Pendeln bedeutet Stress

Dabei lohnt es sich für Arbeitgeber, auf die Arbeitnehmer zuzugehen. So gewinnen beide Seiten. Denn Pendelzeit lässt sich durchaus produktiv nutzen.
Foto: © peshkova – stock.adobe.com
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Geld, Nerven und Zeit kostet das Pendeln zwischen Wohnung und Arbeitsplatz. Dennoch entscheiden sich die meisten Menschen dazu, eine längere Arbeitsstrecke zu überwinden, statt den Wohnort zu wechseln. Ungefähr die Hälfte aller Beschäftigten in Deutschland wohnt und arbeitet in verschiedenen Orten, wie der DGB in einer Studie zur Mobilität in der Arbeitswelt herausstellt. Im Ruhrgebiet ist die Zahl der Ein- und Auspendler ausbalanciert – vor allem in Duisburg, Bochum, Dortmund, Essen und Wuppertal. Die Pendlerströme in die Ballungsgebiete sind hier eher als gering einzustufen. Im Vergleich zu anderen Großstädten stieg die Anzahl der sozialversicherten Beschäftigten in diesen Städten jedoch nur um die Hälfte an. Das zeigt, wie eng Mobilität und Arbeitsmarktbedingungen zusammenhängen. Darüber hinaus sind hier die Vollzeitstellen leicht zurückgegangen, während sie in anderen Großstädten eher gestiegen sind. Der öffentliche Personennahverkehr, ÖPNV, wird in diesen Ruhrgebietsstädten doppelt so häufig von Pendlern genutzt wie beispielsweise in Bremen oder Hamburg.

Aktuelle Forschungsergebnisse 

Laut Statistischem Bundesamt haben bundesweit 49 Prozent der Beschäftigten eine Strecke unter zehn Kilometern bis zur Arbeit, 27 Prozent fahren bis zu 25 Kilometer pro einfache Strecke und 17 Prozent überwinden eine längere Distanz. Auch wenn Pendler aus dem ländlichen Raum weitere Anfahrtswege haben, sind sie meistens zeitlich schneller am Arbeitsplatz als die Kollegen, die im Ballungsgebiet wohnen. Die Studie „Mobilität in Deutschland 2008“ hat ergeben, dass die Wahl des Verkehrsmittels u.a. davon abhängt, wie man die Erreichbarkeit des Zieles einschätzt. Geht es ums Einkaufen sowie um die Erreichbarkeit des Arbeits- oder Ausbildungsplatzes, schneidet der Pkw besser ab als die öffentlichen Verkehrsmittel. Allerdings: Je näher jemand an einer Haltestelle des öffentlichen Schienenpersonenverkehrs wohnt, umso positiver schätzt er auch die Erreichbarkeit des Zieles ein. 43 Prozent des Gesamtverkehrsaufkommens entfallen auf den sogenannten Umweltverbund, also auf öffentliche Verkehrsmittel und den nicht motorisierten Individualverkehr. Im Einzelnen: Neun Prozent fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln, zehn Prozent mit dem Rad und 24 Prozent gehen zu Fuß. Vor allem Menschen über 75 Jahre sind zu Fuß unterwegs. Öffentliche und nicht motorisierte Verkehrsmittel sind schwerpunktmäßig in den Kernstädten weit verbreitet. In Ballungsräumen fährt nur jeder Zweite mit dem Auto zur Arbeit, rund 31 Prozent sind mit Bus und Bahn unterwegs, mehr als die Hälfte von ihnen wiederum mit U- und Straßenbahnen.

