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Oberbürgermeiste Markus Lewe Foto: Markus Lewe

Serie – Wirtschaft im Münsterland, Teil 5: Stadt Münster

Wissenschaft und Lebensart

Ein Interview mit Markus Lewe, Oberbürgermeister von Münster.



MLM: Herr Lewe, Sie sind in Münster aufgewachsen und haben immer hier gelebt. Was ist für Sie das Besondere an Münster?

Markus Lewe: Die Stadt hat eine gute Größe, man kann sie überschauen, aber auch viel bewegen. Die Vielfalt ist hier besonders groß, auf der einen Seite die Handwerker, die die Entwicklung der Stadt sehr beeinflusst haben und dafür sorgen, dass Traditionen erhalten und angepasst werden, auf der anderen Seite die Universitäten, die die Zukunft in die Stadt und Unternehmen bringen. Ja, es ist die Mischung aus historischer Identität und Zukunftsgewandtheit, die Münster so besonders macht.

MLM: Was hat Sie bewogen, als Oberbürgermeister zu kandidieren?

Markus Lewe: Die Entscheidung fiel, wenn ich ehrlich bin, spontan. Ich habe mich zwar schon immer politisch engagiert, aber diese Aufgabe ist mir eher zugefallen und ich habe sie sehr gerne übernommen. Eben weil ich Münster aus dem Effeff kenne. Seither arbeite ich zusammen mit der Wirtschaftsförderung daran, die drei großen Aufgaben, die eine Kommune hat, so umzusetzen, dass die Lebensqualität und die Eigenheit der Stadt gewahrt bleiben.

MLM: Und welche drei Aufgaben sind das?

Markus Lewe: Wirtschaft, Umwelt und Wohnen. In den letzten Jahrzehnten gab es in Münster, aber auch in der Politik insgesamt Trends, bei denen mal der eine, mal der andere Aspekt in den Vordergrund gerückt wurde. Für mich ist es wichtig, alle Aspekte gleichzeitig im Blick zu haben, nur dann kann ein positives Lebensgefühl in einer Stadt entstehen.

MLM: Nun war und ist Münster eine tolle Stadt. Gibt es da wirklich noch Aufgaben, die sich ein neuer Oberbürgermeister vornehmen kann?

Markus Lewe: Auf jeden Fall! Das Schlimmste, was einer Stadt passieren kann, ist Stillstand. Eine Stadt muss sich immer wieder neu erfinden, um interessant und lebenswert zu bleiben. Nichts ist schlimmer als eine Stadt, die sich auf ihren Lorbeeren ausruht. Wir haben unseren strategischen Zukunftsprozess unter das Motto „Science & Appliance“ oder „Wissenschaft und Lebensart“ gestellt und lassen uns bei Entscheidungsprozessen davon leiten.

MLM: Können Sie Beispiele für diese Leitlinien nennen?

Markus Lewe: Münster ist zum Beispiel sehr weit vorne in der Nanotechnologie. Wann immer in den Instituten die Politik gefragt ist, sind wir dabei. Und das beste Beispiel für Lebensart ist der Hafen, der neu gestaltet wurde und sehr gut angenommen wird. Aber auch die neue Bibliothek in der Pferdegasse ist nicht nur Hort der Wissenschaft, sondern ein Erlebnis-, Kunst- und Kulturort, der unsere Vision, eine „Stadt der Bücher“ zu werden, voranbringt.

MLM: Kommen wir zurück zur Wirtschaft. Wie bewerten Sie die wirtschaftliche Situation der Stadt Münster? Gab es hier einen Strukturwandel wie im restlichen Münsterland? Welche Höhen und Tiefen hatte die Stadt wirtschaftlich zu meistern?

Markus Lewe: Die wirtschaftliche Situation in Münster ist so gut wie noch nie, allein in den letzten zehn Jahren sind 26.000 zusätzliche Arbeitsplätze entstanden. Und das Schöne ist, dass wir ein breites Spektrum an Unternehmen haben, von der Nanotechnologie auf der einen bis zum Handwerksbetrieb auf der anderen Seite. Einen Strukturwandel wie in Regionen des Bergbaus oder Hochburgen der Textilindustrie gab es in Münster nicht, weil der Anteil des produzierenden Gewerbes unter den Unternehmen traditionell kleiner ist als in anderen Städten. Als Handwerkerstadt spüren wir eine andere Form des Strukturwandels, es wird immer schwerer für Handwerker, sich zu behaupten.

