Rhein-Kreis Neuss: „Wir erleben eine neue Gründerzeit“

Mit dem Braunkohleausstieg steht der Rhein-Kreis Neuss vor enormen wirtschaftlichen Herausforderungen. Er begreift diesen Transformationsprozess jedoch als große Chance und gestaltet ihn schon jetzt proaktiv zusammen mit den ansässigen Unternehmen – in zahlreichen innovativen Strukturwandel- und Digitalisierungsprojekten.
Marcus Temburg (Leiter ZS 6 und Amt 61), Hans-Jürgen Petrauschke (Landrat des  Rhein-Kreises Neuss) und Robert Abts (Leiter der Wirtschaftsförderung) (v.l.)
Marcus Temburg (Leiter ZS 6 und Amt 61), Hans-Jürgen Petrauschke (Landrat des Rhein-Kreises Neuss) und Robert Abts (Leiter der Wirtschaftsförderung) (v.l.)
Der Rhein-Kreis Neuss muss sich wahrlich nicht verstecken in seinem Umfeld: Seit einigen Jahren schon ist er der wirtschaftlich erfolgreichste Kreis in NRW und einer der Wirtschaftsmotoren am Niederrhein (siehe Info-Kasten). Dieser Erfolg basiert auf einem Mix aus unterschiedlichen günstigen Faktoren. Etwa die sehr gute geografische Lage inmitten einer der wichtigsten europäischen Metropolregionen, das umfassende Bildungssystem mit über 130 öffentlichen allgemeinbildenden Schulen oder der ausgewogene Branchenmix mit einer starken Industrie und einem ausgeprägten Handels- und Dienstleistungssektor. Rund 29.000 Unternehmen, darunter namhafte Konzerne, zahlreiche kleine und mittelständische Betriebe und viele Hidden Champions wissen dieses Umfeld sehr zu schätzen. Die Neugründungen im Kreisgebiet sind zudem in den letzten Jahren gestiegen, während sie in NRW durchschnittlich sinken. Die Entscheidungsträger in Politik und Verwaltung des Rhein-Kreises Neuss ruhen sich aber nicht darauf aus, dass sie eine Top-Adresse für Unternehmen und Fachkräfte vorweisen können. Im Gegenteil: Sie denken immer schon einen Schritt voraus. Derzeit herrscht zwischen Grevenbroich und Neuss eine regelrechte Aufbruchstimmung in eine „neue Gründerzeit“. Ausgelöst wird sie durch zwei fundamentale Transformationen, die eng miteinander verknüpft sind: ein umfassender räumlicher Strukturwandel in der Region und der digitale Wandel.

Große Herausforderungen: räumlicher und digitaler Wandel

Denn das Ende des Braunkohletagebaus im gesamten Rheinischen Revier naht, der Kohleausstieg ist gesetzlich beschlossen. „Das ist zwar eine enorme Herausforderung für uns, aber der damit verbundene Strukturwandel bietet auch riesige Chancen für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung, den Umbau und die Neugestaltung der Region. Dem Rhein-Kreis Neuss kommt dabei eine verantwortungsvolle Schlüsselrolle zu“, sagt Hans-Jürgen Petrauschke, Landrat des Rhein-Kreises Neuss. Derzeit sind in Sachen Strukturwandel zahlreiche politische Akteure auf ganz unterschiedlichen Ebenen tätig, vieles ist aber noch gar nicht klar politisch geregelt. Der ungewissen Situation trotzend, gestalten die Entscheidungsträger im Rhein-Kreis Neuss bereits jetzt aus eigener Kraft die Rahmenbedingungen dafür, dass dieser Strukturwandel erfolgreich gelingt. Der Digitalisierung kommt dabei eine überaus wichtige Rolle zu. Auch das hat man im Rhein-Kreis Neuss schon früh erkannt – und das Heft in die Hand genommen: Zusammen mit IW Consult, einer Tochtergesellschaft des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln Consult GmbH, hat die Wirtschaftsförderung Rhein-Kreis Neuss in den letzten beiden Jahren eine umfassende und gezielte Digitalisierungsstrategie entwickelt, aus der nun ganz konkrete Maßnahmen umgesetzt werden können. „Wir wollen den Prozess der digitalen Transformation gemeinsam mit den Unternehmen gestalten“, erklärt Landrat Hans-Jürgen Petrauschke.

