Mitarbeitergesundheit 4.0

Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt und damit auch die Anforderungen an Mitarbeiter. Ein gutes Betriebliches Gesundheitsmanagement muss diese Entwicklung aufgreifen – und nutzen.
Foto: ©ipopba – stock.adobe.com
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Die Digitalisierung hat die Arbeitswelt in den letzten Jahren stark verändert – und wird dies in Zukunft auch noch weiter tun, soviel steht fest. Schon jetzt sind die meisten von uns theoretisch immer erreichbar und können auch jenseits des Schreibtisches von überall arbeiten. Die zunehmende Verschmelzung von beruflicher und privater Welt hat dabei viele positive, aber auch einige negative Entwicklungen hervorgebracht. So können auf der einen Seite Arbeitsprozesse vereinfacht und Ressourcen gespart werden, auf der anderen Seite erleben die Mitarbeiter eine neue, andere Form der psychischen Belastung. FOMO etwa – die Angst etwas verpassen zu können (fear of missing out). Oder die Nomophobie – das ist die Angst, nicht mehr online und damit erreichbar zu sein. JOMO (joy of missing out) ist dann quasi die Gegenbewegung der Menschen, die sich ein Stückchen heile Offline-Welt erhalten wollen und dies zelebrieren. All diese Entwicklungen müssen ernstgenommen und bei einem modernen Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) als Teil der Digitalstrategie eines Unternehmens aufgegriffen werden , raten Experten. Denn Mitarbeitergesundheit 4.0 umfasst weitaus mehr als ergonomische Stühle, kostenlose Obstkörbe oder Firmenrabatte fürs Fitness-Studio.

Was ein modernes BGM leisten sollte

Wie Unternehmen ihr Betriebliches Gesundheitsmanagement 4.0 gestalten können, damit befassen sich seit geraumer Zeit viele verschiedene Anbieter und Projekte. Zum Beispiel die Studie „whatsnext“, die das Institut für Betriebliche Gesundheitsberatung (IFGB) gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse (TK) und dem Personalmagazin durchgeführt hat. „Wir wollten herausfinden, welche Faktoren heute und in fünf Jahren Relevanz für ein gutes betriebliches Gesundheitsmanagement haben“, erklärt Christian Timmerhoff, BGM-Fachreferent bei der TK. Dafür wurden insgesamt 825 BGM-Verantwortliche und Entscheider, davon rund zwei Drittel aus der Privatwirtschaft und ein Drittel im Öffentlichen Dienst, im Frühjahr 2017 umfassend befragt. Vier wesentliche Schlüsse lassen sich laut Timmerhoff aus den Ergebnissen ziehen. „Noch wichtiger als heute wird in Zukunft sein, wie Führungskräfte das Thema Betriebliches Gesundheitsmanagement vorleben. Denn an ihnen orientieren sich die Mitarbeiter meist. Wenn der Chef samstags selbstverständlich E-Mails beantwortet, ist das zum Beispiel kein gutes Vorbild“, so Timmerhoff. Zweitens wird die allgemeine Bedeutung von BGM in Zukunft noch höher eingeschätzt. „Dafür brauchen Betriebe aber auch mehr finanzielle und personelle Ressourcen – und da haben viele Nachholbedarf.“ Im Übrigen, das ist die dritte Essenz aus „whatsnext“, wird internen Ressourcen in Form von eigenen BGM-Verantwortlichen mehr Bedeutung beigemessen als Ressourcen, die extern in Form von Beratern hinzugezogen werden. Außerdem benötigt ein BGM 4.0 einfachere Kennzahlen-Systeme, um messbar und damit transparent und überzeugend durchgeführt werden zu können – so die vierte Essenz aus der Studie. Was Christian Timmerhoff, der über 20 Jahre Erfahrung in der BGM-Welt hat, immer wieder verwundert: „Viele Führungskräfte sind sich ihrer Schlüsselposition beim Vorleben eines guten BGM überhaupt nicht bewusst. Die Gesundheitskommunikation muss aber von ihnen ausgehen. Um insbesondere junge Mitarbeiter dabei zu erreichen, sollten sie wiederum stärker das Potenzial der digitalen Medien nutzen.“

Digitale Welten nutzen

Denn richtig eingesetzt kann die Digitalisierung auch viel Gutes für die Gesundheit der Mitarbeiter beitragen. Zum Beispiel profitieren Unternehmen mit vielen Standorten und dezentralen Strukturen davon, wenn Mitarbeiter digital zum Thema Gesundheit informiert oder trainiert werden, etwa in Form von Online-Befragungen. Digitale Programme mit Ernährungstipps, zur Arbeitssicherheit oder zum Stressmanagement sind weitere Möglichkeiten. Differenzierte Kommunikationsprofile sorgen dafür, dass Mitarbeiter entsprechend ihren eigenen Bedürfnissen erreicht werden können (siehe Info-Kasten). Auch der Einsatz von Monitoring-Systemen, die die gesundheitliche Belastung in einem Betrieb analysieren, sind keine Zukunftsmusik mehr. Wer sich in der Tiefe mit dem Thema beschäftigt, wird erstaunt sein, was heute schon alles möglich ist – und in naher Zukunft noch möglich sein wird. Diesen Trend unterstützen auch die Krankenkassen. Die DAK-Gesundheit etwa verleiht seit einigen Jahren den Deutschen BGM-Förderpreis. In Kooperation mit einer Kommunikationsagentur werden besonders kreative Projekte gewürdigt, mit denen die Herausforderungen der Arbeitswelt 4.0 ein Stückchen besser bewältigt werden
können. Thomas Corrinth I redaktion@regio-manger.de

INFO

Projekt SUGAR – Smart und gesund arbeiten

Das Forschungskolleg der Universität Siegen (FoKoS) führt seit August 2015 mit verschiedenen Partnern das Projekt SUGAR (Smart und gesund arbeiten) durch. Erforscht wird in dem bis 2019 laufenden Projekt, wie differenzierte Kommunikationsprofile – die alle dem Arbeits- und Gesundheitsschutz entsprechen – Beschäftigten dabei helfen können, weniger gestresst zu sein. Dafür wird unter anderem eine Mobile App entwickelt, die die Kommunikationssteuerung auf die Bedürfnisse des Nutzers abstimmt. „Der Nutzer kann zum Beispiel bestimmen, in welchen Zeitfenstern er erreichbar ist. Der Arbeitgeber kann diese Profile effektiv aufeinander abstimmen und integrieren. Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves, Projektverantwortlicher an der Universität Siegen. SUGAR wird in zwei Unternehmen (EJOT in Bad Berleburg, Transgourmet in Riedstadt) durchgeführt und getestet. Erste Ergebnisse und mehr Informationen zu SUGAR finden sich unter www.smart-arbeiten.org

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Ausgabe 09/2017