Interview zur Corona-Krise: „Es ist nicht die Zeit, aufzugeben!“

Der Jurist und Diplom-Kaufmann Wilhelm Klaas von Klaas & Kollegen in Krefeld nennt die Corona-Krise eine Katastrophe – und macht zugleich Hoffnung.
Kanzleigründer und Rechtsanwalt Wilhelm Klaas
Kanzleigründer und Rechtsanwalt Wilhelm Klaas
NRM: Herr Klaas, Sie sind Sanierungs- und Insolvenzexperte mit jahrzehntelanger Erfahrung – wie blicken Sie als solcher auf die Corona-Krise?

Wilhelm Klaas: Covid-19 ist kein neuer Insolvenztatbestand, doch die von Covid-19 ausgelöste globale Krise kann mit den bisherigen Modellen der Sanierungs- und Insolvenzberatung nicht erfasst werden. Es ist nicht der Wettbewerb, der in die Krise führte. Und es gibt keine Sanierung, die aus der Krise führen könnte, solange keine normalen Marktbedingungen bestehen. 

NRM: Demnach sehen Sie gar keine Lösung?

Wilhelm Klaas: Die durch das Virus ausgelöste ökonomisch-globale Krise trifft – wenige Gewinner ausgenommen – alle Branchen und alle Unternehmensgrößen. Versuche, die anstehende Vernichtung von Unternehmensvermögen zu schätzen, können nur statistische Gedankenspiele sein. Schon weil niemand auch nur annähernd die Dauer der Krise einzuschätzen vermag. Und tatsächlich traut sich ja offenbar niemand, den Zeitpunkt zu veröffentlichen, an dem die Mittel ausgehen und der globale Kollaps einschließlich des vollständigen Zusammenbruchs des Gesundheitssystems eintritt. So weit das Horror-Szenario. Aber auch bei einerBest-Case-Betrachtung – es bleibt eine Katastrophe, für den Einzelnen und global.

NRM: Warum sollte man dennoch nicht resignieren? 

Wilhelm Klaas: Gerade das globale Moment zeigt, dass es nicht die Zeit ist, aufzugeben. Vielmehr können wir aus der Geschichte lernen. Auch nach der heute kaum nachvollziehbaren Zerstörung der deutschen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg ging es wieder aufwärts. Auch wenn politische Lagerbildungen des „Kalten Kriegs“ eine Rolle spielten, es war der Wille zum Weitermachen, zum Wiederaufbau, der das deutsche Wirtschaftswunder mit ermöglichte. Gemessen an einem Krieg ist die Situation unserer Unternehmen eine andere. Nüchtern betrachtet kämpfen wir an der Wirtschaftsfront mit Produktionsstillständen, die eine Finanzkrise auslösen. Demgegenüber bleiben die beiden anderen Produktionsfaktoren, „Humankapital“ und „Boden“, damit auch Unternehmen als Produktionseinheiten erhalten.

NRM: Was wäre aus Ihrer Sicht für einen Neustart nach Überwindung der Krise wichtig?

Wilhelm Klaas: Wir müssen zunächst darauf hinarbeiten, dass neben den eingeleiteten Gesetzesmaßnahmen zum Schutz der Bevölkerung und der Unternehmen Systemänderungen kommen, die den Neustart überhaupt ermöglichen. Beim Humankapital könnte eine strukturelle Restschuldbefreiung einen Ausgleich darstellen, z.B. ein vereinfachtes Verfahren für alle ab dem 1. März 2020 entstandenen Verbindlichkeiten von natürlichen Personen. Oder ein Verbraucherinsolvenzverfahren mit einer Restschuldbefreiungszeit von sechs oder maximal zwölf Monaten – so lange braucht man, um ein geregeltes Entschuldungsverfahren abzuwickeln –, mit einer anschließenden Totalentschuldung. Es kann flankierend daran gedacht werden, bestimmte Vermögensteile pfändungsfrei zu stellen, sodass der Zustand vor März 2020 nach Abschluss des Verfahrens annähernd wieder vorliegt.

NRM: Und bezüglich der Unternehmen?

Wilhelm Klaas: Auf der Unternehmensseite muss ganz oben der Erhalt von Unternehmenseinheiten stehen. So könnte man einen Zerschlagungsschutz für Unternehmen installieren, die nach dem 1. März Insolvenzantrag gestellt haben und die zu diesem Stichtag keine Überschuldung aufwiesen. Bei einer vollständigen Betriebseinstellung trotz der Absicht, das Unternehmen wieder zu reaktivieren, sollte eine Öffnung des Kündigungsschutzes vorgesehen werden. Im Gegenzug könnten dem Unternehmen Verpflichtungen auferlegt werden: Bei Wiederaufnahme des Geschäftsbetriebs haben Neueinstellungen zuerst aus dem Kreis der ehemaligen Mitarbeiter zu erfolgen.

NRM: Manche befürchten bereits, dass die Herkulesarbeit nach Corona kaum zu schaffen ist …

Wilhelm Klaas: Natürlich gibt es viel zu tun, aber auch viele Möglichkeiten und sogar Chancen, den Schaden zu minimieren. 

NRM: Wie wird die künftige Sanierungsberatung aussehen?

Wilhelm Klaas: Sie wird, unter Beachtung der sich derzeit veränderten Anforderungen und damit Aufweichung der Haftungstatbestände, eine möglichst lange Phase der „Konsolidierung“ anstreben. Dabei kann auch das Ruhen des Geschäftsbetriebs über die Einleitung eines Insolvenzverfahrens mit Insolvenzplan finales Ziel sein. Bei inhabergeführten Unternehmen wird es heute kaum zu verantworten sein, Beiträge aus bisher haftungsfreiem Vermögen für die Sanierung zur Verfügung zu stellen. Aber auch das ist, wie alles, letztlich eine Einzelfallentscheidung.

NRM: Wie könnte sich die Wirtschaft gegen ähnliche Szenarien wappnen?

Wilhelm Klaas: Sicherlich wird es zumindest in Schlüsselbereichen Auflösungen der globalen Produktionsverteilungen und Lieferketten geben, doch ich glaube nicht, dass hierfür übergreifend der Wille besteht. Erinnern wir uns nur an Lehman und die dadurch ausgelöste Bankenkrise. Bereits wenige Monate später wurden wieder Finanzmodelle geschaffen, die eine „Blase“ erzeugen konnten. Und parallel wurden sogar, trotz dieser Erkenntnis, die erst wenige Monate alten Aufsichtsmaßnahmen gelockert. Des Weiteren wird die wirtschaftliche Erholungsphase je nach Laufzeit der Pandemie Monate, vielleicht Jahre dauern. Für Italien und Spanien prognostizieren Ökonomen eine mehrjährige Rezession. In einer solchen Phase die Rahmenbedingungen für autarke Produktionen und damit die Kosten und letztlich Verbraucherpreise deutlich anzuheben, wird einen Aufschwung im Keim ersticken.

NRM: Sprich: Ein spürbares Umdenken wird lange auf sich warten lassen?

Wilhelm Klaas: Ein Umdenken und Umlenken wird mindestens den Zeitrahmen einer Generation beanspruchen. Und dabei dürfen wir nicht vergessen, dass wir noch die Kosten zur Bewältigung der Klimakrise stemmen müssen. Es geht vermutlich nur in kleinen Schritten, bis wir die erforderliche Entglobalisierung geschafft haben.

NRM: Herr Klaas, herzlichen Dank für dieses Gespräch. Daniel Boss | redaktion@regiomanager.de

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Ausgabe 02/2020