„Schweizer Offiziersmesser für große Vermögen“

Family Offices helfen wohlhabenden Familien, ihr Vermögen zu sichern und zu vermehren. Eine feste Definition gibt es nicht. Wohl aber wesentliche Aspekte, die bei der Auswahl des passenden Family Office berücksichtigt werden sollten.
Foto: © Jörg Lantelme – stock.adobe.com
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Die Zeiten sind verrückt: Die Wirtschaft brummt – inzwischen wird sogar von einer wirtschaftlichen Überhitzung gesprochen. Gleichzeitig sind die Zinsen seit der Finanzkrise so niedrig wie nie, was sich massiv auf die Immobilienpreise auswirkt. Lohnende Investments in Unternehmen sind begehrt, aber in Zeiten des sich zuspitzenden digitalen Umbruchs vieler Wirtschaftsbereiche – Produktion, Energie, Mobilität, Bankwesen etc. –
sind neue Geschäftsmodelle ebenso risikoreich wie chancenträchtig. Traditionell erfolgreiche Geschäftsmodelle werden auf eine harte Probe gestellt oder verschwinden ganz.

Was also können vermögende Familien tun, um ihren Wohlstand für kommende Generationen zu sichern und zu mehren? Das Family Office wäre eine naheliegende Option: „Viele vermögende Familien kennen die Institution eines Family Office und dessen Mehrwert überhaupt nicht“, sagt Marc R. Hocks, Vorstandsvorsitzender der Kölner Tresono Family Office AG. So stünden den Kosten für das Family Office durch die optimierte Anlagestrategie gleich mehrere positive finanzielle Aspekte gegenüber: Risikoreduzierung, Renditesteigerung und eine Kostenreduzierung an anderer Stelle.

Doch „Family Office“ ist kein geschützter Begriff und es gibt keine eindeutige Definition. So reicht das Portfolio der zahlreichen Anbieter von der Unterstützung bei der Verwaltung von Wertpapieranlagen bis hin zur Begleitung des Gesamtvermögens oder zur Organisation eines Privat-Sekretariats. „Idealerweise handelt es sich bei einem Family Office um eine Gruppe von Experten, die eine Familie gezielt in der Vermögensbegleitung der Familie da unterstützt, wo Bedarf an einer externen Unterstützung besteht“, so Hocks. „Das Family Office als Schweizer Offiziersmesser für die Vermögen wohlhabender Familien zu bezeichnen, ist verführerisch, wenn auch verkürzt. Treffender wäre das Bild eines Bausteinsystems, in dem man die Leistungsbausteine wählt, die man tatsächlich benötigt.“ Im Wesentlichen diene das Family Office dazu, das Privatvermögen vergleichbar professionell zu managen wie das eigene Familienunternehmen und den Mandanten damit sachlich und zeitlich zu entlasten, so Hocks.

Was sind typische Mandanten?

„Den typischen Mandanten eines Family Office gibt es nicht“, sagt Marc R. Hocks. „Jede Familie ist einzigartig und hat neben ihrer unverwechselbaren Geschichte ihre ganz eigenen Charaktere, Werte und Wünsche, weshalb man die Familien keinesfalls über einen Kamm scheren darf. Das einzig einende Moment ist das Vermögen – in welcher Form auch immer es angelegt sein mag.“ Wohl aber gebe es Situationen, in denen der Beratungsbedarf typischerweise besonders hoch ist. So verliert ein Unternehmer, der sein Unternehmen verkauft, mit dem Unternehmensverkauf auch seinen organisatorischen Unterbau, der z. B. für ihn wichtige Informationen recherchiert und aufbereitet, Verträge gestaltet oder die Abwicklung der notwendigen Arbeiten organisiert und überwacht. Gleichzeitig verfügt er nun über eine so noch nie dagewesene Liquidität und verspürt damit Handlungsdruck auf einem Gebiet, auf dem er sich deutlich weniger gut auskennt als in seinen früheren unternehmerischen Belangen. „Dass in dieser Situation eine gewisse Orientierungslosigkeit entsteht, in der auch schnell Fehlentscheidungen getroffen werden, ist unvermeidbar“, sagt Hocks. Bei den Lösungsansätzen gehe es aber nicht nur um die Erzielung einer möglichst hohen Rendite, sondern – am Ende einer beruflichen und unternehmerischen Karriere – auch um die langfristige Perspektive: Wie soll das Vermögen über die nächsten Generationen erhalten und gemehrt werden? „Der Handlungsdruck hinsichtlich einer ordentlichen Gesamtvermögensanalyse und Strategieentwicklung ist in einer solchen Situation vielfach gegeben, sodass genau dies meist der optimale Zeitpunkt ist, sich professionelle Hilfe bei der Strukturierung des Vermögens zu suchen.“

