Wachstumsstrategien: Nutzen Sie die Macht der Veränderung

Gesundes Unternehmenswachstum ist ein stetiger Veränderungsprozess. Die Firmen sollten sich daher immer wieder selbst auf den Prüfstand stellen und sich an äußere Begebenheiten sowie Entwicklungen anpassen.

(© Alexander Limbach – stock.adobe.com)
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Unternehmen, die wachsen, werden stärker. Tatsächlich? Der kürzlich verstorbene ehemalige DM-Chef Götz Werner hatte diese allgemeine Annahme als einen Irrglauben entlarvt. „Wer sich verändert, wird stärker“, lautete vielmehr seine Devise, die er mit seiner Drogeriekette bestens unter Beweis gestellt hatte. Das Wachstum sei dabei lediglich der äußere Ausdruck. Letztlich bedingen sich Wachstum und Veränderung gegenseitig. Mit dem Wachstum eines Unternehmens, so erklärte Werner einst in einem Interview mit dem Management-Radio, steige der Komplexitätsgrad. Das Unternehmen wachse einem sozusagen über den Kopf. Um sein Unternehmen dann weiterhin überschauen zu können, müsse man seine Bewusstseinsgrenze steigern. Damit meinte der Unternehmer nichts anderes, als dass man die Methode, wie man das Unternehmen führt, verändert. Laut Götz Werner kommt es dabei ganz wesentlich auf Eines an: mehr Unternehmer im Unternehmen zu haben, Menschen, die eigenständig erkennen können, auf was es ankommt, was zu tun ist.

Veränderte Führung nötig

Wie Unternehmensberaterin Susanne Grätsch, berichtet, ist genau dies einer der großen Stolpersteine beim Unternehmenswachstum: „Die Schwelle zu überwinden, an der Verantwortung dezentral verteilt werden muss, ist für viele Führungskräfte eine große Herausforderung“, so Grätsch, die seit rund 20 Jahren Veränderungsprozesse in Organisationen begleitet. Menschen falle es generell schwer, Kontrolle abzugeben und loszulassen. Viele Führungskräfte seien gerade deswegen in die Position gekommen, weil sie gut darin seien, Themen eigenverantwortlich zu managen. Daher sei das Abgeben eigener Verantwortung an die nächste Ebene für viele ein besonders schwerer Prozess. Der Widerstand der Menschen gegen Veränderungen wird laut Grätsch beim Unternehmenswachstum oftmals übersehen. Eine gute Kommunikation sei daher entscheidend. „Besonders wichtig ist, dass Führungskräfte und Mitarbeitende miteinander in Dialog treten“, erläutert Grätsch. „Lösungen sollten mit den Menschen erarbeitet werden, statt neue Prozesse anzuordnen.“ Betroffene zu Beteiligten zu machen sei der zielführende Weg. Das war auch die Empfehlung von Götz Werner: „Das Wachstum des Unternehmens muss getragen werden von der Initiative der Menschen vor Ort“, so seine Worte.

Bürokratische Strukturen abbauen

Dass Unternehmenswachstum Veränderungen nach sich zieht, zeigte übrigens schon in den 70er Jahren der US-amerikanische Ökonom Larry E. Greiner mit seinem Wachstumsmodell. Er unterscheidet darin sechs typische Phasen – die sogenannten Entwicklungsphasen. In der fünften Phase – der Kooperationsphase – ist ein Unternehmen Greiners Modell zufolge so weit gewachsen, dass es zu verkrusteten, bürokratischen Strukturen kommt. Die Entwicklung von Innovationen geht dadurch dann nur schleppend voran, was vielfach Unzufriedenheit im Betrieb hervorruft. Die Unternehmen müssen daher in der Kooperationsphase neue, flexiblere Strukturen und Prozesse schaffen. Das Ziel sollte sein, die Komplexität zu verringern, damit das Unternehmen im Wettbewerb überleben und weiterwachsen kann. Laut Susanne Grätsch brauchen Unternehmen in dieser Wachstumsphase einmal mehr eine funktionierende Kommunikation. „Es ist nötig, gemeinsam auf den Ist-Zustand zu blicken und einen Konsens zu finden, wo das Unternehmen sich hin entwickelt. Dabei sollte mit einem Auge auf die aktuelle Situation geschaut werden: Was braucht der Markt gerade, was ist erforderlich für die Umwelt im Moment?“, so die Beraterin. In diesem Zuge seien sämtliche Prozesse und Strukturen auf den Prüfstand zu stellen und gegebenenfalls anzupassen. Überschüssige Bürokratie müsse über Bord geworfen werden. „Wichtig ist, die nötige Flexibilität für lebenslanges Lernen zu schaffen – aufseiten der Führungsebene sowie seitens der Mitarbeitenden“, erläutert Grätsch. So schaffe man die Voraussetzungen für eine dauerhafte Optimierung und Anpassungsfähigkeit des Unternehmens.

Regenerationsphasen sind wichtig

Wie Götz Werner zu seinen Lebzeiten betonte, sei es wichtig, dass man sein Geschäft quasi jeden Tag neu erfinde. Zur gleichen Zeit sei es aber auch wichtig, sich innerlich stets zu regenerieren. „Es braucht immer wieder ein Innehalten“, ordnet Susanne Grätsch seine Worte ein. Das bedeutet, dass Wachstum in Schüben verlaufen sollte. „Zwischen Wachstumsphasen braucht es Phasen der Stabilisierung, damit das Unternehmen nicht aus dem Tritt kommt“, fährt die Beraterin fort. Insbesondere in diesen Phasen, aber auch insgesamt sei es zudem wichtig, immer wieder von der Metaebene auf das Unternehmen zu schauen. Das helfe dabei, Themen zu identifizieren, für die Lösungen noch ausstünden. „Diesen Blick aus der Metaperspektive heraus sollten Firmen zur Routine werden lassen“, so Grätsch.

Sich für Nachhaltigkeit öffnen

Auch bezogen auf die grundsätzliche Haltung ist es wichtig, das eigene Unternehmen immer wieder zu hinterfragen. Darauf macht Stefanie Peters, Gründerin und CEO von enable2grow, aufmerksam. Es komme darauf an, das richtige Mindset für Veränderung zu schaffen. „Dies ist schon allein deshalb wichtig, um junge Nachwuchskräfte, die durch das Wachstum hinzukommen, zu binden beziehungsweise um diese überhaupt zu gewinnen“, sagt sie. Denn den jungen Leuten seien ganz andere Werte wichtig als den älteren Generationen. Purpose – die Frage nach dem Sinn des eigenen und damit auch unternehmerischen Tuns – und Nachhaltigkeit sind ihrer Überzeugung nach für junge Talente wichtige Themen, denen sich die Unternehmen öffnen müssen. „Meine Empfehlung ist, sich damit auseinanderzusetzen, was am eigenen Geschäftsmodell nachhaltig ist und was noch nicht, und entsprechend ins Handeln zu kommen“, so die Expertin für unternehmerisches Wachstum. „Ansonsten werden die Unternehmen Schwierigkeiten bekommen, wenn sie neue Talente einstellen wollen.“ Und: Ein Wachstum wird unter diesen Bedingungen natürlich gebremst.
Ausgabe 02/2022