Digitalisierung: Smart und effizient

Industrieunternehmen erkennen immer stärker die Vorzüge von digitalen Geschäftsmodellen.

Das Internet der Dinge (IoT) eröffnet zahlreiche Möglichkeiten für digitale Geschäftsmodelle (© ­­­Dmytro − stock.adobe.com)
Das Internet der Dinge (IoT) eröffnet zahlreiche Möglichkeiten für digitale Geschäftsmodelle (© ­­­Dmytro − stock.adobe.com)
Zahlreiche Industrieunternehmen im B2B-Bereich digitalisieren ihre Geschäftsmodelle und sind dabei sehr erfolgreich. Allerdings sind diese Modelle für Außenstehende oft nicht zu erkennen. Doch was ist überhaupt ein digitales Geschäftsmodell und welche Digitalisierungsstrategien verfolgen Unternehmen, um ihre Transformation voranzutreiben? Eine Digitalisierungsstrategie für sein Unternehmen zu entwerfen – das hört sich einfacher an, als es tatsächlich ist. Laut einem Whitepaper der RWTH Aachen orientiert sich eine klare Strategie „am Geschäftsbetrieb eines Unternehmens und basiert auf einer klaren Vorstellung, wie die Geschäftsbereiche (weiter-)zu entwickeln sind. Ebenso zeigt sie Perspektiven zur Entwicklung eines digitalen Geschäftes unabhängig vom bestehenden Produkt- und Servicegeschäft auf.“ Bei der Erstellung einer Digitalisierungsstrategie können vier aufeinander aufbauende Ebenen eingerichtet werden:

Nach der Optimierung von internen Prozessen folgt
  • die Ergänzung bestehender Geschäftsfelder durch digitale Leistungen (z.B. Produkteverkauf über den Webshop), dann
  • die Erschließung neuer Geschäftsfelder, losgelöst vom bestehenden Geschäft, und dann erst
  • die Etablierung neuer digitaler Geschäftsmodelle, deren Erfolg regelmäßig ebenso digital kontrolliert werden sollte.

  • Das Ziel der Auflage eines digitalen Geschäftsmodells sollte es sein, so die Experten der RWTH, zwei elementare Wettbewerbsvorteile gegenüber dem konventionellen, also physischen Verkauf zu generieren:

  • Bessere Skalierbarkeit: Digitale Leistungsangebote weisen niedrige Kosten pro zusätzlich verkaufter Einheit auf und sind damit einfach skalierbar.
  • Bessere Planbarkeit: Das Geschäft und damit der Geschäftserfolg digitaler Geschäftsmodelle ist in der Regel wesentlich einfacher vorherzusagen als bei den „alten“, konventionellen Geschäften.

  • Wer diese beiden Fähigkeiten beherrscht, sollte sein digitales Geschäftsmodell gut im Griff haben, so die Studie, zumal das Leistungsangebot mit ebenso wenig Aufwand relativ einfach angepasst werden kann. Die Autoren der Studie empfehlen, parallel neben dem konventionellen Geschäft eine „digitale Geschäftseinheit“ mit einer gewissen Eigenständigkeit aufzubauen. Dabei ist es am Anfang wichtig, das digitale Geschäft genau zu beobachten und gegebenenfalls anzupassen.

    Nur drei Prozent haben digitale Geschäftsmodelle

    Ist eine Strategie erst mal auf den Weg gebracht, muss sie ständig angepasst, hinterfragt und weiterentwickelt werden. Eine Art „digitales Ökosystem“ entsteht, indem man die digitalisierten Prozesse, die das digitalisierte Geschäftsmodell abbilden, permanent verbessert. Wie wenig aber Prozesse in Unternehmen hierzulande digitalisiert sind, zeigt eine Umfrage der Unternehmensberatung Accenture, nach der nur drei Prozent der Top-500-Unternehmen über ein digitales Geschäftsmodell verfügen. Allerdings erkennen immer mehr große wie kleine Firmen, dass die Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse immer wichtiger wird. Bei einer DIHK-Umfrage aus dem Jahr 2020 gab immerhin jedes dritte Unternehmen an, dass die Entwicklung neuer Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle einer der Hauptgründe für die Digitalisierung im Unternehmen sei.

