Aufzugsservice: Wertschöpfung im Service

Viele kleine und mittlere Unternehmen der Aufzugbranche setzen ihren Schwerpunkt nicht in die Neu-Installation, sondern in die Betreuung und Wartung errichteter Aufzüge.
Wartung, Modernisierung, Reparatur: Aufzugdienstleister sind im, am und auf den Anlagen tätig (Foto: © kadmy – stock.adobe.com)
Wartung, Modernisierung, Reparatur: Aufzugdienstleister sind im, am und auf den Anlagen tätig (Foto: © kadmy – stock.adobe.com)
Für die deutsche Aufzugbranche geht es derzeit stetig nach oben: „Die Auftrags- und Ertragslage ist gut bzw. sehr gut. Lieferzeiten von über einem Jahr sind nicht selten“, sagt Udo Niggemeier von der Vereinigung mittelständischer Aufzugsunternehmen, kurz VmA, und zählt verschiedene Ursachen auf: Im Zuge des Baubooms der 70er-Jahre seien auch viele Aufzüge entstanden. Eine Modernisierung habe jedoch in den letzten Jahrzehnten nur begrenzt stattgefunden. „Diese Anlagen sind nun alle in die Jahre gekommen und müssen modernisiert werden.“ Gleichzeitig sei der Markt für Aufzüge stark gewachsen: „Waren früher Aufzüge erst ab der siebten Etage nötig, so wird heute schon aber der zweiten vermieteten Etage ein Aufzug als Standard angesehen.“ Hinzu kommen laut Niggemeier Nachrüstungen bei bestehenden Gebäuden, um die oberen Etagen vernünftig vermieten zu können. Als weitere Ursache nicht zu vergessen: die starke Baukonjunktur durch die Niedrigzinsphase.

Rund 700.000 Anlagen

Um den deutschen Aufzugmarkt zu verstehen, sollte man sich, so der Verbands-Vize, die Verteilung der Aufzüge auf Instandhaltungsbetriebe ansehen. Der Markt umfasse rund 700.000 Anlagen – vom Hochhausaufzug bis zum Speiseaufzug in der Gastronomie. Gut 60 Prozent dieser Anlagen würden durch die „Big 4“ betreut; gemeint sind „Kone, Thyssen, Schindler und OTIS“. Um weitere 20 Prozent kümmerten sich deutschlandweit tätige Mittelständler. „Die restlichen 20 Prozent werden von rund 300 regional tätigen Unternehmen mit maximal 100 Mitarbeitern betreut“, so Udo Niggemeier. Gerade den KMU falle es immer schwerer, geeignete Facharbeiter zu finden, um die bestehenden Aufträge kurzfristig und fachgerecht durchzuführen. „Hauptthema der Branche ist der Fachkräftemangel“,sagt auch Jörn Wittig, Geschäftsführer der GAT (Gemeinschaft Aufzugstechnik eG). Dies gelte insbesondere im Bereich des Service und der Montage. Als ganz großes Manko in diesem Zusammenhang sieht er die Tatsache, dass Aufzugsmonteur kein Ausbildungsberuf ist, „obwohl hier an überwachungspflichtigen Anlagen gearbeitet wird“. Damit fehlten die Attraktivität und eine formale Entwicklungsperspektive.