MLM: Was bedeutet das?

Markus Lewe: Einerseits haben Handwerksberufe an Image eingebüßt, was es erschwert, Mitarbeiter zu finden. Andererseits sorgen die Ausweitung auf den europäischen Markt und die Entwicklung im Online-Bereich dafür, dass nicht nur der lokale Wettbewerber mit um einen Auftrag kämpft, sondern auch Handwerker aus anderen Regionen und Ländern. Handwerksbetriebe müssen heute mehr als früher die Mechanismen des Marketings beherrschen. Wir haben in Münster zum Beispiel einen jungen Metzgermeister, der es geschafft hat, sein Image so zu entwickeln, dass es heute cool ist, bei ihm einzukaufen. Die Qualität und Art der Produkte hat sich nicht geändert, nur die Außenwahrnehmung. Oder es gibt einen Bäcker, der immer neue Brotsorten ausprobiert und diese teilweise in den süddeutschen Raum verschickt.

MLM: Die meisten verbinden Münster eher mit dem Westfälischen Frieden und dem Prinzipalmarkt, der Universität und Fernsehkrimis. Spielen Unternehmen hier keine Rolle?

Markus Lewe: Natürlich sind Unternehmen, und zwar große wie kleine, alte wie neue, eine wichtige Kraft in Münster. Sie treten auch nach außen auf, aber bei ihnen stehen die Produkte im Vordergrund, die Herkunft des Herstellers ist oft nicht so relevant. Und nicht nur das. Münster hat sein Wachstum gerade auch den kleinen und mittelständischen Unternehmen zu verdanken, die sich für Projekte und Entwicklungen engagieren und durch ihr gesellschaftliches Engagement die Stadt prägen und unterstützen. Ein schönes Beispiel ist der Unternehmer, der bei „Wer wird Millionär?“ eine Million Euro gewonnen hat. Statt das Geld für sich auszugeben, hat er ein Schiff gekauft, das in unserem neu angelegten Hafen liegt und den Menschen aus Münster ein neues Freizeiterlebnis ermöglicht.

MLM: Da hat sich ja einiges getan. Bleiben noch Visionen für die Stadt Münster?

Markus Lewe: Oh ja! Da gibt es einige, zum Beispiel einen gemeinsamen Campus der Musik mit den Hochschulen, um Münster zu einer „Stadt der Musik“ zu entwickeln. Ein gemeinsames S-Bahn-System im Münsterland wäre toll, um die Region stärker zu vernetzen. Dass die Stadt auch in Zukunft weiter eine hohe Lebensqualität ermöglicht und wir es hinbekommen, trotz der Veränderungen im Einzelhandel durch den wachsenden Online-Handel eine pulsierende Stadt zu bleiben. Und dann wäre es schön, wenn Münster eine bezahlbare Profifußballmannschaft bekäme.

MLM: Zum Schluss eine Frage, die Ihnen sicher ständig gestellt wird. Schauen Sie den Münster-„Tatort“ und „Wilsberg“, und wenn, achten Sie eher auf die Darstellung der Stadt oder die spannende Story?

Markus Lewe: Selbstverständlich schaue ich die Sendungen. Teilweise bei den Previews, die immer ausverkauft sind und zeigen, dass solche Sendungen identitätsstiftend sind. Ich achte auf die Story und freue mich an den Bildern und Dialogen. Gerade der Tatort trifft für mich ganz genau die Mentalität der Stadt Münster. Da ist einerseits Kommissar Thiel, der effektiv arbeitet und nicht alles so genau nimmt, und andererseits der Pathologe und Wissenschaftler Professor Boerne, der die Universitätsstadt Münster symbolisiert. Da kommt unser Gedanke, Münster zu einer Stadt der Wissenschaft und Lebensart zu entwickeln, wunderbar zusammen.

Ausgabe 07/2018