    IoT als Motor

    Der Star unter den Digitalisierungslösungen in Industrieunternehmen sind die sogenannten IoT-Lösungen (IoT steht für Internet of Things). Diese Lösungen sind populär, auch wenn viele gar nicht wissen, was damit eigentlich gemeint ist. Eine Studie des Digitalverbandes Bitkom aus dem Jahr 2018 hat aufgezeigt, dass bereits vier von zehn Industrieunternehmen eine IoT-Plattform nutzen. Die Bedeutung der Vernetzung von Produkten, Anlagen, Maschinen oder anderen Dingen wird für die eigenen Unternehmensziele also hoch eingeschätzt. Einfach erklärt heißt das nichts anderes, als dass real fassbare Objekte oder Dinge (T = „things“) mit Sensoren, Software oder anderen Technologien verbunden sind, um diese mit anderen Geräten und Systemen über das Internet zu vernetzen, sodass zwischen den Objekten Daten ausgetauscht werden können. Die rückgekoppelten Daten bilden die Grundlage für die weitere Anpassung und Optimierung der Prozesse im Rahmen des digitalen Geschäftsmodells. Durch eine weitere Verbesserung kann etwa die Ansprache des Kunden verbessert, smarter gestaltet oder einfach kostengünstiger gestaltet werden. Zwei Beispiele aus unterschiedlichen Bereichen verdeutlichen, welche Rolle digitale Prozesse in einem digitalen Geschäftsmodell spielen können.

    Beispiel Kaffeemaschine

    Die Firma Lyreco aus Barsinghausen ist Bürobedarfshändler und somit auch Lieferant professioneller Nespresso-Kaffeemaschinen und dazu passender Kaffeekapseln. Um den Bestand der Kapseln und die Funktionstüchtigkeit der Maschinen bei Firmenkunden stets im Blick zu haben, setzt das Unternehmen mithilfe der Plattform Cumulocity IoT der Software AG auf eine IoT-Lösung, die zum einen die Menge der vorhandenen Kapseln, zum anderen relevante Funktionsparameter der Kaffeemaschinen in Echtzeit analysiert. Dabei werden die Maschinendaten ins Ressourcenplanungssystem des Bürobedarfshändlers integriert und das Bestandsmanagement komplett automatisiert. So ist es möglich, rechtzeitig Nachschub an Firmenkunden zu liefern oder einen Techniker zu schicken. Durch die neue Vorgehensweise können die Geräte rechtzeitig gewartet werden, bevor sie ausfallen. Dies spart Kosten und Nerven auf der Seite der Kunden, führt zu höherer Kundenzufriedenheit, ist zudem auf Unternehmensseite kostengünstiger, weil „smart“, und führt somit zu einer Win-win-Situation. Das Geschäftsmodell wurde also erfolgreich digitalisiert. Die Wertschöpfung im Unternehmen hat sich dadurch erhöht und der Nutzen für den Kunden konnte weiter gesteigert werden.

    Beispiel Sensortechnik

    Das Kaufbeurer Unternehmen Sensor-Technik Wiedemann (STW) hat in London 5.000 Busse mit Sensortechnik ausgestattet, welche die Abgasnachbehandlungssysteme der teils älteren Dieselmotoren überwacht, dokumentiert und so gegenüber der Stadtverwaltung den Nachweis erbringt, dass die strengen Abgasnormen hinsichtlich Rußpartikel- und Stickoxid-Emissionen eingehalten werden. Das eigentliche Geschäftsmodell von SWT ist mithin nicht der tatsächliche Sensor, sondern die Aufbereitung der von den Sensoren erfassten Daten. Ebenfalls erfasst werden Performanceparameter sowie Standort- und Statusmeldungen, die etwa angeben, bei welchen Bussen Harnstoff nachgefüllt werden muss oder Fehlermeldungen vorliegen. Über offene Schnittstellen können darüber hinaus diverse ERP- und CRM-Lösungen angebunden werden.

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    Ausgabe 06/2021