Maschinenbau: Der Pandemie trotzen

Der Maschinenbau kämpft neben dem Virus auch mit Handelsstreitigkeiten sowie dem Strukturwandel im Fahrzeugbau. Mehr denn je können sich ausgewiesene Spezialisten jedoch vom Wettbewerb absetzen.
Präzision lässt Funken fliegen (Foto: © andov – stock.adobe.com)
Präzision lässt Funken fliegen (Foto: © andov – stock.adobe.com)
Findet der Maschinenbau nach einem desaströsen Corona-Jahr in den kommenden Monaten wieder den Weg zu nominalen Umsatzsteigerungen? Die Akteure der Branche sind zuversichtlich, der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) drückt aber noch deutlich auf die Euphorie-Bremse. „Bis das Umsatzniveau von 2019 wieder erreicht sein wird, ist es noch ein langer und steiniger Weg“, lautet die Analyse. Schon 2019 verlief für die Maschinenbauer in Deutschland enttäuschend. Ein Minus von real neun Prozent steht in den Auftragsbüchern, die Auslandsorders gingen ebenfalls um neun Prozent zurück. „2019 war ein konjunkturell trübes Jahr für den Maschinen- und Anlagenbau. Die Branche muss mit einem gefährlichen Cocktail aus Konjunkturabschwung, politischen Verwerfungen wie Handelsstreitigkeiten sowie dem fundamentalen Strukturwandel im Fahrzeugbau umgehen. Das hat in den Orderbüchern deutliche Spuren hinterlassen“, erklärt VDMA-Konjunkturexperte Olaf Wortmann. Nicht nur der belastende Protektionismus im internationalen Handel sowie der Wandel in der wichtigen Kundenbranche Automobilindustrie trifft den Maschinenbau. Die größten Herausforderungen sind die Folgen der globalen Corona-Pandemie.

„Leichte Entspannung“

„Der Auftragseingang im deutschen Maschinen- und Anlagenbau ist in den ersten sieben Monaten um real 16 Prozent gesunken, die Produktion lag um real 14 Prozent unter dem Vorjahreswert“, sagt VDMA-Chefvolkswirt Dr. Ralph Wiechers. „Auch wenn sich aktuell eine leichte Entspannung auf niedrigem Niveau abzeichnet, müssen wir damit rechnen, dass die schwache Nachfrage im zweiten Halbjahr noch spürbar auf die Produktion durchschlagen wird. Daher gehen wir für das Gesamtjahr 2020 von einem Produktionsrückgang von 17 Prozent aus“, interpretiert Wiechers aktuelle Umfragen. Deutschland auf Platz drei Deutschland, einst Maschinenbau-Weltmeister, muss sich seit 2013 mit der Position als drittgrößter Maschinenproduzent der Welt begnügen. Im vergangenen Jahr verfehlte das Umsatzvolumen mit 296 Milliarden Euro den Höchstwert des Vorjahres (300 Milliarden Euro). Damit entfielen rund elf Prozent des weltweiten Maschinenumsatzes auf die Bundesrepublik. Mit deutlichem Abstand an der Spitze rangierte abermals China. Ein Gesamtumsatz von 876 Milliarden Euro bedeutete auf Euro-Basis ein Plus von zwei Prozent zum Vorjahr. In Japan (Platz vier) konnten die Maschinenhersteller ihren Umsatz auf Euro-Basis um fünf Prozent auf 264 Milliarden Euro steigern. Italien, Nummer fünf im Welt-Maschinenbau, erhöhte den Umsatz um ein Prozent auf 127 Milliarden Euro. Die ersten fünf Länder der Rangliste stehen zusammen für 72 Prozent des Weltmaschinenumsatzes.

Über 6.600 Unternehmen

Der Maschinenbau zählt in Deutschland zu den innovationsstärksten Industriebranchen. Die über 6.600 Unternehmen beschäftigten 2018 1.065.000 Menschen. Der größte Umsatz wurde mit Werkzeugmaschinen (23,4 Milliarden Euro) erzielt. Es folgten Antriebstechnik (20 Milliarden Euro), Fördertechnik (18,2 Milliarden Euro), Bergbau- und Baustoffmaschinen (14,1 Milliarden Euro) sowie Kälte- und Lufttechnik (13,9 Milliarden Euro). Nach Schätzungen der VDMA-Volkswirte stieg der globale Umsatz mit Maschinen im Jahr 2019 allerdings insgesamt um nominal zwei Prozent auf fast 2,67 Billionen Euro. Asien blieb mit 1,37 Billionen Euro die mit Abstand größte Fertigungsregion. Das Umsatzplus betrug auch hier zwei Prozent, verglichen mit früheren Jahren war das aber ein eher schwacher Zuwachs. Das Wachstumstempo in Europa und in den EU-Ländern insgesamt war mit jeweils einem Prozent geringer als im Weltdurchschnitt. Die EU-Länder produzierten zwar deutlich weniger Maschinen (768 Milliarden Euro) als Asien, jedoch mehr als doppelt so viele wie die USA. Allerdings konnten die Vereinigten Staaten ihren Umsatz kräftig um fast sieben Prozent auf 348 Milliarden Euro erhöhen. Für 2021 gehen die VDMA-Volkswirte dennoch davon aus, dass sich die Weltkonjunktur – wenn auch zögerlich und nicht unbedingt störungsfrei – erholt. Dabei treffen die globalen Exportrisiken die verschiedenen Maschinenbau-Branchen höchst unterschiedlich. So konnten beispielsweise die Verfahrenstechniker (mit Kunden in der Chemie-, Öl- und Werkstoffindustrie) ebenso wie die Fördertechnikhersteller (u. a. Intralogistik) ihre Ausfuhren steigern. Dagegen litten die Hersteller von Werkzeugmaschinen (minus 7,7 Prozent) und Präzisionswerkzeugen (minus 5,3 Prozent). Sie beliefern zu großen Teilen Kunden aus der produzierenden Industrie, darunter insbesondere viele Autohersteller – und sind deshalb gleich in doppelter Hinsicht von wachsender Unsicherheit betroffen: Ihr Geschäft wird auch vom technologischen Wandel bedroht. „Für den Maschinen- und Anlagenbau werden die Bäume im nächsten Jahr nicht in den Himmel wachsen. Schon gar nicht werden wir das Vorkrisenniveau des Jahres 2019 erreichen”, sagt Wiechers. „Wir rechnen für 2021 mit einem Produktionswachstum von zwei Prozent”, prognostiziert der VDMA-Chefvolkswirt. Voraussetzung sei, dass die Corona-Pandemie nicht abermals die Märkte und Lieferketten lahmlegt und die wichtigen Abnehmerländer des Maschinenbaus sich nicht in weitere Handelskriege hineinziehen lassen.
Reinhold Häken | redaktion@regiomanager.de
Ausgabe 05/2020