Konstruktiv-kreativ

Metallkonstruktionen haben einen hohen Stellenwert in der modernen Architektur. So sind Metallbaubetriebe heute viel gefragte und hochprofessionelle Dienstleister.
Der kommunale Offshore-Windpark nordwestlich von Borkum ist seit September 2015 am Netz (Foto: Trianel)
Der kommunale Offshore-Windpark nordwestlich von Borkum ist seit September 2015 am Netz (Foto: Trianel)
Schlosser und Schmied sind zwei der ältesten Handwerksberufe der menschlichen Gesellschaft. Bereits seit der Antike bauten sie Schlösser für Türen, Tore und Truhen, Beschläge oder Türgriffe, aber auch kunstvolle Metallzäune für die großen Parks der Fürsten und Könige. Die Festigkeit und Formbarkeit des Werkstoffs Metall war schon früh ein wichtiges Argument für seine Verwendung. In der vorindustriellen Zeit wurden Metalle jedoch selten konstruktiv eingesetzt, sondern eher für Verzierungen und die Sicherung der Gebäude gegen Unbefugte. Die künstlerische Formung von Tür- und Fenstergittern oder Zäunen war dabei vor allem die Arbeit von Kunstschmieden, während Schlosser sich um Schlüssel und Schloss kümmerten, woher ja auch ihre Berufsbezeichnung stammt. Durch die Industrialisierung änderten sich die Berufsbilder in der Metallbearbeitung grundlegend. Neben die oftmals kunsthandwerklichen Tätigkeiten im Baubereich traten Metallarbeiten rund um die Maschine. Der Schwerpunkt der Bauschlosserei verlagerte sich vom Dekorativen zum Konstruktiven. Das tragende Gerüst der neuen Fabriken, Bahnhöfe und Eisenbahnbrücken bestand jetzt aus Eisen und Stahl, was vor allem durch neue kostengünstige Gussverfahren ermöglicht wurde – bis später vermehrt Walzstahl zum Einsatz kam. Eisen und Stahl waren die Werkstoffe des Industriezeitalters.

Konstruktive Lösungen


Auch heute werden Metalle für die unterschiedlichsten Bauaufgaben verwendet: Treppen und Geländer, Türen und Tore, Vordächer, Carports, Wintergärten, Balkone und Notausstiege, bis hin zu Brücken und Stegen aller Art – und die Liste ist noch lange nicht vollständig. Die Arbeitsgebiete der Metallbauer sind inzwischen so vielfältig wie ihre konstruktiven Lösungen. Dabei werden neben Stahl oft auch Aluminium oder Werkstoffverbünde eingesetzt, beispielsweise mit Kunststoffen oder Holz bei Fenstern und Türen. Entscheidend für die Materialwahl ist, welche Anforderungen an die jeweilige Konstruktion gestellt werden. Ist das Bauelement Wind und Wetter ausgesetzt oder befindet es sich in einem Innenraum? Welche statischen Belastungen muss es tragen? Treppen, Bühnen und Stege z.B. werden sehr häufig aus Stahl konstruiert, da dieser Werkstoff über eine besondere Festigkeit verfügt und sich, entsprechend dimensioniert, auch bei schweren Belastungen nicht verformt. Bei Wintergärten dagegen wird Stahl selten eingesetzt, da er keine isolierenden Eigenschaften hat. Hier sind Aluminiumprofile mit ihrer hohen Tragfestigkeit bei geringem Gewicht häufig erste Wahl, während bei kleineren Glasbauten oft Kunststoff als kostengünstige und pflegeleichte Lösung bevorzugt wird. Ein weiterer häufiger Einsatzort von Stahlkonstruktionen ist heute der Industrie- und Gewerbebau, sowohl für Tragwerke als auch für Wandverkleidungen. Der Werkstoff ermöglicht die Realisierung großer Spannweiten und ist zugleich sehr anpassungsfähig für unterschiedlichste Nutzungen und Funktionen. Auch für Brückenbauwerke aller Größen – vom kleinen Fußgängersteg bis zur großen Straßenbrücke – wird Stahl gerne verwendet. Auch hier spielt die Festigkeit eine große Rolle. Dazu kommt die erhebliche Flexibilität bei Umbauten und Zweckänderungen.

Ästhetik, Konstruktion und fundierte Ausbildung


In der modernen Architektur werden Metalle aber nicht nur aus konstruktiven Gründen verwendet. Die Ästhetik spielt für viele Bauherren bei der Materialauswahl eine wichtige Rolle. Tragfähige und witterungsbeständige Konstruktionen, die zugleich wunderbar filigran wirken, sind nur dank moderner Stahlbautechnik möglich. Ohne die meisterhafte Beherrschung dieses Werkstoffs wäre die heutige Baukunst um einige Ausdrucksmöglichkeiten ärmer. Man denke nur an die großen, lichtdurchfluteten Hallen von Flughäfen oder Bahnhöfen oder an elegante Fassadenverkleidungen moderner „Wolkenkratzer“. Aber auch kleine Metallkonstruktionen haben oft einen hohen ästhetischen Reiz. Dafür gibt es viele gelungene Beispiele vom Carport bis zum Stahlbalkon. Das ist auch ein gewichtiges Argument für den Einsatz von Metallbauten im Bestand, und zwar oft auch bei Bauten mit historischem Wert. Trotz der unleugbar großen Bedeutung der Ästhetik hat der Beruf Bauschlosser heute einen konstruktiven Schwerpunkt. Seit der Neuordnung der Handwerksberufe im Jahr 1989 heißt der Ausbildungsberuf offiziell „Metallbauer - Konstruktionstechnik“. Die angehenden Konstruktionstechniker bekommen während ihrer Ausbildung Fertigkeiten und Kenntnisse in der ganzen Breite ihres späteren Berufs vermittelt, arbeiten am Computer und auf der Baustelle. Sie erlernen die für die Bedienung moderner Maschinen notwendige Präzision genauso wie Schweißen, Schrauben und Schleifen. Die Ausbildung dauert regulär dreieinhalb Jahre und wird zumeist in Handwerksbetrieben durchgeführt, in denen die Auszubildenden schon früh in den Berufsalltag integriert werden. Nach Abschluss der Gesellenprüfung kann eine Weiterbildung zum Metallbaumeister stattfinden.

Handwerklich geprägte Branche mit guten Aussichten


Die deutsche Metallbaubranche ist vor allem von kleinen und mittleren Betrieben geprägt. Von knapp 23.000 zulassungspflichtigen Handwerksunternehmen hatten 2013 mehr als die Hälfte weniger als fünf Beschäftigte. Weniger als 700 Betriebe beschäftigten 50 oder mehr Mitarbeiter. So wundert es nicht, dass im Durchschnitt nur zehn Mitarbeiter in einem Metallbaubetrieb arbeiteten. Die gesamte Branche setzte 2013 etwa 27,5 Milliarden Euro um, wobei die größeren Unternehmen pro Mitarbeiter etwa doppelt so viel erwirtschafteten wie die Betriebe der kleinsten Kategorie. Aufgrund der guten Baukonjunktur und anhaltender Konsum- und Investitionsneigung der privaten Haushalte beurteilt die Mehrzahl der Metallbaubetriebe die Zukunftsaussichten als gut bis sehr gut. Auch die Digitalisierung ist mehrheitlich in den Betrieben angekommen. Probleme sehen viele in einem zukünftigen Fachkräftemangel, der aber inzwischen mit vielfältigen Maßnahmen angegangen wird.
Michael Otterbein | redaktion@niederrhein-manager.de
Ausgabe 07/2016