Kolumne

Kolumne Parallelwelten: Erwartung und Wirklichkeit

Manche Erwartungen sollten an die Realität angepasst werden, um zu große Enttäuschungen zu vermeiden, meint Simone Harland.

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von Simone Harland 13.09.2023
(© ­­­master1305 − stock.adobe.com) | Simone Harland

Sie freuen sich seit gefühlten 100 Jahren auf Ihren Urlaub. Diese 14 Tage im Vier-Sterne-Hotel haben Sie sich redlich verdient. Jede der 336 Stunden, ach Quatsch, jede Sekunde werden Sie auskosten. Doch dann passiert Folgendes: Auf dem Weg zu Ihrem Ziel stehen Sie drei Stunden im Stau. Am Hotelbüfett müssen Sie jeden Tag ein paar Minuten in der Schlange auf Ihr Essen warten. Und der Ventilator im Hotelzimmer funktioniert auch erst, nachdem er ausgetauscht wurde.
Jede Kleinigkeit beeinträchtigt Ihre Stimmung – und es sind so viele Kleinigkeiten. Sie reagieren zunehmend gereizt. Das wiederum wirkt sich auf Ihre Urlaubsbegleiter aus. Vielleicht versuchen diese noch, Sie zu beschwichtigen, doch irgendwann ist auch die Geduld Ihrer Familie oder Freunde am Ende. Entweder münden nun Gespräche im Streit oder Ihre Begleiter unterstützen Sie aus Leibeskräften dabei, „Probleme“ aufzubauschen. In beiden Fällen kommen Sie nach Hause und sind schwer enttäuscht. Ihr Urlaub war nicht so, wie Sie ihn sich vorgestellt hatten. Nun ist er verflixt noch mal schon wieder vorbei. Beim nächsten Mal, ja, beim nächsten Mal wird alles anders. Und bleibt dann doch gleich …
Haben Sie schon einmal überlegt, dass es möglicherweise auch an Ihnen liegen könnte, wenn Sie solche Erfahrungen immer wieder machen? Vielleicht sind Ihre Erwartungen zu groß. Sie stellen sich den perfekten Urlaub vor und wollen, dass alles genau so läuft, wie Sie es sich erträumt haben. Aber schon Kleinigkeiten werfen Sie aus der Bahn und Sie lassen sich von ihnen so beeinträchtigen, dass Sie das Schöne nicht mehr genießen können. Doch „Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen“, wie schon John Lennon sagte. Oder anders ausgedrückt: Das Leben ist unvorhersehbar und es geht so gut wie nie alles glatt.
Eine übersteigerte Erwartungshaltung ist auch in Unternehmen zu finden. So sind z.B. Vorgesetzte manchmal enttäuscht, wenn eine vermeintlich gute Idee wie die Einführung einer neuen, arbeitserleichternden Software bei den Angestellten nicht auf Begeisterung stößt. Aus Sicht der Arbeitnehmer durchaus verständlich, müssen sie doch ihre Arbeitsabläufe ändern und sich mit etwas Neuem beschäftigen, von dem sie noch nicht wissen, ob es ihnen tatsächlich Vorteile bringt.
Das Gleiche gilt, wenn ein Geschäftsführer eine andere Idee zur Umstrukturierung hat, die das Unternehmen auf den Weg in die Zukunft führen soll. Die Gründe, warum Mitarbeiter verhalten darauf reagieren, sind vielfältig. Während manche um ihren Arbeitsplatz fürchten, haben andere Angst, den neuen Anforderungen nicht gewachsen zu sein.
Statt jetzt also enttäuscht zu sein, dass die Arbeitskräfte nicht so reagieren wie erhofft, heißt es, die eigenen Erwartungen an die Realität anzupassen und sogar, wenn möglich, die Mitarbeiter in die Entscheidungen einzubeziehen. Bei der Einführung einer neuen Software z.B. könnten einige Angestellte die Software vor der unternehmensweiten Einführung testen und ihre positiven Erfahrungen wie Zeitersparnisse bei Routinearbeiten mit den Kollegen teilen. Das kann unbegründete Ängste nehmen. Bei Umstrukturierungen ist es ebenfalls sinnvoll, Mitarbeiter ins Boot zu holen. Denn oft sind sie es, die aus ihrer praktischen Erfahrung heraus beurteilen können, was klappen könnte und was eher nicht. So lassen sich gute Ideen noch verbessern.
Was die eigene Erwartungshaltung und Situationen wie den eingangs geschilderten Urlaub betrifft: Hier kann das Konzept der radikalen Akzeptanz helfen. Es gibt nun einmal Dinge, die sich nicht ändern lassen. Stau etwa ist Stau. Da kommt man nicht raus, wenn man drinsteckt. Klar nervt es zu warten. Doch solange es nicht von Bedeutung ist, ob man eine Stunde früher oder später am Ziel ist, ist es besser, die Situation zu akzeptieren, als sich davon die Laune komplett verderben zu lassen. Drei Stunden Stau fallen bei 336 Stunden Urlaub nicht wirklich ins Gewicht. Und ist es tatsächlich schlimm, am Büfett ein paar Minuten in der Schlange zu stehen? Schließlich kann man währenddessen die Auswahl begutachten. Dinge, die einen stören, sich hingegen ändern lassen wie der Austausch eines defekten Ventilators im Hotelzimmer, sollte man in Angriff nehmen, statt sich darüber aufzuregen. Meistens findet sich eine Lösung, um den Urlaub trotzdem genießen zu können.

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