Abbruch: Trend geht zum Recycling

Die Abbruchbranche setzt auf Kreislaufwirtschaft – und kritisiert verpasste Chancen durch die Politik.
Kreislaufwirtschaft: Von dem jährlich in Deutschland anfallenden mineralischen Bauschutt werden laut DA mehr als 75 Prozent recycelt (Foto: Deutscher Abbruchverband)
Kreislaufwirtschaft: Von dem jährlich in Deutschland anfallenden mineralischen Bauschutt werden laut DA mehr als 75 Prozent recycelt (Foto: Deutscher Abbruchverband)
Aufbereitung ist das Megathema in der Branche: „Von dem jährlich in Deutschland anfallenden mineralischen Bauschutt – übrigens der größte Abfallstrom, der in Deutschland anfällt – werden über 75 Prozent recycelt“, sagt Andreas Pocha, Geschäftsführer des Deutschen Abbruchverbands, kurz DA, mit rund 800 Mitgliedsunternehmen. Die Förderung der Kreislaufwirtschaft und der verstärkte Einsatz von Sekundärrohstoffen in Deutschland stehen ganz oben auf der politischen Agenda des Verbands. Das im vergangenen Oktober vom Bundestag verabschiedete novellierte Kreislaufwirtschaftsgesetz verpasst allerdings, so Pocha, „leider die Chance, bessere Voraussetzungen für einen stabilen Absatzmarkt für Recyclingbaustoffe zu schaffen. Trotz des politischen Bekenntnisses zu einer deutlichen Stärkung des Recyclings und der Ressourceneffizienz wird das novellierte Gesetz trotzdem dazu führen, dass gütegesicherte und zertifizierte Recyclingbaustoffe weiterhin unattraktiver Abfall und somit gegenüber Primärbaustoffen nur zweite Wahl bleiben. Baustoffrecycling braucht mehr als nur guten Willen.“ Zudem fehle eine eindeutige Festschreibung der abfallrechtlichen Verantwortung des Bauherrn. „Damit wird weiterhin darauf verzichtet, bereits in der Planungsphase ein kosten- und ressourceneffizientes Entsorgungskonzept mit einer möglichst hohen Baustoffrecyclingquote festzulegen.“ Ein wachsendes gesellschaftliches Bewusstsein ist jedenfalls zu beobachten, wie die wachsende Verwendung von Schlagwörtern wie „Urban Mining“ oder „Cradle to Cradle“ belegt. Durch Corona scheinen die Trends zwar medial in den Hintergrund gerückt zu sein, verschwinden werden sie aber nicht mehr.

Krise aktuell kaum spürbar

Die wirtschaftlichen Pandemie-Folgen sind auch für die boomverwöhnte Abbruchbranche nicht absehbar. Hier bewahrheitet sich für Andreas Pocha letztendlich ein Spruch, der Mark Twain zugeschrieben werde: „Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.“ Die Annahmen reichen von einer unverändert guten Auftragslage bis zu einem bemerkbaren Rückgang privater Aufträge und öffentlicher Ausschreibungen. Bislang ist der Baubereich kaum von der Corona-Krise betroffen. Und das gilt auch für das Gewerk, das oft als Erstes auf der Bildfläche erscheint: die Platzschaffer mit den Abrissbaggern. „Von den in anderen Branchen anzutreffenden Massenentlassungen oder Kurzarbeit im großen Stil ist die Abbruchbranche bislang verschont geblieben“, sagt Pocha. Im Großen und Ganzen liefen die Baustellen nahezu reibungslos weiter; und auch die Rechnungen würden meist fristgerecht gezahlt. Klar ist: In den vergangenen Jahren haben die Abbruchspezialisten von Rahmenbedingungen wie Nullzinspolitik, billiges Geld, Flucht ins Betongold et cetera profitiert. Und da es politischer Wille sei, den Flächenverbrauch in Deutschland weiter einzudämmen, entstünden viele Neubauten erst, wenn ein altes Gebäude an derselben Stelle zuvor abgebrochen worden sei“, so Pocha. Auch marode Brücken – Duisburg und Leverkusen lassen grüßen – sorgen weiterhin für positive Impulse in der Branche. Mit Blick auf die Kennzahlen verweist der DA auf Erhebungen des Statistischen Bundesamts. Demnach wurden für das Jahr 2017 fast 2.000 Abbruchbetriebe mit rund 16.000 Beschäftigten gezählt. Für das Jahr 2016 lag der ermittelte Umsatz (ohne Umsatzsteuer) bei mehr als 1,9 Milliarden Euro. Das Jahr 2019 weist schon fast 2.300 Abbruchbetriebe mit rund 20.000 Beschäftigten auf. Für das Jahr 2018 lag der ermittelte Umsatz bei mehr als 2,6 Milliarden Euro – ein beachtliches Wachstum.

Sprung bei der Ausbildung

Ein ebenfalls großer Sprung aus Branchensicht wurde zuletzt im Bereich Ausbildung gemacht: Im August wurden die Urkunden an die allerersten sieben „Geprüften Meister für Abbruch und Betontrenntechnik“ überreicht. Damit hat seinen Abschluss gefunden, was 2004 mit der Schaffung des dreijährigen Ausbildungsberufs ,Bauwerksmechaniker/-n für Abbruch und Betontrenntechnik’ begann. „Zusammen mit den Aufstiegsfortbildungen zum Vorarbeiter und ,Werkpolier Abbruch’ sowie dem dualen Studium gibt es in der Abbruchbranche mittlerweile ein rundum stimmiges Paket von branchenbezogener, staatlich anerkannter Ausbildung mit anschließenden Aufstiegsmöglichkeiten“, freut sich der DA-Geschäftsführer. „Heute kommen in der Abbruchbranche Spitzentechnologien zum Einsatz, die gut ausgebildete Planer, Bauleiter, Maschinenführer und Facharbeiter verlangen. Statische Grundkenntnisse, Materialkenntnisse und das Wissen um die Vorschriften der Abfallentsorgung und der Wiederverwertung kommen bei der verantwortungsvollen Tätigkeit der Abbruchfachleute hinzu.“ Know-how ist mehr denn je gefragt, denn aufgrund der Fortschritte in der Bautechnik stellt sich der Abbruch- und Rückbauprozess heute oft deutlich komplexer dar als früher. „In die vormals einfachen Gebäudekonstruktionen, die hauptsächlich aus Beton, Ziegeln und mineralischen Komponenten gebaut waren, fanden immer mehr spezielle, für ihren Bereich optimierte Baustoffe ihren Weg“, erklärt Andreas Pocha. Problematisch an dieser Entwicklung sei, dass oft erst Jahre später Erkenntnisse über die Gefährlichkeit von Baustoffen wie beispielsweise Asbest, KMF oder schwermetallhaltige Anstriche gewonnen würden. „So hat sich z.B. durch den verstärkten Einsatz von Verbundwerkstoffen, Leichtbaustoffen, chemischen Bauzusatzstoffen, Klebern et cetera die Gebäudezusammensetzung geändert und wird sich zukünftig noch weiter verändern.“ Daniel Boss | redaktion@regiomanager.de
Ausgabe 05/2020