Vernetzte Technik

Demgegenüber stehen laut Wittig die kommenden Entwicklungen in der Digitalisierung der Aufzugsanlagen. „Vernetzungen der Komponenten, wie Steuerung, Antrieb und Türen, sind heute schon Praxis. In der Zukunft geht es aber um komplexe Vernetzungen der Gebäudeautomation und der vorbeugenden Instandhaltung. Das stellt einerseits neue Anforderungen an das Service- und Wartungspotenzial und bietet andererseits neue Optionen und Geschäftsfelder für die Aufzugsunternehmen und Betreiber.“ Zurzeit werde die Wartung noch in festen Zeitabständen gemacht, ergänzt Udo Niggemeier. „In der Zukunft sollen die Aufzüge elektronisch überwacht und Instandhaltungsarbeiten durchgeführt werden, wenn bestimmte Parameter sich ändern.“ Die Herausforderungen im Mittelstand sind, auch ganz allgemein betrachtet, die „enge Verknüpfung mit den Komponentenherstellern“, betont GAT-Chef Jörn Wittig. Denn im Unterschied zur Industrie kämen Einzelkomponenten wie Antriebe, Türen oder Steuerungen im Regelfall nicht aus einem Haus. „Hier werden interdisziplinäre Standards und Absprachen zwischen den Herstellern notwendig.“ Es gebe bereits gute Ansätze und auch Lösungen in dieser Richtung.

Nachrüstungen bis Ende 2020

Wichtig für alle Betreiber laut VmA: Vor gut zwei Jahren wurde die letzte Änderung der Betriebssicherheitsverordnung verabschiedet. Darin werden den Betreibern eine Aufzuganlage-Pflicht zum Betrieb aufgelegt. „Jeder Betreiber ist verpflichtet, diese zu kennen und zu erfüllen. Am Markt ist allerdings zu beobachten, dass viele Betreiber nicht wissen, welche Pflichten sich ergeben“, berichtet Udo Niggemeier. Unter anderem gibt es eine Nachrüstverpflichtung für alle Aufzüge bis 31. Dezember 2020 für ein Fernnotrufsystem. „Das heißt, vom Fahrkorb aus kann ich eine Sprechverbindung zu einer ständig besetzten Stelle aufbauen und Hilfe anfordern.“ Zurzeit sei davon auszugehen, dass gut ein Viertel aller Anlagen dieses System noch nicht haben. Anders ausgedrückt: Bis Ende 2020 sind ungefähr 150.000 Aufzüge noch mit einem Fernnotruf auszustatten. „Seitens der Ordnungsbehörde ist zu hören, dass Anlagen, die am 1. Januar 2021 keinen Fernnotruf haben, abgeschaltet werden. Jedem Betreiber, der noch nicht entsprechend nachgerüstet hat, ist also dringend zu raten, dies umgehend in Angriff zu nehmen.“

Stabile Preise

Wie sieht es in der Preisentwicklung aus? „Betrachtet man die Preise für die Anschaffung, so lässt sich feststellen, dass diese in den vergangenen zehn bis 20 Jahren kaum gestiegen sind“, sagt Udo Niggemeier. Es könne günstiger gefertigt werden. „Betrachtet man dagegen den Preis für den Betrieb einer Anlage, so wird man sehen, dass sich dieser binnen weniger Jahre mehr als verdoppelt hat. Die Wertschöpfung in der Aufzugbranche findet also zum Großteil in der Betreuung und in der Modernisierung statt.“ „Für die Aufzugbetreiber werden die selbstständigen Betriebe weiterhin eine gute Lösung im fairen Wettbewerb bleiben“, ist Jörn Wittig überzeugt. „Flexibilität, direkte Ansprechpartner und individuelle Einzellösungen sind sicher Vorteile gegenüber der Industrie.“ Beide, Wittig wie Niggemeier, heben die Bedeutung „marktoffener Systeme“ hervor. Diese werden heute schon, beispielsweise im Rahmen eines altersbedingten Komponentenwechsels, durch unabhängige Betriebe neu in bestehende Anlagen eingebaut. „Durch die ,Big 4’ werden Anlagen auf den Markt gebracht, die geschützte Steuerungssysteme enthalten, für die man wiederum im Rahmen der Instandhaltung Herstellerwerkzeug benötigt“, erläutert Udo Niggemeier den Hintergrund aus VmA-Sicht. Hierzu gebe es Bestrebungen der Interessenverbände, „einen offenen Wettbewerb ähnlich dem Kfz-Bereich zu erreichen“. Daniel Boss | redaktion@regiomanager.de

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Ausgabe 03/2019