Gebäudedienstleister: Wichtiger denn je

Die Reinigungsbranche in 2020 wird sichtbarer, digitaler – und in Zeiten der Corona-Pandemie dringend gebraucht. Deutschlands beschäftigungsstärkstes Handwerk sucht weiter Fach- und Arbeitskräfte und setzt auf den Trend „Daytime-Cleaning“.
(Foto: ©natali_mis – stock.adobe.com)
(Foto: ©natali_mis – stock.adobe.com)
Corona-Viren überstehen bis zu 72 Stunden auf Oberflächen – und machen damit vor allem Räume und Gebäude mit viel Publikumsverkehr zu einer Gefahr. „Gebäudereinigungsunternehmen sind ein zentrales Glied in der Kette, mit der eine weitere Ausbreitung der Corona-Viren in Deutschland bekämpft werden“, sagt Christopher Lück, Geschäftsführer im Bereich Politik und Kommunikation beim Bundesinnungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks. „Durch eine hygienische und professionelle Reinigung lassen sich die Risiken in Meetingräumen und sanitären Anlagen erheblich reduzieren.“

Corona-Krise zeigt, wie systemrelevant Gebäudereinigung ist

„Es gibt tatsächlich aktuell eine erhöhte Nachfrage nach verstärkten Hygiene-Maßnahmen und Beratung wegen Corona“, berichtet Kommunikationsleiter Lück. Kunden wünschen häufigere Reinigung, verstärkte Desinfektion sensibler Stellen wie Tür- oder Fensteröffner. „Das Bewusstsein dafür, wie wichtig Hygiene für die Gesundheit ist, steigt gerade gesamtgesellschaftlich“, sagt Lück. „Das ist zur Bewältigung der gesundheitlichen Krise gut und wichtig, aber auch längerfristig für unsere Branche.“ Denn: „Es macht noch einmal deutlich, wie systemrelevant Gebäudereinigung ist.“ Die ist zwar mit fast 700.000 Mitarbeitern das beschäftigungsstärkste Handwerk im Land, „generell kämpfen wir aber immer noch mit einem schlechten Image“, sagt Christopher Lück. „Mit mal eben den Besen schwingen ist der Job in unserer Branche aber nicht getan. Die Corona-Krise macht den Wert und die Relevanz dieser Arbeit sichtbar.“ Im Bereich Krankenhaushygiene haben ebenfalls viele Unternehmen Zusatzaufträge. Und dennoch: „Auch uns droht eine wirtschaftliche Krisensituation“, sagt Lück. „Wo gearbeitet wird, wird gereinigt.“ So bringt der Bereichs-Geschäftsführer den Auftragsmotor auf den Punkt. „Wenn Veranstaltungen abgesagt werden und Unternehmen und Behörden ihre Mitarbeiter ins Homeoffice schicken, wird den Dienstleistern auch abgesagt.“

Branche ist weiter auf Wachstumskurs: Die Zahl der Unternehmen steigt

Für die überwiegend kleinen und mittelständischen Unternehmen der Branche eine harte Herausforderung, wissen die Verantwortlichen des Bundesverbandes, der von Berlin aus als Arbeitgeber- und Dachverband die Interessen seiner rund 2.500 Mitgliedsunternehmen vertritt. Betriebe mit weniger als 500.000 Euro Jahresumsatz machen mit etwa 80 Prozent den Hauptteil der Branche aus, die mittlere Umsatzklasse zwischen 500.000 und fünf Millionen Euro Jahresumsatz machen etwa 17 Prozent der Unternehmen aus. Die Branchenriesen hingegen sind gerade mal zwei Prozent aller Unternehmen, machen aber über 46 Prozent des Branchenumsatzes aus. Insgesamt steigt die Zahl der Reinigungsunternehmen seit Jahren stetig: 24.606 gab es in 2019; so die neuesten Zahlen. Alle zusammen erwirtschaften aktuell einen jährlichen Umsatz von fast 20 Milliarden Euro und bieten Arbeitsplätze für knapp 700.000 Menschen. Und sie sind weiter auf Wachstumskurs.

