gegensteuert.



Fast neun von zehn Deutschen sind von ihrer Arbeit gestresst. So weit nichts wirklich Neues. Aber jeder siebte Befragte sieht bei sich die Gefahr, vollkommen auszubrennen. Das hat eine Studie im Auftrag der Krankenkasse Pronova BKK im Februar 2018 herausgefunden, für die bundesweit 1.650 Arbeitnehmer/-innen repräsentativ befragt wurden. Aber was bedeutet der Begriff Burn-out eigentlich? „Voll ausgeprägt bezeichnet der Begriff eine Erschöpfungsdepression“, sagt Professor Dr. Dr. Martin Keck. Er beschäftigt sich als Direktor und Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München u.a. mit dieser Thematik. Die Bezeichnung Burn-out sei recht neu. Das Phänomen gibt es laut Professor Keck aber bereits seit vielen Jahren. Warnsymptome für ein Burn-out sind individuell unterschiedlich. „Aber nahezu pausenloses Arbeiten mit dem Gefühl der Unentbehrlichkeit und ein Beruf, der zum Lebensinhalt wird und wenn Personen nicht mehr entspannen können, sind deutliche Warnzeichen“, sagt Professor Keck. Diese Zeichen werden meist von außen, beispielsweise von Ehepartnern, schneller bemerkt als von der Person selbst. Das liege daran, dass es nicht zu ihrem Rollenverständnis passe, das sie durch ihre Sozialisation in einer globalisierten Leistungsgesellschaft erhalten hätten, erklärt Wilhelm Schilling, Psychologe und Vorsitzender des Vorstands der Sektion Wirtschaftspsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. Zu den körperlichen Warnsignalen gehören Keck zufolge u.a. Schlafstörungen, Knirschen mit den Zähnen, ständiges Schwitzen, Migräne oder Rückenschmerzen. Hauptkennzeichen eines Burn-outs sind laut Professor Keck außerdem eine dauerhafte Erschöpfung, ein extremes Engagement, das irgendwann in Zynismus umschlägt, das Gefühl der Hilflosigkeit und des Kontrollverlustes sowie ein sozialer Rückzug. „Wenn sich Führungskräfte trotz Stress noch mehr Arbeit aufbürden, als sie schaffen können, kann das zu einer pessimistischen Grundhaltung bis hin zu Apathie führen“, warnt Schilling. Ein fortgeschrittenes Burn-out ähnelt laut Schilling von den Symptomen her einer Depression. Im Gegensatz zu einer Depression sei bei einem Burn-out aber noch eine starke Emotion und der Wille zum Gestalten vorhanden.

Fortgeschrittenes Burn-out ähnelt einer Depression

Ein Burn-out kann laut Schilling jeden treffen. Und mit zunehmender Verantwortung wächst die Wahrscheinlichkeit. Risikofaktoren für diese Erkrankung sind Professor Keck zufolge eine ausgeprägte Verausgabungsbereitschaft sowie Perfektionismus und eine fehlende Anpassungsfähigkeit an neue Lebensumstände. Gerade Unternehmer sind beim Übergang in den Ruhestand häufig betroffen. „Oftmals kann auch eine neue Beförderung zu einem Burn-out führen, wenn diese für die Führungskraft zu einem Wertekonflikt führt, da sie beispielsweise niemanden entlassen möchte, dies aber tun muss“, so Professor Keck weiter.