Vielfach kämen Familien aber auch in dem Moment auf ein Family Office zu, in dem die aktuellen Anlagestrategien nicht mehr tragen. Also etwa dann, wenn sich bei Immobilien Mietausfälle oder Renovierungsarbeiten häufen oder bislang verdeckte Risiken zutage treten, wie z. B. bei fälligen Nachschüssen bei Schiffsfonds. Anders als bei der ersten Gruppe steht hier also zunächst nicht das Gesamtvermögen im Fokus, sondern ein (kleiner) Bereich der Vermögensanlage, der Sorgen bereitet und gelöst werden muss.

Wie ist der Markt strukturiert?

Grundsätzlich muss zunächst differenziert werden zwischen Single Family Offices, die sich ausschließlich um das Vermögen einer einzigen Familie kümmern, und Multi Family Offices, welche die Vermögen mehrerer Familien betreuen.

Im Markt der Multi Family Offices gibt es zahlreiche bankenabhängige Anbieter, auch wenn sich zahlreiche Banken inzwischen aus diesem Geschäft zurückziehen. Daneben gibt es eine große Anzahl an bankenunabhängigen Family Offices, die sich in drei Gruppen einteilen lassen: Gruppe A ist selbst vermögensverwaltend tätig, führt also eigene Produkte. Hierbei handelt es sich meist um größere Anbieter. Den größten Anteil jedoch bildet Gruppe B: die der kleineren Family Offices, die sich oftmals mit wenigen Mitarbeitern aus einer Bank heraus gegründet haben und vielfach den Fokus auf den Wertpapierhandel legen. Vergleichsweise klein ist der Anteil von Gruppe C mit zehn bis 30 Mitarbeitern, die durchaus auch thematisch breit genug aufgestellt ist, um eigene Experten für direkte und indirekte Unternehmensbeteiligungen oder auch Immobilienabteilungen vorzuhalten.

Die Arbeit des Family Office lässt sich beispielhaft an vier Elementen beschreiben:

1. Gesamtvermögensanalyse

Am Anfang eines umfassenden Beratungsmandats sollte die Erfassung des Status quo im Sinne einer Gesamtvermögensanalyse stehen, und anschließend die Frage gestellt werden: Passt die Gesamtvermögensstruktur mit den Zielvorstellungen der Familie überein?

Dabei sind die Zielvorstellungen einer Familie zu definieren und ebenso individuell wie die Familien selbst: So kann es das materielle Ziel sein, jedes Jahr eine Rendite von fünf Prozent zu erzielen und möglichst keine Verluste zu machen. Ein ideelles Ziel hingegen könnte es sein, das Vermögen zu erhalten, die folgenden Generationen der Familie zu unterstützen und sie an den Umgang mit Vermögen heranzuführen.

„In sehr vielen Fällen passt die Struktur des vorhandenen Vermögens nicht mit den Zielvorstellungen der Familie zusammen“, so Hocks. „Oft sind die Risiken vielfach höher als zunächst angenommen, oder die verschiedenen Anlagestrategien konkurrieren. Teilweise stellt sich bei einer solchen Gesamtvermögensanalyse auch heraus, dass in der Vergangenheit ungeprüft Investments getätigt wurden, etwa Schiffsbeteiligungen, bei denen Nachschüsse fällig werden können.“

2. Strategieentwicklung

Nachdem der Status quo erfasst ist und die Zielvorstellungen der Familie geklärt sind, gilt es, eine Vermögensanlagestrategie im Sinne der Zielvorstellungen der Familie zu entwickeln. Je nach Zielsetzung umfasst diese unterschiedliche Anteile an Wertpapieren, Immobilien und direkten oder indirekten Beteiligungen an Unternehmen.

