Krankenstand zu 76 Prozent vermeidbar!

Arbeitsausfälle aufgrund chronischer Krankheiten lassen sich durch Prävention zu 76 Prozent vermeiden. Hier ist der Arbeitgeber gefragt!
Massenphänomen Rückenleiden (Foto: © BlueSkyImages – stock.adobe.com)
Massenphänomen Rückenleiden (Foto: © BlueSkyImages – stock.adobe.com)
Welcher Geschäftsführer freut sich nicht, wenn er von seinem Unternehmen sagen kann, dass es „kerngesund“ ist? Dabei hat er zumeist die positive Entwicklung seiner Business-Zahlen im Blick und meint weniger die persönliche Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Doch gerade hier geht es in vielen deutschen Firmen immer weniger gesund zu. Zunehmende Rückenbeschwerden, häufige Müdigkeit und Unkonzentriertheit, nervliche Anspannung, Stress, Burnout – dies sind nur einige der Symptome, die Arbeitsmediziner tagtäglich an deutschen Schreibtischen, Werkbänken sowie in Produktions- und Lagerhallen feststellen. Besonders deutlich und für den Unternehmer schmerzhaft wird der schlechte Gesundheitszustand des Mitarbeiterteams, wenn sich die Fehltage häufen. Dafür sind in steigendem Masse psychische Erkrankungen verantwortlich. Seit 2006 steigt die Kurve der Fehlzeiten aufgrund von psychischen Erkrankungen und Verhaltensstörungen besonders dramatisch an, so der Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse 2015. Laut TK fehlten Berufstätige im Jahr 2014 im Durchschnitt an rund 15 Tagen krankheitsbedingt an ihrem Arbeitsplatz. In der Metallbranche sowie bei den Verkehrs- und Lagerberufen sind es sogar rund 23 Tage, während technisch-naturwissenschaftliche Berufe mit immer noch rund 10 Krankheitstagen das Schlusslicht der Statistik bilden. Dabei sind bei Weitem nicht nur die älteren Mitarbeiter besonders krankheitsanfällig. Mit besonderem Blick auf die Situation bei den Auszubildenden ermittelte der wissenschaftliche Dienst der AOK (WidO) in seinem Fehlzeiten-Report 2015: „Jeder fünfte Lehrling gilt als gesundheitlich gefährdet“, und bei jedem zehnten geht das Institut sogar von einem risikobehafteten Lebensstil aus: „Kaum Sport, viel Fast Food und zu wenig Schlaf“. Die häufigsten Beschwerden sind Kopfschmerzen, Rückenschmerzen und Verspannungen. Unter Schlafstörungen leidet jeder Zehnte. Neben einem zunehmenden Mangel an körperlicher Bewegung (Sport) macht sich in den letzten Jahren ein ungesunder Ernährungsstil breit: Kein regelmäßiges Frühstück, ungesundes Fast Food zum Mittag und zu viele Süßigkeiten.   

Ausfälle können verhindert werden


Dass es sich hierbei nicht nur um ganz persönliche Probleme der Betroffenen handelt, stellen die Felix Burda Stiftung und das Netzwerk gegen Darmkrebs in der Studie „Vorteil Vorsorge – Die Rolle der betrieblichen Gesundheitsvorsorge für die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland“ heraus. Neben den Auswirkungen auf die Unternehmen wird hier auch der volkswirtschaftliche Schaden deutlich, der entsteht, wenn sich die Spirale aus der Überalterung der Belegschaft, dem steigenden Wettbewerb um die besten Arbeitskräfte sowie einem kontinuierlichen Anstieg der Krankheitskosten pro Arbeitnehmer immer weiter nach oben schraubt. Die Studie will Politiker und Unternehmer gleichermaßen anregen, die betriebliche Prävention als Säule des deutschen Gesundheitswesens zu stärken. Denn laut Peter Oberender, bis 2015 Professor für Volkswirtschaft an der Universität Bayreuth, können 76 Prozent der Ausfälle, die durch chronische Erkrankungen entstehen, durch Prävention verhindert werden. „Vorbeugen statt heilen“, lautete daher auch das Motto von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, als er 2014 den Entwurf für ein neues Präventionsgesetz vorlegte, das im vergangenen Jahr dann im Bundestag verabschiedet wurde: „Es geht darum, Krankheiten zu vermeiden, bevor sie überhaupt entstehen. Das gilt für jeden Einzelnen, ist aber genauso ein Anspruch an all diejenigen, die für die Gesundheit anderer mit Verantwortung tragen. Ziel muss sein, die Umgebung, in der wir leben, lernen und arbeiten, so zu gestalten, dass sie die Gesundheit unterstützt.“

