Parallelwelten: Verkanntes Vergnügen

Julia Dombrowski fragt sich: Hat Mobbing seinen schlechten Ruf überhaupt verdient?
Julia Dombrowski
Julia Dombrowski

Immer diese Vorurteile: Es gibt da so eine Mainstream-Meinung, nach der Mobbing angeblich etwas „irgendwie Ungutes“ sein soll. Ach ja? Und wieso sind es dann immer nur die unbeliebten Außenseiter, denen Mobben nicht gefällt? Allen anderen, die sich aktiv am Mobbing-Geschehen beteiligen, macht es doch schließlich Spaß! Allein das unerwartete Teambuilding: Kollegen, die sonst keinerlei Sympathien füreinander emfinden können, fühlen plötzlich, wie viel sie gemein haben. Sie brauchen nur ein gemeinsames Opfer und bauen von nun an Nähe zueinander auf. Eine blöde Betriebsweihnachtsfeier schafft das nicht! Und die Kreativität, die freigesetzt wird: Selbst die allergrößten Versager, die sonst gar nichts draufhaben, kommen mit einem Mal auf die originellsten Verstecke, in denen man die Unterlagen des Kollegen verschwinden lässt, wenn er sie gerade dringend benötigt. Wer sonst nichts kann, kann wenigstens immer noch Mobber werden!
Das ganze Leben ist ein Glücksspiel, und wer lässt sich nicht gerne von der Lottofee des Lebens überraschen? Denn Mobbing kann jeden und jede treffen; die Wahl fällt das Schicksal willkürlich in Verkörperung eines Mobs aus empathiebefreiten Kollegen. Ist das nicht spannend? Ja, ist es! Heute ist es noch Wolfgang aus der Buchhaltung, schon morgen kannst auch du es sein!
Und das Faszinierende an diesem aufregenden Volkssport: Es ist ein Trend, der immer beliebter wird. Damit schon die Jüngsten zum motivierten Nachwuchs herangezüchtet werden, wird das Mobbing auf Schulhöfen und in Klassenzimmern ungebremst gefördert. So ist sichergestellt, dass auf Täter- wie Opferseite schon ausreichend Erfahrung vorhanden ist, wenn die nächsten Generationen ihren Dienst im Berufsleben antreten. Mobbing ist eine Mode, die vor keiner Gruppierung haltmacht. Inzwischen können selbst hochrangige Bundespolitiker in ihrem
Facebook-Profil „Mobbing“ als ihr Hobby eintragen: „Pflegehinweise für das Kaninchen“ heißt das bekannt gewordene Papier, in dem beschrieben wird, wie eine Mitarbeiterin so lange mit allerlei launigen Methoden drangsaliert werden soll, bis sie freiwillig kündigt. „Kaninchen“, wie niedlich! Da wird die betroffene Frau aber rote Bäckchen vor Rührung bekommen haben, was für ein liebevoller Deckname für sie ausgesucht worden ist.
Denkt eigentlich jemand mal daran, was für eine Auszeichnung es genau genommen ist, endlich mal im Fokus der kreativen Bemühungen eines exklusiv für diesen Zweck gegründeten Teams zu stehen? Ja, vielleicht besteht der Preis dafür aus Angstzuständen, Depressionen, Magengeschwüren und Herzrasen, die nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch im privaten und familiären Umfeld zu sozialer Isolation führen können – aber nun ja: Wann schenken einem sonst schon so viele Menschen auf einmal Aufmerksamkeit? Offensichtlich ist es auch Konsens innerhalb der deutschen Wirtschaft, Mobbing als launiges Vergnügen für zwischendurch zu betrachten. Die wirtschaftlichen Schäden durch die Schikanen betragen nämlich mittlerweile jedes Jahr mehrere Milliarden Euro. In geschätzten 40 Prozent der Fälle geht Mobbing übrigens von den Vorgesetzten selbst aus. Tja, wenn man endlich mal richtig in seinem Element ist, ist einem nicht einmal der Schaden für das eigene Unternehmen zu teuer.

Julia Dombrowski I redaktion@revier-manager.de

Ausgabe 09/2016