3. Umsetzung der Strategie

Die Aufgabe des Family Offices besteht im Bereich Umsetzung in erster Linie darin, die Entscheidungsfindung durch den Mandanten vorzubereiten und alle damit verbundenen Arbeiten durchzuführen bzw. auszuschreiben und zu koordinieren. „Unsere Mandanten haben meist jahrzehntelang ein Unternehmen geführt. Für sie ist es selbstverständlich, auch im Bereich Vermögensanlagen das Heft des Handels zu jeder Zeit in der Hand zu behalten“, erklärt Hocks. „Für diese Familien ist es elementar wichtig, eine professionelle und vertrauenswürdige Entscheidungsgrundlage zu erhalten, auf der sie ihre Entscheidungen treffen können. Natürlich sprechen wir klare Empfehlungen aus. Aber wir reden von selbstbestimmtem Handeln der Mandanten, also dem Gegenteil von Bevormundung.“ Genau darin sieht Hocks auch den wesentlichen Unterschied zwischen Vermögensverwaltung und Family Office: Während die Wertpapier-Vermögensverwaltung aktiv tätig ist und dem Kunden Entscheidungen abnimmt, ist das Family Office in erster Linie beratend tätig.

So geht es im Bereich Immobilien etwa darum, geeignete Investitionsobjekte ausfindig zu machen. Grundstücke zu finden, zu prüfen und zu erwerben, Bauträger zu finden, Aufträge auszuschreiben oder Immobilienverwalter zu verpflichten. Um nun aber diese in erster Linie koordinierenden Tätigkeiten auszuführen, bedarf es in hohem Maße fachlicher Expertise und entsprechend eines relevanten personellen Unterbaus im Family Office. Daraus ergibt sich, dass ein Family Office eine gewisse Anzahl an hochqualifizierten Mitarbeitern aufweisen muss, um die verschiedenen Bereiche des Family Office bestmöglich zu erfüllen.

Gerade für Unternehmer haben direkte oder indirekte Unternehmensbeteiligungen im Vermögensportfolio auch über das eigene Unternehmen hinaus eine hohe Bedeutung. Hier geht es für das Family Office also darum, bestehende Beteiligungen zu begleiten oder abzustoßen, oder auch darum, neue zu erwerben. Die damit verbundenen Aufgaben sind vielfältig. Sie reichen von der reinen Aufstellung der unterschiedlichen Beteiligungen und der Kontrolle der Geldflüsse über die Marktbeobachtung und Prüfung der Berichte bis hin zu Due-Diligence-Prüfungen für neue Akquisitionen oder auf Wunsch zur langfristigen Interessenvertretung der Familie durch Einnahme eines Platzes im Unternehmensbeirat.

Im Bereich Wertpapieranlagen gibt es bei den Family Offices drei unterschiedliche Ansätze, wenn es um die Umsetzung der Anlagestrategie geht. So liegt es bei bankenabhängigen Family Offices nahe, die Lösungen der eigenen Bank zu berücksichtigen und diese bevorzugt anzubieten. Nicht immer ist das konzerneigene Produkt das tatsächlich für alle Vermögensstrategien der Family-Office-Mandanten passende. Konflikte sind also nicht auszuschließen.

Bei der bereits erwähnten Gruppe von Family Offices mit eigenen vermögensverwaltenden Leistungen für die Family-Office-Kunden ist der Interessenkonflikt vorgegeben –
denn ist die eigene Vermögensverwaltung tatsächlich objektiv besser als eine unabhängige Adresse?

„Ein dritter Ansatz besteht darin, unabhängige Fondsmanager oder Banken zu identifizieren und damit zu beauftragen, die Kapitalanlagen des Mandanten operativ zu betreuen“, so Jörg Hundhausen, Kapitalmarktspezialist bei der Kölner Tresono Family Office AG. An dieser Stelle fungiere das Family Office mithin als Mittler: Es findet passende Partner, führt die Konditionsverhandlungen und überwacht auch langfristig, ob die Ziele der Anlagestrategie erfüllt und Risikorichtlinien, Kostenvereinbarungen und Anlagevorgaben eingehalten werden.

