Parallelwelten: Sortierung des Lebens

Julia Dombrowski hat von ihrer Oma gelernt, was heute in teuren Coachings gelehrt wird: Ordnung tut gut!
Julia Dombrowski
Julia Dombrowski

Meine Oma hatte ziemlich klare Rezepte für ein gutes Leben. Zum Beispiel: Wer immer frische Unterwäsche trägt, muss sich niemals schämen, wenn er nach einem Unfall im Krankenhaus entkleidet wird. Oder: Wer immer alles wegräumt, was er zuvor benutzt hat, ist ordentlich genug, um einen passenden Heiratskandidaten zu finden. (Sie hat es ein bisschen anders formuliert: „Räum auf, sonst findest du keinen Mann!“ Ihr Geburtsjahr entschuldigt ihre festgefahrenen Rollenbilder aber, denke ich.)

Aufräumen als Strategie


Ich weiß nicht, ob meine Oma sich hätte träumen lassen, dass es eines fernen Tages mal heißen würde: „Wer seinen Schrank entrümpelt, kann den Sinn des Lebens finden.“ Genau diese Worte habe ich kürzlich gelesen, und zwar nicht in einem esoterischen Ratgeber. Nein, so stand es in einem namhaften Wochenmagazin, das dieselben Leute abonnieren, die auch teuren Rotwein in der Toskana trinken und werktags junge Menschen in humanistischen Fächern unterweisen. Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens war meine Oma meines Wissens nie, aber hätte sie ihn gefunden, hätte er garantiert einen fest zugewiesenen Platz im Regal gehabt. Vielleicht säuberlich etikettiert wie ihre Einmachgläser und Marmeladen. Heute schreibt man dem Aufräumen große mentale Macht zu: Rückbesinnung aufs Wesentliche, meditative Wirkung, Sieg über das innere Chaos durch Beseitigung des äußeren … Ordnung scheint etwas so Kostbares geworden zu sein, dass sich in ausgiebigen Coachings zu ordnenden Strukturen viel Geld verdienen lässt. Sei es „Feng Shui fürs Büro“, die japanische Optimierungsphilosophie „Kaizen“ (das reimt sich nicht auf „Weizen“, sondern wird ungefähr „Kai-senn“ gesprochen), „Simplify your Life“ – oder wie auch immer sonst das Verkaufsprogramm hinter der Aufräum-Beratung heißen mag.

Ordnung ohne „Überbau“


Dieser komplexe Überbau, den die Lehren vermitteln, macht es spannend und irgendwie kompliziert zugleich: Die einen erklären, warum Papierstapel auf dem Schreibtisch Ängste auslösen. (Bei einem Papierberg, sagen sie, verbirgt sich irgendwann das Ungewisse im Innern und lauert dort.) Die anderen sagen, dass Kreative mit einem überquellenden Schreibtisch „aus dem Vollen schöpfen wollen“ und ihre Schöpfungskraft dabei unweigerlich ausbrennt, weil sie die Kontrolle verlieren. Wieder andere wollen wissen, dass genau so viel Chaos, wie auf dem Arbeitsplatz herrscht, auch im Innern des Arbeitenden wartet. Das ist alles aufschlussreich, aber ich weiß, wie meine Oma reagiert hätte, wenn sie sich solche Vorträge hätte anhören sollen: Sie hätte abgewunken und „Tinnef“ dazu gesagt. Ihre Einstellung war pragmatisch und ganz ohne Überbau: Wenn man das Leben schön ordentlich hält, dann fügt sich alles, wie es zu sein hat. Als Philosophie hat ihr das genügt. Es gibt eine Legende von einem Abteilungsleiter, der bei seinen Kontrollgängen durch die Schreibtischreihen im Großraumbüro stets sehr pikiert auf aufgeräumte Schreibtische reagiert haben soll. Seiner Meinung nach war fehlendes Durcheinander ein Beweis dafür, dass an diesem Tisch noch nicht gearbeitet worden sei. Deshalb legten sich alle Untergebenen ein Grundchaos als Attrappe auf ihrem Tisch zu, der jederzeit Fleiß demonstrieren konnte. Viel mehr als die Frage, was Feng-Shui-, Kaizen- oder Simplify-Berater diesem Chef zu sagen gehabt hätten, würde mich ja interessieren: Was hätte meine Oma ihm wohl um die Ohren gehauen? Es wäre vermutlich ziemlich wirkungsvoll gewesen.

Julia Dombrowski | redaktion@revier-manager.de

Ausgabe 08/2016