Ziel: Gründer und digitale Infrastruktur stärken, Innovationen fördern

Ein besonders wichtiges Ziel ist, Gründer und Start-ups in der Region zu stärken und ihnen ein attraktives Umfeld für ihre Ideen zu bieten. Dafür initiiert wurde etwa das Projekt ChemLab: Zusammen mit der Stadt Dormagen und dem Chempark schafft man derzeit ein Gründerökosystem in der Chemiewirtschaft, wo sich Unternehmen mit Start-ups vernetzen können und bei der digitalen Transformation unterstützt werden. Außerdem planen die Entscheidungsträger im Rhein-Kreis Neuss ein großes Coworking-Gebäude, das Start-ups und Gründern eine echte Alternative zu Coworking-Hotspots wie Düsseldorf und Köln bieten soll. Um speziell den Mittelstand in puncto Innovation und Digitalisierung zu fördern, hat man im Rhein-Kreis Neuss ein Innovationsförderprogramm ab 2020 implementiert. „Wir nehmen eigene Fördergelder in die Hand, um innovative Ideen der KMU in unserem Kreis zu unterstützen. Mit diesem Service gehen wir weit über das hinaus, was andere Wirtschaftsförderungen anbieten“, sagt Robert Abts, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Rhein-Kreis Neuss. Um Transformation und Innovation überhaupt herstellen zu können, braucht es flächendeckendes schnelles Breitband-Internet, das alle Gewerbegebiete und auch Bildungsinstitutionen wie Schulen einschließt. Ebenso wichtig ist bestmöglicher Mobilfunkstandard – 5G. Beide Technologien treibt der Rhein-Kreis Neuss in Großprojekten derzeit mit höchster Priorität voran – man will zur Modellregion für 5G werden. „Voraussetzung für den erfolgreichen Strukturwandel sind ausreichende Industrie- und Gewerbeflächen mit guter Verkehrsanbindung, Breitband und 5G-Ausbau sowie eine Beschleunigung der Genehmigungsverfahren“, sagt Landrat Hans-Jürgen Petrauschke.

Unternehmen, Start-ups und Forschung gewinnbringend vernetzen

Noch bevor Konzepte seitens des Gesetzgebers vorlagen, haben die Entscheidungsträger im Rhein-Kreis Neuss vorausschauend geplant und gehandelt. Eines dieser innovativen Projekte, die derzeit verfolgt werden, ist Alu-Valley 4.0. Ziel von Alu-Valley 4.0 ist es, ein schlagkräftiges Netzwerk von Akteuren aus Wissenschaft, Wirtschaft, öffentlicher Hand und Politik zusammenzubekommen, um energieeffiziente Anwendungsmöglichkeiten für Aluminium zu entwickeln und den flexiblen Werkstoff auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu halten. Die Projektidee „Campus Changeneering“ skizziert indes einen Campus, auf dem sich Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung rund um die Sektoren Metall, Chemie und Gesundheit vernetzen und gemeinsam anwendungsorientiert arbeiten. Das Besondere: Für frei werdende Fachkräfte im Zuge des Strukturwandels sollen auf dem Campus Weiterbildungsmöglichkeiten und neue Einsatzmöglichkeiten in diesen Branchen geschaffen werden.

Rhein-Kreis Neuss geht gestärkt aus dem Transformations­prozess hervor

Dass die Wirtschaftsförderung des Rhein-Kreises Neuss besonders mittelstandsfreundlich und innovativ arbeitet, zeigt sich z.B. darin, dass sie auch die eigene Weiterentwicklung stetig vorantreibt. Unternehmen profitieren dadurch verstärkt von modernen Services, wie z.B. das Gründerstipendium. Und auch die großen Themen Industrie 4.0 und IoT stehen ganz oben auf der Agenda: Vor allem energieintensive Industrien im Rhein-Kreis Neuss wie Chemie, Lebensmittelwirtschaft und Metallerzeugung sollen durch die Maßnahmen zur Digitalisierung in Zukunft profitieren. Dem Rhein-Kreis Neuss ist es wichtig, auch nach einer vollzogenen Energiewende weiterhin führender Standort für die Industrie zu sein. „Mit diesen vielfältigen Projekten werden wir viel bewegen können. Ich bin mir sicher, dass wir sogar noch stärker aus dem Transformationsprozess hervorgehen werden“, sagt Landrat Hans-Jürgen Petrauschke. Wie sich der Transformationsprozess konkret in den nächsten Monaten und Jahren gestaltet, werden wir Ihnen im kommenden NIEDERRHEIN MANAGER berichten.
Ausgabe 09/2019