Nationale Präventionskonferenz


Das neue Gesetz will zunächst einmal die zielgerichtete Zusammenarbeit aller Akteure in der Gesundheits-Prävention in den Mittelpunkt stellen. Dabei sollen die gesetzlichen Krankenversicherungen im Verbund mit den gesetzlichen Rentenversicherungen, den gesetzlichen Unfallversicherungen und der Pflegeversicherung handeln. Strategisches Ziel ist es, dass sich die definierten Sozialversicherungsträger in einer nationalen Präventionskonferenz auf ein gemeinsames Vorgehen verständigen. Hierbei sollen Bund, Länder, kommunale Spitzenverbände und die Sozialpartner gemeinsame Ziele definieren und so die bisher sehr vielfältigen Ansätze in der Gesundheitsförderung bündeln. Dabei sollen auch die Unternehmen der privaten Kranken- und Pflegeversicherung nicht ausgeschlossen werden. Bei entsprechender finanzieller Beteiligung können sie als gleichwertige Mitglieder in der Nationalen Präventionskonferenz einen Teil der Verantwortung mit übernehmen. Im Leistungsbereich sieht das Gesetz eine Verdopplung der Ausgaben bei den Krankenkassen vor. Für Prävention und Gesundheitsförderung soll der derzeitige Ausgabenrichtwert von 3,17 Euro auf 7 Euro angehoben werden. Damit werden die Kassen künftig jährlich mindestens rund 490 Millionen Euro für Leistungen zur Gesundheitsförderung und Prävention investieren. Bei den Pflegekassen stehen weitere rund 21 Millionen Euro für Leistungen zur Unterstützung gesundheitsförderlicher Verhältnisse in den Pflegeeinrichtungen zur Verfügung. Insgesamt sieht das neue Gesundheitspräventionsgesetz damit zukünftig Ausgaben von jährlich etwa 511 Millionen Euro für primärpräventive und gesundheitsfördernde Leistungen vor.

Unternehmer haben Einfluss


Ein wesentlicher Schwerpunkt im Präventionsgesetz ist die Förderung der betrieblichen Gesundheitsförderung. Dabei sollen künftig verstärkt kleine und mittelständische Unternehmen in den Fokus der Leistungen der Krankenkassen rücken. Mehr Leistungen für Präventivmaßnahmen, eine verbesserte Beratung und Unterstützung sowie eine engere Verknüpfung von betrieblicher Gesundheitsförderung mit dem Arbeitsschutz: So sollen künftig deutlich mehr Unternehmen als bisher ein waches Bewusstsein für Gesundheitsprävention bekommen. „Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin geht davon aus, das 30 bis 40 Prozent der Arbeitsunfähigkeitszeiten durch eigene Maßnahmen der Unternehmer verhindert werden können“, so die Studie „Vorteil Vorsorge“. Für sie ist die Betriebliche Gesundheitsvorsorge ein künftiger Erfolgsfaktor. Unternehmer haben also einen direkten Einfluss darauf, die Krankheitskosten zu senken und die Mitarbeiterproduktivität zu steigern. Im Rahmen der Studie entwickelte die internationale Strategieberatung Booz & Company ein Rechenmodell, das zu einem sehr interessanten Ergebnis kommt: „Jeder Euro, der in betriebliche Prävention investiert wird, zahlt sich auf volkswirtschaftlicher Ebene mit fünf bis 16 Euro aus – je nach Art und Umfang der Maßnahme. Die Hälfte bis zwei Drittel der Ersparnis sind in dieser Berechnung auf die Senkung der Abwesenheitszeiten zurückzuführen.“ Emrich Welsing I redaktion@niederrhein-manager.de
Ausgabe 02/2016