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Optimierungswahn

Sich selbst zu optimieren, ist in der heutigen Zeit eine ständige Aufgabe. Übrigens auch am Arbeitsplatz, meint Simone Harland.



Fitnessarmbänder und Smartwatches – sogenannte Wearables – sind im Trend. Sie ermitteln, wie lange wir schlafen, sie zählen unsere Schritte und fordern uns auf, uns mehr zu bewegen. Sie messen unsere Herzfrequenz und teilen uns mit, wie viele Kalorien wir bei bestimmten Aktivitäten verbrauchen. Auch auf Smartphones sind bei der Auslieferung in der Regel Apps installiert, die verfolgen, was wir tun (oder lassen). Viele Nutzer ergänzen sie durch weitere Selbstoptimierungs-Apps. Zum Beispiel solche, die die aufgenommenen Kalorien zählen – jedenfalls, wenn die Nutzer eingeben, was und wie viel sie essen oder trinken. Auf manche Apps müssen wir noch warten, zum Beispiel auf solche, die allein anhand des Geruchs wahrnehmen, welche Getränke oder Speisen wir zu uns nehmen. Oder auf Programme, die das Haarwachstum stimulieren und Falten glätten. Doch keine Angst: An der Lösung dieser Probleme wird bestimmt schon hart gearbeitet.

Die digitalen Helferlein wollen natürlich nur unser Bestes: dass wir unsere Körper in Form bringen, dass wir fit, aktiv und damit hoffentlich attraktiv werden und bleiben. Genau deshalb sind sie auch so beliebt. Denn wer möchte nicht das Optimale aus sich herausholen? Wissen wir doch schon lange, dass Menschen, die als attraktiv gelten, nicht nur in der Liebe, sondern auch im Beruf erfolgreicher sind. Sorgt der digitale Aufpasser zudem dafür, dass sich neben der Attraktivität die Gesundheit verbessert, ist das ein willkommener Zusatznutzen.

Auch im Berufsleben gibt es Tracker. Zum Beispiel Zeitmessungs-Apps oder -Sensoren, die anzeigen, wie lange eine Person für eine bestimmte Aufgabe braucht. Diese Messungen lassen sich mit Durchschnittswerten vergleichen, sodass Arbeitgeber bei Bedarf feststellen können, ob eine Arbeitskraft tatsächlich stets das Optimale aus sich herausholt. Zwar dürfen Unternehmen in Deutschland diese Messungen aus datenschutzrechtlichen Gründen in der Regel nur vornehmen, wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter damit einverstanden sind oder die Ergebnisse anonymisiert werden. Doch welche Arbeitskraft könnte sich der nett vorgetragenen Bitte der Vorgesetzten schon verweigern? Und welche Vorgesetzten schaffen es, sich dem Reiz zu entziehen, die eigene Abteilung oder gleich das ganze Unternehmen zu optimieren? Schließlich ist der Wettbewerb hart. Und was macht es schon, dass Messergebnisse nicht immer vergleichbar sind oder Angestellte den Spaß an der Arbeit verlieren, weil sie unter Generalverdacht gestellt werden? Nur das Optimum zählt.

Die Einstellung, das Optimale aus allem herauszuholen, spiegelt sich übrigens auch auf zahlreichen Unternehmenswebsites wider. Viele Firmen brüsten sich dort damit, ihren Kundinnen und Kunden nur das Beste zu bieten. Denn als Folge der Optimierung aller Lebensbereiche ist gut heute längst nicht mehr gut genug. Es muss schon das Optimale sein, um auf lange Sicht zu bestehen. Doch in vielen Fällen reicht auch das nicht mehr. Deshalb versprechen manche Unternehmen, dass sie nicht mehr nur die optimale, sondern die optimalste Lösung für ihre Klienten finden. Und zwar wider besseren Wissens, dass es keine bessere als die beste Lösung gibt. Theoretisch jedenfalls. Praktisch anscheinend schon. Macht aber nichts. Denn unter all den Besten, Aktivsten, Fittesten, Attraktivsten haben die Guten, Aktiven, Fitten und Attraktiven schon verloren. Simone Harland | redaktion@muensterland-manager.de

Ausgabe 01/2018