Schritt 4: Langfristige Begleitung

Erfolgreiches Unternehmertum setzt voraus, dass sich die Unternehmer voll und ganz auf ihr Unternehmen konzentrieren und die Anlage des Privatvermögens eher nebenherläuft. Dass also innerhalb der Familien vielfach keine ausreichende Expertise aufgebaut wird, um große Vermögen sachgemäß zu verwalten und zu mehren, ist eine logische Konsequenz, und dass das Interesse an einer eingehenden Beschäftigung mit dem Thema beschränkt ist, legitim. Was also langfristig vonnöten ist, ist ein gut funktionierendes Controlling der Vermögenswerte und eine langfristig vertrauensvolle Begleitung der Familie.

Eine hohe Bedeutung hat hierbei auch die enge Zusammenarbeit mit den Anwälten und Steuerberatern, mit denen die Familien bereits seit Jahren vertrauensvoll zusammenarbeiten. „Als Family Office sind wir nur ein neues Glied in der langen Kette des Gesamtvermögens unserer Mandanten und wir integrieren uns in diese Kette“, so Hocks.

Gerade im Sinne der generationenübergreifenden Anlagestrategie ist beim Family Office langfristiges Denken gefragt: Lohnen sich Immobilieninvestments an einem Standort auch in zehn, 20, 50 Jahren? Welche Branchen lassen perspektivisch positive Entwicklungen erwarten? Langfristige Anlage und langfristige Betreuung gehen hierbei Hand in Hand.

Die langfristige Betreuung hat für Hocks auch einen weiteren entscheidenden Vorteil: „Nur wenn Sie Ihr Vermögen über lange Frist und regelmäßig den notwendigen Sicherheitschecks unterziehen, können Sie auch die entsprechenden Vorbereitungen für veränderte Marktbedingungen treffen. Oder wissen Sie, was mit Ihrer Vermögensanlage passiert, wenn das Zinsniveau von aktuell 0,5 Prozent auf nicht unrealistische 3,0 Prozent ansteigt?“

Maximilian Lange | redaktion@regio-manager.de

CHECKLISTE

Auf diese Punkte sollten Sie bei der Wahl eines
Family Office achten:

  • Können Sie sicherstellen, dass das Family Office ausschließlich Ihre Interessen wahrnimmt und von Ihnen und nicht von dritter Seite bezahlt wird?
       
  • Mithin: Wie ist sichergestellt, dass das Family Office ausschließlich in Ihrem Sinne arbeitet?
       
  • Ist die Vergütung transparent geregelt?
       
  • Sind die Vorgänge transparent?
       
  • Erhalten Sie jederzeit volle Einsicht in alle relevanten Unterlagen und Verträge?
       
  • Haben Sie tiefes menschliches Vertrauen in Ihr Gegenüber und würden mit ihr/ihm offen über das gesamte Innenleben der Familie reden und ihr/ihm sämtliche Verträge und Papiere offenlegen?
       
  • Wie flexibel können Sie das Family Office in Anspruch nehmen? Gibt es eine Verpflichtung zum Gesamtmandat oder können Sie die passenden Bausteine frei auswählen?
       
  • Ist das Family Office personell stark genug aufgestellt, um Sie hinsichtlich aller relevanten Themen wie Beteiligungen, Kapitalmarkt und Immobilien umfassend und kompetent betreuen zu können?
       
  • Ist eine vertrauenswürdige Zusammenarbeit mit den bisherigen Steuerberatern und Anwälten möglich?
       
  • Denkt das Family Office in Ihrem Sinne unternehmerisch oder sind Sie hier nur gewöhnlicher Kunde?
       
  • Sind Ihre Gesprächspartner für Sie gut erreichbar?
       
  • Ist das Family Office langfristig ausgerichtet und bezieht es den Erhalt der Unabhängigkeit sowie bestehende Nachfolgeregelungen mit ein?

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Ausgabe 01/2017