Berufsbilder werden immer ausdifferenzierter

„Es ist eine Branche im Wandel“, betont Christopher Lück. Der Markt der Gebäudereinigung ist bei gewerblichen Kunden fast ausgelastet: Diese haben zu knapp 80 Prozent die Reinigung ihres laufenden Betriebes an professionelle Gebäudedienstleister ausgelagert. Im Bereich Glas- und Fensterreinigung sogar zu 92 Prozent, zeigt eine Marktstudie im Auftrag des Bundesinnungsverbandes. „Deshalb haben sich auch so viele Unternehmen Innovationen und Nischen einfallen lassen“, sagt Lück. Hol- und Bringservice z.B. für Textilien, inklusives Management von Kantinen- und Grünflächenbereichen. „Die Berufsbilder werden immer ausdifferenzierter“, so Lück. „Von der Reinigung von Computerchips oder hoch spezialisierter Industrieanlagen bis zu einem nachhaltigen Reinigungsbetrieb auf Kulturveranstaltungen bietet die Branche sehr unterschiedliche Jobs und erfindet sich ständig neu.“

Im Trend: Daytime-Cleaning

Ein kommender und für die Branche sehr wichtiger Trend ist das Daytime-Cleaning: Statt in den frühen Morgen- oder in den Abendstunden wird tagsüber gereinigt. Für die Auftraggeber hat das den Vorteil, dass Arbeitsstätten, Büros und Konferenzräume auch im laufenden Betrieb im frischen Glanz erstrahlen und dass z.B. auf Verschmutzungsvorfälle mitten am Tag professionell reagiert wird. Es gibt aber auch Herausforderungen wie beim Datenschutz oder bei eventuell störenden Geräuschen durch Reinigungsgeräte. „Es ist eine andere Art der Arbeitsorganisation und Absprache erforderlich“, sagt Christopher Lück. „Für einen Imagewandel des Berufes ist es aber auch ganz wichtig, dass die Reinigungskräfte sichtbarer werden.“ Und dass die Branche attraktivere Arbeitszeiten bieten kann: „Unsere Unternehmen sind ständig auf der Suche nach Fachkräften und überhaupt Arbeitskräften“, sagt Lück. „Mit Daytime-Cleaning können sie mehr Menschen für sich überzeugen, da es viel einfacher ist, Eltern und vor allem Alleinerziehenden ein Arbeitsangebot zu machen, das zu ihrem Alltag passt.“ Fachkräfte und Auszubildende machen etwa zehn Prozent der Angestellten in der Branche aus. Ein Drittel arbeitet als Minijobber. Die geringfügige Beschäftigung sieht der Bundesinnungsverband kritisch. „Wir finden es politisch falsch, geringfügige Beschäftigung zu fördern, wir würden Menschen auch in Teilzeit beschäftigen“, sagt Lück. Zumindest müsste nun die Obergrenze von 450 Euro dynamisiert werden, „schließlich haben sich die Tarife erhöht, jetzt müssen die Arbeitszeiten in bestimmt 100.000 Verträgen angepasst werden“, sagt Christopher Lück. „Ein enormer bürokratischer Aufwand.“

Auf dem Weg in die digitale Zukunft

Zeit und Energie, die Unternehmer lieber in den Wandel stecken möchten. „Die Zukunft der Gebäudereinigung ist digital“, schreibt auch die Bundesagentur für Arbeit in ihrem Webauftritt zur Berufsinformation. Autonome Reinigungsroboter, Büro- und Sanitärräume, die selbst melden, wann sie gereinigt werden müssen und damit Reinigung „on demand“ ermöglichen, Drohnen zur Reinigung von Fassaden und Schiffsrümpfen: „Für Fachkräfte werden sich durch den Einsatz dieser Technik Arbeitsorganisation und Arbeitsausführung ändern, für Führungskräfte wird die Entscheidung für oder gegen Investitionen auf diesem Gebiet anstehen“, schreiben die Analysten bei der Arbeitsvermittlung. Tatsächlich hat sich bereits die duale Ausbildungsordnung in der Branche verändert. „Smart Cleaning ist aber in 90 Prozent der Bestandsgebäude gar nicht oder nur eingeschränkt möglich“, sagt Christopher Lück. „Einen fünfstöckigen Altbau können Sie gar nicht mit einem Roboter reinigen, das geht in Turnhallen, Einkaufszentren und in Neubauten, für die es ja durchaus den Trend zum Smart Building gibt.“ Diese Art der Digitalisierung komme in den nächsten Jahren und Jahrzehnten. „Das testen aktuell aber die Großen aus, denn für den Mittelstand sind es auch sehr teure Investitionen, die aktuell auch gar nicht drängen.“