Einstellung zu eigener Leistung reflektieren

Je früher eine Führungskräfte Hilfe sucht, desto besser, da das Phänomen laut Professor Keck gut erforscht und sehr gut behandelt werden kann. Um einem Burn-out vorzubeugen, empfiehlt der Psychologe Führungskräften, ihre Einstellung zu Leistung und ihrem gewünschten Arbeitsumfeld zu reflektieren, um eine Überforderung für sich selbst und das Team zu vermeiden. Führungskräfte sollten die Anforderungen und Erwartungen ihrer Umwelt stets kritisch hinterfragen, da viele laut Schilling dazu tendieren, noch höhere Anforderungen an sich zu stellen als an die Umwelt. Falls Führungskräfte eine Überlastung bemerken, sollten sie versuchen, Dinge zu delegieren. Auch der Gedanke „Ohne mich geht gar nichts“ sollte Schilling zufolge kritisch hinterfragt werden. Zur Vorbeugung können Führungskräfte laut Professor Keck aus einer Vielzahl an Entspannungstechniken wie Yoga, autogenem Training oder Meditation die passende auswählen. Wichtig ist, dass hier kein Druck aufgebaut wird. „Sich auf einen Marathon vorzubereiten ist als Burn-out-Prophylaxe eher kontraproduktiv, wenn es nicht der Entspannung dient“, sagt Professor Keck.

Professionelle Hilfe finden

Generell ist das Stressempfinden von Person zu Person sehr unterschiedlich. „Um dieses Empfinden zu verringern, sind Entscheidungsmöglichkeiten wichtig, mit der die Person ihre Arbeitssituation zu ihren Gunsten verändern kann“, so Schilling. Gerade in der globalisierten Arbeitswelt könne das allerdings auch für Führungskräfte eine große Herausforderung darstellen. Führungskräfte sollten sich Schilling zufolge zunächst in einem geschützten Raum außerhalb des Unternehmens selbst eingestehen, wo die Probleme in ihrem Arbeitsumfeld liegen, die für den Stress sorgen. Innerbetriebliche Anti-Stress-Trainings seien zwar auch sinnvoll, dadurch mache sich die Führungskraft allerdings sichtbar mit ihren Themen. Um sich Hilfe zu holen, können sich Führungskräfte Professor Keck zufolge an fachärztliches Personal wie Psychologen oder Psychiater und Coaches wenden, wenn es keine innerbetrieblichen Anlaufstellen im Gesundheitsmanagement gibt oder Führungskräfte diese nicht nutzen wollen. Neben der beruflichen Qualifikation spielt für Schilling der persönliche Aspekt bei der Auswahl des Helfers eine große Rolle, um vertrauensvoll zusammenzuarbeiten. Diese Person sollte der Führungskraft im Rahmen eines Trainings helfen, schädliche Verhaltensmuster zu erkennen, und sie dabei unterstützen, diese im Alltag konkret zu ändern. „Es hilft in der Regel wenig, wenn Führungskräfte diese Themen allein bearbeiten“, sagt Schilling. Erste Informationen rund um das Thema Burn-out erhalten Führungskräfte u.a. in einer ausführlichen Broschüre, die sie kostenlos über die Homepage von Professor Keck herunterladen können.* Um Burn-out und andere Stresserkrankungen im eigenen Team konkret zu vermeiden, sollten Führungskräfte wertschätzend mit sich und ihren Mitarbeitern umgehen. „Es bietet sich beispielsweise an, in wöchentlichen Meetings ein paar Minuten mit den Mitarbeitern ehrlich über die Arbeitsbedingungen zu sprechen und gemeinsam Vorschläge zu erarbeiten, wie diese geändert werden könnten“, schlägt Schilling vor. Gerade die ständige Erreichbarkeit versetzt jeden Vierten der Befragten der Pronova-BKK-Studie in Stress. Dieser Stressfaktor hat zwar verglichen zur Befragung im Jahr 2016 um fünf Prozentpunkte abgenommen, bleibt aber dennoch ein Problem. „Führungskräfte sollten ihre Vorbildfunktion wahrnehmen und, falls möglich, die ständige Erreichbarkeit abschaffen“, sagt Professor Keck. VW hat das laut Keck schon umgesetzt. Die Mitarbeiter des Automobilkonzerns dürfen nach 19 Uhr keine E-Mails mehr verschicken und beantworten.

Ausgabe 09/2018