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Landrat Dr. Klaus Effing Foto: © Dr. Klaus Effing

„Eine gewisse Sturheit braucht man“

Ein Interview mit Dr. Klaus Effing, Landrat im Kreis Steinfurt.



MLM: Wenn man Ihre Vita betrachtet, sind Sie dem Kreis Steinfurt bisher immer treu geblieben. Was ist es, das Sie an dem Kreis so interessiert und fasziniert?

Dr. Klaus Effing: Natürlich bietet der Kreis in vielerlei Hinsicht Tolles: Natur, Kultur, Wirtschaft, einen hohen Freizeitwert, bezahlbare Grundstücke. Aber mich faszinieren und interessieren vor allem die Menschen im Kreis Steinfurt und im Münsterland. Man spricht zwar gerne von den „westfälischen Sturköpfen“ und eine gewisse Sturheit ist sicher da, aber die braucht man auch, um in dieser Region voranzukommen. Ich meine, die Münsterländer sind souverän. Wir haben hier in den vergangenen Jahrzehnten weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit einen Strukturwandel vollzogen, der ohne diesen Biss nicht möglich gewesen wäre, aber auch nicht ohne eine Offenheit für Neues und eine große Verlässlichkeit.

MLM: Seit Sie in Emsdetten aufgewachsen sind, hat sich viel getan in der Region. Was waren und sind die größten Herausforderungen, die der Kreis Steinfurt zu bewältigen hat?

Dr. Klaus Effing: In einer Zeit des Strukturwandels besteht immer die Gefahr der Abwanderung. Der mussten wir entgegenarbeiten, um Fachkräfte zu sichern. Der Fachkräftemangel ist auch heute noch die größte Herausforderung. Wir engagieren uns dafür, eine reizvolle Region zu bieten mit Kultur und Natur und einer schnellen Anbindung an die Welt, immerhin liegt der Flughafen Münster/Osnabrück im Kreisgebiet. Wir stärken das Bildungssystem und wirken dem Ärztemangel im ländlichen Raum mit einem Stipendium für Medizinstudenten entgegen.

MLM: Der Kreis Steinfurt gehört nicht zu den Regionen, in die Berufsanfänger oder Umsteiger bevorzugt ziehen. Mit einer Markenkampagne möchten Sie das Image des Münsterlandes verändern. „Stärken stärken“ lautet das Motto. Welche Stärken sind das besonders im Kreis Steinfurt?

Dr. Klaus Effing: Wie das Motto es schon sagt, wir schauen, was unsere Stärken sind, und bilden diese stärker aus und kommunizieren sie offensiver. So haben wir zum Beispiel die nördlichsten Premiumwanderwege Deutschlands, Reiterhöfe und Golfplätze, Radwege und sehr gute Einkaufsmöglichkeiten. Jetzt gerade sind wir dabei, eine riesige Hängebrücke als weiteres touristisches Highlight zu initiieren.

MLM: Und welche Stärken sehen Sie in der Wirtschaft im Kreis Steinfurt?

Dr. Klaus Effing: Unsere Stärke ist der starke Mittelstand und die Mischung der Branchen. Das war früher anders, da befanden sich fast alle industriellen Arbeitsplätze in der Textilindustrie. Als diese dann der Globalisierung zum Opfer fiel, kam das böse Erwachen. Doch statt zu jammern, haben die Unternehmen sich auf den Weg in eine neue Zukunft gemacht. Hier in der Region krempelt man die Ärmel auf und macht, anstatt auf Hilfe von außen zu warten. Auch hier war die Souveränität von uns Münsterländern zu spüren.

MLM: Wie werden diese Stärken gefördert?

Dr. Klaus Effing: Wir haben immer ein offenes Ohr für die Erfordernisse der Wirtschaft. Die Wirtschaftsförderung macht da einen sehr guten Job und wir versuchen, Möglichkeiten, die andere ablehnen, als Chancen zu sehen. Ein gutes Beispiel ist die Zentrale Ausländerbehörde, die händeringend einen Standort suchte. Wir haben uns im Kreis kurzgeschlossen und angeboten, die Verantwortung zu übernehmen.

MLM: Verantwortung ist ein gutes Stichwort. Unsere Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Die Digitalisierung nimmt einen größeren Raum ein. Sie ist aber auch von guten Verbindungen abhängig, die von den Betreibern eher in Ballungszentren forciert werden. Wie sieht der Kreis Steinfurt da seine Rolle?

Dr. Klaus Effing: An dem Thema arbeiten wir schon, seit klar ist, dass die Digitalisierung die Welt verändern und bestimmen wird. Wir haben jetzt erst wieder rund 158 Millionen Euro Fördermittel vom Bund und vom Land NRW bekommen, um die Glasfaserversorgung in den Außenbereichen weiter voranzutreiben. Unser Ziel ist, dass wir überall – in den Städten und Gemeinden ebenso wie auf dem Land – eine optimale Versorgung mit Internet und Mobilfunk haben. Aber Digitalisierung bedeutet nicht nur eine gute Verbindung. Wichtig ist auch, die Möglichkeiten zu nutzen, um die Arbeit zu optimieren und effektiver zu gestalten und die Kommunikation zu verbessern. Wie in Unternehmen ist es auch Aufgabe in der Verwaltung, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen.

MLM: Sprich, der Kreis Steinfurt ist auf einem guten Weg. Wo soll dieser Weg hinführen? Welche Ziele und Visionen haben Sie für den Kreis?

Dr. Klaus Effing: Meine Vision ist ganz klar, ich möchte, dass das Münsterland als innovativste, schönste und beste Region in Deutschland wahrgenommen wird. Wir im Kreis Steinfurt leisten gerne unseren Beitrag dazu. Aber natürlich habe ich auch fassbare Ziele: Ich möchte unter anderem bis 2030 erreichen, dass kein Jugendlicher ohne Schulabschluss bleibt, dass wir die niedrigste Arbeitslosenquote und die niedrigste Kreisumlage in NRW haben.

MLM: Wieso haben Sie da genau das Jahr 2030 im Blick?

Dr. Klaus Effing: Wir beschäftigen uns im Kreistag und in der Kreisverwaltung seit längerem in einem Kreisentwicklungsprogramm damit, wohin sich der Kreis Steinfurt entwickeln soll. In einem Team spielen wir verschiedene Szenarien durch. Das ist spannend und schärft den Blick für die Herausforderungen von heute.

MLM: Sind die Bürgerinnen und Bürger bei diesen Überlegungen auch eingebunden?

Dr. Klaus Effing: Ja, natürlich. Im Rahmen des Kreisentwicklungsprogramms finden Bürgerbegegnungen statt, bei denen wir uns zusammen mit Expertinnen und Experten über Themen der Zukunft austauschen. Die Fragen, denen wir uns gemeinsam stellen, sind ganz unterschiedlich. Wir haben über „Biodiversität“ gesprochen, aber auch über die Frage „Wie wollen wir sterben?“. Das sind immer aufschlussreiche Gespräche, die uns zeigen, was die Menschen hier im Kreis denken und wünschen. Ach, eine Vision hätte ich noch, ob ich die allerdings erreichen kann, bezweifle ich. Ich würde am liebsten mit jedem Bürger und jeder Bürgerin im Kreis Steinfurt einmal sprechen. Aber es sind 440.000!

Ausgabe 03/2018