Digitale Prozessoptimierung

Digitalisierung sei dennoch das Zukunftsthema, an dem sich alle beteiligen. „Die ganze Branche entwickelt sich bei der digitalen Prozessoptimierung“, sagt Lück. Das bedeutet konkret: Es wird digital erfasst, wann und wie viel gereinigt wird und wie das Personal optimal eingesetzt werden kann. „Das macht unsere Branche auch nachhaltiger im Sinne von Umweltschutz, weil auch so bedarfs- und damit ressourcenorientierter gearbeitet wird.“ Durch die Digitalisierung entstehen neue Berufsbilder. „Automatisierung ist keine Bedrohung, auch Programme und Maschinen müssen bedient und gewartet werden“, sagt Lück. „Die Reinigungsbranche ist eben ein dynamisches Feld, das auch lebenslanges Lernen bedeutet.“ Und weiter für alle offen ist, betont der Geschäftsführer für Politik und Kommunikation. Mindestens ein Viertel der Beschäftigten habe eine Migrationsgeschichte, viele Betriebe bemühten sich auch um die Beschäftigung von Geflüchteten. Auch Schulabbrecher und Langzeitarbeitslose bekommen in der Branche eine Chance. „Hier kann man von unten aufsteigen“, sagt Lück. „Jeder kann sich weiterentwickeln.“ Das Diversity-Management der sehr unterschiedlichen Beschäftigten habe Herausforderungen, „aber die Geschäftsführungen im Mittelstand haben hier seit jeher viel Erfahrung und begegnen ihnen sehr positiv“, berichtet Lück von den Rückmeldungen zum Thema. Fachkräfte und überhaupt Arbeitskräfte würden in der Branche stark nachgefragt. Es gibt einen Branchenmindestlohn von 10,80 Euro pro Stunde, bei Glas- und Fensterreinigung liegt er bei 14,10 Euro. „Außerdem gibt es diverse Zuschläge, 30 Tage Urlaub und Aufstiegschancen in einer Branche mit Zukunft.“ Miriam Bunjes | redaktion@regiomanager.de

INFO

Im Jahr 2019 gab es 24.606 Unternehmen in der Reinigungsbranche, im Vergleich zu 2018 sind das vier Prozent mehr. Der Zehnjahrestrend zeigt, wie stark sich die Branche in Deutschland entwickelt hat: Seit 2009 ist die Zahl der Unternehmen um 60 Prozent gewachsen. Quelle der Zahlen ist die Handwerkszählung des Statistischen Bundesamtes. Absolute Zahlen stehen für den Sektor nur bis 2014 zur Verfügung. Ab 2015 wird auf Basis von Indexzahlen hochgerechnet. Die Zahl der Beschäftigten in der Reinigungsbranche liegt für 2019 noch nicht vor. 2018 arbeiteten 673.889 Menschen in Deutschlands beschäftigungsstärkstem Handwerk. Das sind ein Prozent weniger als in 2017, im Zehnjahresvergleich ist die Zahl der Beschäftigten in Deutschland aber um 23 Prozent gewachsen. Auch der Gesamtumsatz der Branche wächst kontinuierlich und geht stetig auf die 20-Milliarden-Grenze zu. In 2019 lag er bei 19,7 Milliarden Euro, 2018 bei 18,8 Milliarden Euro. Zum Vergleich: In 2009 lag er noch bei 11,2 Milliarden Euro. Damit liegt der deutsche Reinigungsmarkt vom Volumen her in Europa ganz klar an der Spitze vor Frankreich, Italien, Großbritannien und Spanien. Der aktuelle Trend-Report über den europäischen Reinigungsmarkt des Dachverbandes der Reinigungsindustrie, EFCI, nennt als Kennzahlen 270.000 Betriebe mit 3,8 Millionen Beschäftigten. Der Umsatz dieser Betriebe in Europa liegt bei 107 Milliarden Euro und wird zu 69 Prozent von den Top-5-Ländern erwirtschaftet.
Ausgabe 02/2020