Gründe und Konsequenzen

Die Gründe zu pendeln sind unterschiedlich: Die Kinder sollen nicht aus dem gewohnten Umfeld gerissen werden, es gibt in der Nähe des Arbeitsplatzes keine preiswerten oder geeigneten Wohnungen. Der Partner hat schlechte Chancen, an dem neuen Ort einen adäquaten Arbeitsplatz zu finden, oder das Pendeln wird beispielsweise aufgrund eines befristeten Arbeitsvertrages als Zwischenlösung angesehen, bis sich die berufliche Perspektive gefestigt hat. Das Pendeln selbst wird in der Regel zunächst von den Betroffenen unterschätzt. Stau, Bahnausfall, verpasste Anschlüsse – das stresst, sei es, dass man pünktlich zum Termin da sein möchte oder weil man abends noch die Kinder sehen will. Die Fahrtzeit muss von der Freizeit abgezogen werden, Aktivitäten mit der Familie und mit Freunden finden seltener statt oder werden geballt aufs Wochenende verlegt. Außerdem macht es einen Unterschied, ob man freiwillig pendelt, weil man sich beispielsweise den Traum vom Wohnen im Grünen erfüllt hat, oder ob man wegen eines Standortwechsels des Arbeitgebers gezwungen ist zu pendeln. Der „Gesundheitsreport“ der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2012 zeigt, dass Pendeln auf die Nerven geht. Zwar sind pendelnde Mitarbeiter unwesentlich seltener krankgeschrieben als wohnortnahe Kollegen. Aber Fehlzeiten aufgrund von psychischen Störungen sind bei Pendlern mit 2,2 Fehltagen häufiger als bei anderen Beschäftigten, bei denen es nur 1,9 Tage sind.

Flexible Arbeitszeiten stark gefragt

Privat- und Berufsleben zu vereinen, ist für Pendler eine Herausforderung, die oft mit Konflikten – im Unternehmen oder zu Hause – verbunden ist. Eine Umfrage des Direktversicherers Hannoversche zum Thema „Traumarbeitgeber“ zeigt, dass sich 53 Prozent der Mitarbeiter flexible Arbeitszeiten und 44 Prozent die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben von ihrem Arbeitgeber wünschen. An dritter Stelle steht der Wunsch nach einem höheren Gehalt als das branchenübliche. Auch der DGB schlägt als Lösung flexible Arbeitszeiten vor und dass die Beschäftigten ihre Arbeitszeit selbst mitgestalten sollten. Laut DGB haben nur 14 Prozent die Möglichkeit, kurzfristig Arbeit von zu Hause zu erledigen, dabei sollten sie über Lage und Dauer ihrer Arbeitszeit mitentscheiden können. Um die Belastung durch das Pendeln zu reduzieren, bietet sich vernetztes Arbeiten und Digitalisierung an. Pendelzeiten könnten als Arbeitszeiten gewertet werden, wenn der Mitarbeiter mit mobilen Endgeräten ausgestattet im Zug sitzt. Die Vernetzung bietet darüber hinaus auch bessere Möglichkeiten für den Mitarbeiter, von zu Hause aus arbeiten zu können. Ungefähr ein Drittel der Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern es unregelmäßig an, dabei würden gern 31 Prozent der Arbeitnehmer, die kein Homeoffice machen können, dies gerne tun. Von denen, die im Homeoffice arbeiten, schätzen 78 Prozent den Vorteil, so die Fahrzeiten zu sparen. Da beim Homeoffice aber auch die Trennung zwischen Arbeit und Privat wieder schwerer zu vollziehen ist, ist eine gemeinsame Gestaltung der Arbeitszeit sinnvoll. Mobile Arbeitszeiten sollten erfasst und vergütet sowie unter Beteiligung des Mitarbeiters die Zielvereinbarungen für die vereinbarte Zeit festgelegt werden. Als steuerfreie Arbeitgeberleistung kann sich der Arbeitgeber an den Fahrtkosten oder dem Jobticket bzw. der Bahncard beteiligen. Es lohnt sich, dem Pendler entgegenzukommen, sei es finanziell oder durch flexible Arbeitszeiten – am besten, bevor sich der genervte Mitarbeiter um einen neuen, näher gelegenen Arbeitsplatz bewirbt.

Karin Bünnagel | redaktion@regiomanager.de

Ausgabe 07/2016