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Rechtsanwälte

Jedem Topf seinen Deckel …

… und jedem Fall seinen Fachanwalt. Der Trend zur Spezialisierung bei Rechtsanwälten nimmt weiter zu. Wer einen passenden Anwalt sucht, hat die Qual der Wahl.



Was war das in den letzten Wochen für eine Aufregung rund um die DSGVO! Hier wurden europaweit sämtliche Geschäftsführer – und somit Laien – gezwungen, sich in ein Spezialgebiet des EU-Rechts, das Datenschutzrecht, einzuarbeiten. Wer hier mehrere Rechtsanwälte, Datenschutzbeauftragte, IT-Profis oder spezialisierte Fachquellen befragte, bekam unweigerlich unterschiedliche, teils sich widersprechende Antworten. Schon in diesem vergleichsweise kleinen Ausschnitt des europäischen bzw. deutschen Rechtssystems wird sehr schnell sehr deutlich, welche Berge an Wissen ein Rechtsanwalt sicher beherrschen muss, um die Position seines Mandanten kompetent zu vertreten. Kein Wunder, dass der Trend bei Rechtsanwälten immer mehr zur Spezialisierung geht. Die Suche nach dem passenden Rechtsanwalt ist entsprechend anspruchsvoll.

Swen Walentowski, Pressesprecher des Deutschen Anwaltvereins, schlägt zunächst vor, sich mit dem jeweiligen Rechtsgebiet zu befassen: „Der erste Schritt, um die richtige Anwältin oder den richtigen Anwalt zu finden, ist es, das richtige Rechtsgebiet zu identifizieren.“ Gewerblicher Rechtsschutz, allgemeines Vertragsrecht, Forderungseinzugs- und Inkassorecht, Handelsrecht und Gesellschaftsrecht etc. Direkt auf den ersten Blick fällt auf, dass sich die verschiedenen Rechtsgebiete längst nicht so zweifelsfrei voneinander trennen lassen wie Verkehrsrecht und Familienrecht. Ganze 138 verschiedene Rechtsgebiete listet die Rechtsanwaltskammer Düsseldorf auf.

Ist ein fachlich passender und guter Anwalt identifiziert, so sollte auch überlegt werden, was der Anwalt überhaupt leisten soll. Denn so vielfältig die Rechtsgebiete und -bereiche sind, so vielfältig ist auch die Arbeit in diesem Beruf: von der klassischen Vertretung vor Gericht über die reine Beratungstätigkeit und außergerichtliche Verfahrenslösungen – zum Beispiel Mediation – bis hin zum Ausarbeiten von Verträgen, Erstellen von Gutachten oder zur Abwicklung von Versicherungsproblematiken. Jedes Fachgebiet und jede Tätigkeit hat seine Koryphäen ebenso wie das leidliche und damit gefährliche Mittelmaß. Dennoch ist es immer auch empfehlenswert, einen Anwalt des Vertrauens an seiner Seite zu haben, der sämtliche Vorgänge im Unternehmen kennt und daher auch als Lotse im Dschungel der deutschen Rechtslandschaft fungieren kann.

Fachanwaltstitel als Qualitätssiegel

In Deutschland müssen Anwälte zwar gemäß der Berufsordnung für Rechtsanwälte nachweisen, dass sie über Kenntnisse in Teilbereichen der Berufstätigkeit verfügen. Aber die Berufsordnung ist in diesem Punkt teilweise indifferent, und so kann man als Mandant nicht sofort erkennen, wie intensiv sich ein Anwalt im geforderten Rechtsgebiet auskennt.

Exaktere Kriterien gibt es da schon für den Fachanwaltstitel. Um diesen zu bekommen, sind genaue Regeln festgelegt: So muss der Anwalt an einem speziell für das Rechtsgebiet ausgelegten Lehrgang teilnehmen, der im Minimum 120 Zeitstunden dauert, drei schriftliche Leistungskontrollen beinhaltet und mit einer Abschlussprüfung endet. Damit nicht genug. Zusätzlich muss der Rechtsanwalt in den drei vorangegangenen Jahren ununterbrochen berufstätig gewesen sein und eine bestimmte Anzahl an Mandaten im entsprechenden Fachgebiet gerichtlich und außergerichtlich bearbeitet haben. Hierauf verweist Udo Henke, Geschäftsführer des Deutschen Anwaltvereins in Berlin. Zudem weiß nicht nur er: „Insgesamt hat sich das Fachanwaltsmodell als Erfolg herausgestellt. Die einzelnen Rechtsbereiche erfordern immer intensiveres Fachwissen und die Nachfrage nach spezialisierten Rechtsanwälten wurde bereits in den letzten Jahrzehnten immer stärker.“

Anwalt früh aufsuchen

Natürlich kann ein Unternehmer selbst erheblich zum Erfolg seines gewählten Anwalts beitragen, wenn er sich frühzeitig, also vor dem Eintritt eines Ernstfalles, an ihn wendet. Bei drohenden, aber noch nicht ausgetragenen Rechtsstreitigkeiten, kann sich der Rechtsanwalt dann schon im Vorfeld mit der jeweiligen Materie und dem Fall im Einzelnen auseinandersetzen und den drohenden Konflikt eingrenzen. Interessant für den Mandanten ist dann vor allem, dass er dadurch die Chance bekommt, auch die Kosten niedrig zu halten. Vielfach lässt sich so ein aufreibender Gerichtsprozess vermeiden.

Heißes Thema „Legal Tech“

Dass die Branche der Rechtsanwälte vergleichsweise konservativ ist, ist bekannt. Daher verwundert es wenig, dass die Digitalisierung hier etwas länger benötigt als in anderen Branchen. Doch sie kommt, und das in atemberaubender Geschwindigkeit. So hat erst im Februar 2018 eine künstliche Intelligenz (KI) der Plattform Lawgeex in einem Test gezeigt, dass sie bei der Analyse von Verträgen schneller und auch genauer arbeitet als die 20 Rechtsanwälte, die gegen die KI antraten. Dass die Arbeit von Rechtsanwälten schon bald vollständig durch künstliche Intelligenz ersetzt werden könnte, wird von Experten klar angezweifelt. Schließlich müssen Rechtsanwälte nicht nur Verträge genau studieren, sondern auch die Lage des Mandanten und seine Probleme korrekt erfassen, um dann mit kreativen Lösungen aufzuwarten, welche vor Gericht argumentativ verteidigt werden wollen. Nichtsdestotrotz werden Rechtsanwälte zukünftig vielfältige digitale Unterstützung durch die „Legal Tech“ erhalten.

Gerade die kleineren und mittleren Kanzleien stehen noch am Anfang der Digitalisierung, der sich auch der Deutsche Anwaltverein verschrieben hat. Wie weit die digitale Realität der Rechtsvertreter noch von der digitalen Konkurrenz durch die KI des Legal Tech entfernt ist, zeigt das elektronische Anwaltspostfach, welches den rechtlich wirksamen Austausch elektronischer Dokumente sicherstellen soll. Dieses bleibt aufgrund von Sicherheitsbedenken bis auf Weiteres offline. Dr. Martin Steffan | redaktion@regio-manager.de

Ausgabe 04/2018